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26.08.2013

17:27 Uhr

Pulverfass Arabischer Raum

Ökonomen warnen vor US-Intervention in Syrien

VonDietmar Neuerer, Sebastian Ertinger

ExklusivDer Westen zweifelt kaum daran, dass das Assad-Regime seine Gegner mit Giftgas bekämpft hat und prüft alle Optionen – auch einen Militärangriff. Ökonomen warnen bereits vor den Folgen für die Weltwirtschaft.

Lenkwaffen-Zerstörer USS Mahan (DDG 72) der UIS-Marine: Die USA ziehen im östlichen Mittelmeer zusätzliche Kriegsschiffe zusammen, die unter anderem mit Marschflugkörpern bewaffnet sind. dpa

Lenkwaffen-Zerstörer USS Mahan (DDG 72) der UIS-Marine: Die USA ziehen im östlichen Mittelmeer zusätzliche Kriegsschiffe zusammen, die unter anderem mit Marschflugkörpern bewaffnet sind.

Berlin/DüsseldorfMit großer Sorge blicken Ökonomen in Deutschland auf die wachsende Gefahr eines militärischen Eingreifens in Syrien. „Eine Militärintervention der USA in Syrien könnte unabsehbare Folgen für die Weltwirtschaft haben. Der Konflikt könnte sich sehr leicht auf den ganzen arabischen Raum ausweiten und die Region in ein Pulverfass verwandeln“, sagte der Forschungsdirektor im Bereich International Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Christian Dreger, Handelsblatt Online.

Bereits jetzt seien Länder wie der Libanon in den syrischen Sog geraten. „Eine erhöhte Terrorgefahr und stark steigende Ölpreise könnten die aufkeimende konjunkturelle Erholung in der Weltwirtschaft schnell wieder zunichtemachen“, warnte Dreger. „Und eine allmähliche Wiederannäherung des Irans an den Westen, die für eine Stabilisierung der Region enorm wichtig ist und nach dem Wechsel der dortigen Regierung durchaus möglich erscheint, käme auf diese Weise bestimmt nicht zustande.“

Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, geht zwar davon aus, dass sich die USA in Syrien militärisch nicht nennenswert engagieren würden, zumal es aus Sicht der USA dort „keine auch nur halbwegs zuverlässigen Verbündeten“ gebe. „Greifen die USA wider Erwarten doch in großem Stil ein, steigt das Risiko für die gesamte Region, was den Ölpreis sicher nach oben treiben würde“, sagte Krämer Handelsblatt Online. „Für die Weltwirtschaft wäre dies erfahrungsgemäß aber nur dann ein Problem, wenn der Ölpreis über viele Monate hinweg sehr hoch bliebe.“

Chemiewaffen im syrischen Bürgerkrieg

23. Juli 2012

Die syrische Regierung bestätigt erstmals, über Chemiewaffen zu verfügen. Sie werde diese nur im Falle einer Militärintervention aus dem Ausland einsetzen, niemals aber gegen Syrer.

20. August 2012

US-Präsident Barack Obama warnt, der Einsatz von Chemiewaffen in Syrien – oder auch schon Vorbereitungen dafür – bedeuteten das Überschreiten einer „roten Linie“.

3. Dezember 2012

Die NATO und die Vereinigten Staaten drohen mit „einer unmittelbaren internationalen Antwort“, sollten diese Waffen eingesetzt werden. Ein US-Regierungsvertreter spricht von Erkenntnissen, dass die syrische Regierung alle Komponenten bereithält, um das hochtoxische Nervengas Sarin militärisch einzusetzen. Damaskus erklärt: „Sollten wir über solche Waffen verfügen, werden wir diese nicht gegen unser Volk einsetzen.“

19. März 2013

Regierung und Rebellen in Syrien beschuldigen sich gegenseitig, Chemiewaffen genutzt zu haben.

April/Mai 2013

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon verkündet am 8. April, Inspekteure stünden bereit, um überall in Syrien den Einsatz geächteter Waffen zu untersuchen. Damaskus will die Inspektion geografisch begrenzen. Am 29. Mai informiert Großbritannien die UNO über neue Verdachtsfälle von Chemiewaffeneinsatz.

Juni 2013

„Das Laborergebnis ist eindeutig: Sarin-Gas wurde gefunden“, berichtet der französische Außenminister Laurent Fabius am 4. Juni, nachdem Proben untersucht wurden, die Zeitungsreporter von „Le Monde“ und eine weitere Quelle aus Syrien mitgebracht hatten. Das Weiße Haus beschuldigt die syrische Regierung neun Tage später, Chemiewaffen, darunter Sarin, eingesetzt zu haben, "eine rote Linie" sei damit überschritten. Moskau findet die Beschuldigungen „wenig überzeugend“ und Damaskus nennt sie „Lügen“.

30. Juni 2013

Die israelische Luftwaffe bombardiert laut Angaben aus US-Regierungskreisen eine Stellung mit Boden-Luft-Raketen und eine militärische Anlage nahe Damaskus. Hintergrund sei die israelische Befürchtung, hochentwickelte Waffen sollten an die libanesische Hisbollah geliefert werden, die auf Seiten der Regierung in Syrien kämpft. Die „New York Times“ berichtet, bei dem Angriff sei das wichtigste Forschungszentrum für biologische und chemische Waffen getroffen worden.

Juli 2013

Der russische UNO-Botschafter berichtet am 9. Juli über Beweise, dass die oppositionellen Rebellen das Nervengas Sarin eingesetzt hätten. Washington kommentiert, „noch keinen Beweis zu kennen, der diese Behauptung stützt“. Die Vereinten Nationen wurden am 23. Juli nach eigenen Angaben über 13 mutmaßliche Angriffe mit Chemiewaffen unterrichtet. UN-Chefinspektor Ake Sellström und die UN-Abrüstungsbeauftragte Angela Kane erzielen in Damaskus eine Einigung über das weitere Vorgehen: Die Inspektoren sollen sich demnach auf drei Orte konzentrieren, an denen gemäß früheren Anschuldigungen Chemiewaffen eingesetzt worden seien.

August 2013

Die UNO informiert, dass „die syrische Regierung die grundlegenden Modalitäten akzeptiert“ habe, um die Sicherheit und Effizienz der Inspektion zu gewährleisten. Am 19. August beginnen die am Vorabend in Damaskus eingetroffenen UNO-Experten unter größter Geheimhaltung ihre Suche nach Beweisen für den erfolgten Einsatz von chemischen Waffen. Am 21. August werden nach Oppositionsangaben in von Rebellen beherrschten Ortschaften bei Damaskus bis zu 1300 Zivilisten durch Gaseinsätze getötet. Westliche Regierungen fordern, die UNO-Inspektoren im Lande sollten sofort diesen Fall untersuchen.

Russland warnte den Westen vor einem militärischen Vorgehen. Außenminister Lawrow sagte in Moskau, eine Intervention ohne Mandat des Uno-Sicherheitsrates verstoße gegen internationales Recht. US-Verteidigungsminister Hagel betonte, die Regierung in Washington werde sich eng mit der internationalen Gemeinschaft abstimmen. Nach Angaben der französischen Regierung soll in den kommenden Tagen über das Vorgehen entschieden werden.

Die Chemiewaffen-Inspekteure der Vereinten Nationen nahmen nach Agenturberichten in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus ihre Arbeit auf. Sie untersuchen den vermuteten Giftgas-Angriff, bei dem vergangene Woche hunderte Menschen getötet wurden. Der Konvoi der Uno-Experten war zuvor unter Beschuss geraten, Verletzte gab es aber nicht. Das syrische Staatsfernsehen machte Rebellen für den Angriff verantwortlich.

Kommentare (17)

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Uran-fuer-Syrien

26.08.2013, 17:39 Uhr

„Die Obama-Regierung will nach dem politischen Desaster der Kriege im Irak und in Afghanistan eine direkte Beteiligung von US-Kampftruppen in Syrien auf jeden Fall vermeiden.“

Dennoch koordiniere die CIA den von Saudi-Arabien und Katar finanzierten Waffenkauf in Kroatien, sagte Meyer. Es gebe einen Bericht darüber, dass diese Waffen von der Türkei durch die CIA an die Kämpfer der Freien Syrischen Armee verteilt würden. „Für die USA ist dabei vor allem wichtig, dass keine tragbaren Boden-Luft-Raketen geliefert werden, die nach dem Sturz des Assad-Regimes gegen den Westen oder Israel eingesetzt werden können.“ Genau diese Waffen benötigen jedoch die syrischen Rebellen, da die reguläre syrische Luftwaffe die totale Lufthoheit im gesamten Land hat und so fast ungehindert Angriffe gegen von den Rebellen besetzte Gebiete fliegen kann.

Außerdem verläuft der Konflikt in Syrien zunehmend entlang konfessioneller Trennlinien und radikale Gruppen gewinnen auch innerhalb der Opposition an Einfluss. Mittlerweile bekämpfen sich auf syrischem Boden auch mehrere nichtsyrische Parteien, so etwa die schiitische Hisbollah-Kämpfer und salafistische Freischärler. (dtj/dpa)

Account gelöscht!

26.08.2013, 17:41 Uhr

Das ist hier genauso gefährlich, wenn nicht noch gefährlicher als die Kuba-Krise in den 60ern.

Wieder steht die Welt vor einem drohenden Weltkrieg.

Russland und China werden reagieren.

JamieDimon

26.08.2013, 17:44 Uhr

Ob Menschen bei einer weiteren Eskalation des Syrienkonflikts sterben, interessiert überhaupt niemanden, Hauptsache die Märkte, das goldene Kalb der westlichen Zivilisation, nehmen keinen Schaden. Was für eine völlig kranke und preverse Berichtserstattung.

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