Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.08.2015

21:49 Uhr

Protokoll der Juli-Sitzung

Fed lässt Experten und Märkte ratlos

VonFrank Wiebe

Das Protokoll der US-Notenbank hat keine neuen Erkenntnisse gebracht. Ob es im September eine Leitzinserhöhung geben wird, ist weiterhin unklar. Vielmehr spiegelt der Bericht das Dilemma wider, vor dem die Fed steht.

Das Gebäude der US-Notenbank (Fed) in Washington: Das neuste Fed-Protokoll verdeutlicht einmal mehr das das Dilemma vor dem die Notenbank steht. AFP

Gebäude der US-Notenbank

Das Gebäude der US-Notenbank (Fed) in Washington: Das neuste Fed-Protokoll verdeutlicht einmal mehr das das Dilemma vor dem die Notenbank steht.

New YorkZunächst zogen die Aktienkurse an, nachdem die US-Notenbank (Fed) am Mittwoch das Protokoll ihrer Sitzung im Juli veröffentlicht hat. Offenbar waren die Händler erleichtert, dass daraus zumindest kein klares Signal für eine Zinserhöhung im September abzusehen ist.

Aber rund eine Stunde später waren die Märkte am selben Punkt wie vorher. Der Anleihenmarkt zeigte dagegen deutlicher an, dass Investoren weniger als zuvor an einen Zinsschritt im September glauben.
David Kelly von JP Morgan wies allerdings darauf hin, dass seit der Juli-Sitzung positive Zahlen vom Arbeitsmarkt, aus der Einzelhandelsbranche und vom Immobilienmarkt gekommen sind. Er geht daher weiterhin davon aus, dass die Fed im September zur Tat schreitet.

Die Äußerungen der Mitglieder im geldpolitischen Ausschuss hielten sich so sehr die Waage, dass sie im Endeffekt keinen Aufschluss darüber geben, wie es weitergeht in der Geldpolitik. Harm Bandholz, Chef-US-Ökonom von Unicredit, hob den entscheidenden Satz hervor: „Die meisten urteilten, dass die Bedingungen für eine härtere Geldpolitik noch nicht erreicht seien, aber, dass die Bedingungen sich diesem Punkt nähern.“ Das ist aber genau das, was vorher auch schon bekannt war.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Seit der Sitzung Mitte Juli gab es keine aufschlussreichen Äußerungen von Fed-Chefin Janet Yellen, ihrem Stellvertreter Stanley Fischer oder Bill Dudley, dem Chef der Fed New York. Diese drei, auch „die Troika“ genannt, gelten als die entscheidenden Figuren. Wenn bis zur nächsten Fed Sitzung Mitte September von dieser Seite keine Hinweise kommen, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es noch im September zur ersten Zinserhöhung seit neun Jahren kommt. Denn die Notenbank will Turbulenzen an den Märkten verhindern und wird sie daher auf jede Veränderung vorbereiten.

Das Fed-Protokoll machte erneut das Dilemma deutlich, vor dem die Notenbank steht. Der Arbeitsmarkt würde eine Zinserhöhung nahelegen, die niedrige Inflation spricht dagegen. Hinzu kommt: Die heimische Konjunktur läuft recht gut, aber aus dem Ausland, vor allem aus China, drohen negative Einflüsse.

Bruce Kasman, Chef-Ökonom von JP Morgan, hatte vor kurzem einen Vergleich zu früheren Zinszyklen gezogen. Das Ergebnis: Wenn die Fed in der Vergangenheit begonnen hat, die Zinsen zu erhöhen, war der Arbeitsmarkt meist schwächer als heute, aber das Wachstum deutlich stärker und die Inflation höher.

Das Fed-Protokoll kam etwas früher an die Öffentlichkeit als geplant. Die Nachrichtenagentur Bloomberg, die den Text wie andere große US-Medien vorab bekam, hatte aus Versehen eine Überschrift zu früh publiziert.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Werner Wilhelm

20.08.2015, 08:02 Uhr

Die Vorstellung der Experten und der Märkte die FED könne die Zinsen erhöhen ist schon merkwürdig bis skurril.

Die Niedrigzinsen der Zentralbanken in den entwickelten Industrieländern sind kein vorübergehendes Phänomen, sondern das erwartbare Ende der Geldpolitik wegen hohen Sparquoten auf Grund von hohen Einkommensungleichgewichten. Sollte die FED die Zinsen tatsächlich anheben, dann geht's (c.p.) in den konjunkturellen Abschwung.

Es ist die hohe Zeit der staatlichen Konjunkturprogramme auf Pump gekommen und wenn man Keynes mal bitte schön endlich erst nimmt, dann refinanziert man Zins und Tilgung der Staatsverschuldung durch Steuern an der richtigen Stellen.

Ansonsten geht's ab in die Rezession und dort nicht mehr heraus oder die Staatsverbindlichkeiten werden nur einen Weg kennen: nach oben.

Herr wulff baer

20.08.2015, 09:23 Uhr

Das Fed hat keine Entscheidungsprobleme.
Die Zinsen werden nicht erhöht und wenn ja symbolisch mit 3 Stellen hinter dem Komma.
Genau wie bei unserer Mogelpackung DAX (Zitat Mr.Dax) bei der wir die Draghi-Blase haben, haben die Amis weiterhin für viele Jahre die DOW-Blase, ausgelöst von dem Fed.

Herr Peter Brintrup

20.08.2015, 10:24 Uhr

Statt einer Zinserhöhung werden wir wohl eher QE 4 erleben.

Die positiven Berichte aus USA sind wohl alle gedoktert.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×