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26.06.2012

15:33 Uhr

Retter für die Wirtschaft

Der unerschrockene Konsument

VonJan Mallien

Für die deutsche Wirtschaft sieht es derzeit nicht gut aus. Die Euro-Krise schlägt massiv auf die Stimmung von Firmen und Finanzexperten. Es gibt jedoch eine Ausnahme, die sich nicht von der Krise beeindrucken lässt.

Konsumklima: Deutsche kaufen sich aus der Krise

Video: Konsumklima: Deutsche kaufen sich aus der Krise

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DüsseldorfSelten hat sich der Ausblick für die deutsche Wirtschaft in wenigen Wochen so verschlechtert, wie jetzt. Wichtige Stimmungsbarometer sind drastisch eingebrochen. Sie zeigen, dass Unternehmen und Finanzmarktexperten die Zukunftsaussichten deutlich schlechter einschätzen. Die ZEW-Konjunkturerwartungen von Anlegern und Analysten fielen zuletzt so stark wie seit 1998 nicht mehr, der Ifo-Index über die Stimmung der Unternehmen sank auf den niedrigsten Wert seit März 2010.

Bei all den schlechten Signalen gibt es jedoch eine große Ausnahme: Der deutsche Konsum. Er hält der Krise stand, wie die neuesten Daten des Marktforschungsinstituts GfK zeigen. Trotz aller Krisen-Signale kletterte das Konsumklima-Barometer im Juli überraschend von 5,7 auf 5,8 Punkte, teilten die GfK-Marktforscher mit. Auf der anderen Seite gingen die Konjunkturerwartungen der Konsumenten von 16,6 auf 3,0 Punkte dramatisch zurück. Zusammengefasst bedeutet das: Die Deutschen sehen die Wirtschaftslage skeptischer, aber sie lassen sich nicht davon abbringen ihr Geld auszugeben.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Für die deutsche Wirtschaft ist das ein Glücksfall. Während die schwankungsanfälligen Exporte durch die Krise schnell in Mittleidenschaft gezogen werden, geben der Konsum und die Bauwirtschaft derzeit Hoffnung. Der Bau profitiert nach vielen schwachen Jahren vom besonders niedrigen Zinsniveau. Doch im Vergleich zum Konsum ist er zu klein um der Wirtschaft starke Impulse zu geben.

Der Konsum hingegen hat deutlich mehr Gewicht: Die Konsumausgaben lagen 2011 in Deutschland bei fast 2 Billionen Euro - und damit deutlich über dem Wert der Exporte (1,3 Billionen Euro). Die Bauinvestitionen machten hingegen mit 255 Milliarden Euro nur etwa ein Fünftel der Exporte aus.

Gfk-Index steigt überraschend: Der Konsument rettet die Konjunktur

Gfk-Index steigt überraschend

Der Konsument rettet die Konjunktur

Trotz wachsender Konjunktursorgen steigt die Kauflaune der Deutschen.

Die guten Aussichten für den Konsum haben aus Sicht von Experten zwei Ursachen: "Die Arbeitsmarktlage ist gut und die Einkommen steigen," fasst ifo-Konjunkturchef Kai Carstensen zusammen. Seit der Finanzkrise ist die Arbeitslosenzahl in Deutschland von etwa 3,5 Millionen im Jahr 2009 auf inzwischen deutlich unter 3 Millionen gefallen. Dies macht sich besonders stark beim Konsum bemerkbar, weil grade untere Einkommensschichten einen besonders großen Teil ihres Einkommens für Konsum ausgeben.

Kommentare (5)

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rxm

26.06.2012, 15:52 Uhr

Die Konsumenten sind nicht unerschrocken sondern panisch. Sie geben ihr Geld aus, weil es bald nichts mehr wert ist. Also wird gebaut wie verrückt oder man gibt das Geld für Anschaffungen aus, die früher immer aufgeschoben wurden. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Konsumenten haben ihr geringes Vertrauen in den Euro gänglich verloren.

Account gelöscht!

26.06.2012, 16:40 Uhr

"Die guten Aussichten für den Konsum haben aus Sicht von Experten zwei Ursachen: "Die Arbeitsmarktlage ist gut und die Einkommen steigen,"
Tolle Experten.
Es gibt nur eine tatsächliche Ursache, die Leute geben ihr Geld aus bevor Merkel, Schäuble und Co. es vernichten.

gdopamin

26.06.2012, 16:44 Uhr

Genau.

Dieser Artikel im Handelsblatt ist wieder mal ein hervorragendes Beispiel, wie man sich die Welt schön basten kann.
Nur ein paar Informationen weglassen, ein paar Halbwahrheiten und ein paar Jubelarien dazu und schon wird aus dem Konsumenten, der aus Zukunftsängsten sein Geld lieber in bleibenden Wert verjubelt, der Retter und die Hoffnung der deutschen Wirtschaft und das sogar für die nächsten Jahre.

„Durch das fehlende Vertrauen in die Finanzmärkte und historisch niedrige Zinsen hielten es viele Konsumenten derzeit für nicht sehr attraktiv, ihr Geld auf die hohe Kante zu legen. „Stattdessen tendieren sie eher dazu, werthaltige Anschaffungen zu tätigen“, sagte GfK-Experte Bürkl.“

Propaganda wie zu besten sozialistischen Zeiten. Da hat in der Zeitung auch nur das Datum gestimmt.

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