Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.01.2012

14:08 Uhr

Rezession in der Euro-Zone

Deutschland trotzt dem düsteren Ausblick

VonJan Mallien, Finn Mayer-Kuckuk

Berlin macht auf Optimismus: Deutschland finde zu höherem Wachstum zurück. Das steht in krassem Gegensatz zu den Aussichten für die Euro-Zone. Handelsblatt Online erklärt, warum Deutschland eine Sonderrolle hat.

2012: Deutschland wächst langsam aber stetig

Video: 2012: Deutschland wächst langsam aber stetig

Ihr Browser unterstützt leider die Anzeige dieses Videos nicht.

Bei der Vorstellung des Jahreswirtschaftsberichts der Bundesregierung strahlte Wirtschaftsminister Rösler großen Optimismus aus. Die deutsche Wirtschaft sei nach wie vor in einer „erfreulich robusten Verfassung“, sagte er. Nach einer „Wachstumsdelle“ im Winter werde die Wirtschaft im Laufe des Jahres wieder zu einem höheren Wachstum zurückfinden. Auf Jahressicht sei ein Wachstum von 0,7 Prozent drin. „Von Rezession kann überhaupt nicht die Rede sein.“

Röslers Optimismus steht in krassem Gegensatz zu dem, was die restliche Welt für dieses Jahr erwartet. Die Weltbank warnt in ihrem aktuellen Bericht vor einer Rezession in der Euro-Zone. „Eine weitere Eskalation der Krise wird keine Ausnahmen kennen“, schreibt Weltbank-Ökonom Andrew Burns. Die Wirtschaft der Euro-Länder soll seiner Vorhersage nach um 0,3 Prozent schrumpfen. In ihrem vorigem Wachstumsausblick im Juni hatte die Weltbank noch mit einem Plus von 1,8 Prozent für die Eurozone gerechnet.

So bewertet S&P die Euro-Länder

Belgien

Aktuelles Rating: AA

Ausblick: negativ

Deutschland

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: stabil

Estland

Aktuelles Rating: AA-

Ausblick: negativ

Finnland

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: negativ

Frankreich

Aktuelles Rating: AA+

Ausblick: negativ

Irland

Aktuelles Rating: BBB+

Ausblick: negativ

Italien

Aktuelles Rating: BBB+

Ausblick: negativ

Luxemburg

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: negativ

Malta

Aktuelles Rating: A-

Ausblick: negativ

Niederlande

Aktuelles Rating: AAA

Ausblick: negativ

Österreich

Aktuelles Rating: AA+

Ausblick: negativ

Portugal

Aktuelles Rating: BB

Ausblick: negativ

Slowakei

Aktuelles Rating: A

Ausblick: stabil

Slowenien

Aktuelles Rating: A+

Ausblick: negativ

Spanien

Aktuelles Rating: A

Ausblick: negativ

Zypern

Aktuelles Rating: BB+

Ausblick: negativ

Falls es zu einer weltweiten Krise komme, könne der Abschwung deutlich länger ausfallen als 2008/2009, befürchtet die Weltbank: „Die reicheren Länder haben nicht mehr die fiskalischen und monetären Ressourcen, um die Banken zu retten oder die Nachfrage anzuregen.“ Die Verlangsamung der weltweiten Wachstums zeige sich bereits jetzt in austrocknenden Warenströmen und sinkenden Rohstoffpreisen, so Burns. „Die Weltkonjunktur hat eine gefährliche Phase erreicht.“

Noch eindringlicher sind die Warnungen aus dem globalen Finanzzentrum London. „Wenn die Historiker von morgen auf die Große Stagnation zurückblicken, die die reichen Länder zu Beginn des 21. Jahrhunderts heimsuchte, könnte das Jahr 2012 als deprimierender Wendepunkt hervorstechen, “schrieb das renommierte britische Wochenmagazin The Economist zu Jahresbeginn. 2012 könnte das Jahr sein, in dem ein schwacher Aufschwung durch politische Fehler niedergeprügelt werde.

Auch IWF-Chefin Lagarde warnte Ende 2011 vor einer Weltwirtschaftskrise wie in den 30er Jahren, wofür sie sich prompt Kritik vom Chef der deutschen Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, einhandelte. „Rezessionen lassen sich auch herbeireden. Frau Lagarde wäre wirklich gut beraten, bei ihrer Wortwahl zurückhaltender zu sein“, sagte Franz im Dezember in einem Handelsblatt-Interview.

Warum steht Deutschland so viel besser da als seine Nachbarn? Nach wie vor ist die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Exportindustrie hervorragend. Sie hat sich sogar durch die Angst um den Euro noch weiter verbessert. Für viele Anleger ist der Euro kein sicherer Hafen mehr, so wie es früher die D-Mark war. Das führt dazu, dass sie in den US-Dollar flüchten und so den Wechselkurs des Euro drücken.

Die 10 Gebote für die Euro-Zone

1. Du sollst nicht über deine Verhältnisse leben

Kein Staat darf sein Defizit über drei Prozent der Wirtschaftsleistung steigen lassen. Tut er es doch, wird automatisch eine Geldstrafe gegen ihn verhängt.

2. Du sollst gerechte Strafen nicht verhindern

Der EU-Finanzministerrat darf Strafverfahren gegen Haushaltssünder nur noch in absoluten Ausnahmefällen stoppen - und dann nur mit Zweidrittelmehrheit. Das wird im neuen EU-Vertrag von Lissabon festgeschrieben.

3. Du sollst Rücksicht auf nachfolgende Generationen nehmen

Jeder Euro-Staat muss eine Schuldenbremse in seiner Verfassung verankern. Der europäische Pump-Kapitalismus gehört der Vergangenheit an.

4. Du sollst Ehrfurcht vor dem Europäischen Gerichtshof haben

Euro-Länder, die die Schuldenbremse nicht vorschriftsgemäß in ihrer Verfassung verankert haben, können vor dem europäischen Gerichtshof verklagt werden. Damit bekommt Europa in Finanzfragen Vorrang vor den Nationalstaaten.

5. Du sollst Investoren nicht verunsichern

Der griechische Schuldenschnitt bleibt ein einmaliger Sündenfall, der sich nicht wiederholen darf. Rechtsicherheit für Investoren wird im Gründungsvertrag des permanenten Euro-Rettungsschirms ESM festgeschrieben.

6. Du sollst für Wirtschaftswachstum sorgen

Die Euro-Zone bekommt eine echte Wirtschaftsregierung: Die Regierungschefs der Mitgliedstaaten treffen sich jeden Monat zu einem Gipfel, um ihre Wirtschaftspolitik zu koordinieren und das Wachstum gemeinsam anzukurbeln.

7. Du sollst die Unabhängigkeit der EZB achten

Die Europäische Zentralbank ist und bleibt unabhängig. Sie entscheidet selbst, ob und wie viele Staatsanleihen sie ankauft. Die Regierungen der Euro-Zone äußern sich dazu nicht.

8. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Geld

Euro-Bonds sind nicht geeignet, die Schuldenkrise zu lösen. Sie werden vorläufig nicht eingeführt. Jeder Euro-Staat haftet weiter individuell für seine Schulden.

9. Du sollst auf die großen Volkswirtschaften hören

Deutschland und Frankreich übernehmen als größte Volkswirtschaften de facto die politische Führung in der Euro-Zone. Das steht so nirgends, wird aber von fast allen akzeptiert.

10. Du sollst das Kerneuropa als neue Wirklichkeit anerkennen

Die Euro-Zone marschiert voran in Richtung Fiskalunion und lässt dabei notfalls die zehn Nicht-Euro-Länder hinter sich. Wenn EU-Vertragsänderungen nicht mit allen 27 Staaten machbar sind, werden sie eben von den 17 Euro-Ländern allein beschlossen.

Kommentare (17)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

18.01.2012, 14:34 Uhr

"DiskussionKommentare zu: Deutschland trotzt dem düsteren Ausblick"

Sehr interessant. Aber wer ist Deutschland?

Account gelöscht!

18.01.2012, 14:36 Uhr

Deutschland braucht eine stärkere Währung, die den deutschen Wohlstand mehrt.
Der Euro ist noch zu stark für die PIGS inkl. Frankreich, aber für Deutschland viel zu weich. Die deutschen Exporte werden dann nur auf den Euro attribuiert mit der Forderung, dass die Deutschen die Schulden der anderen Europäer übernehmen. Weil ja die Deutschen so viel vom Euro gehabt haben. Aber wer sind "die Deutschen"? Die Exportindustrie gehört über die Anteilseigner zumeist den Angloamerikanern. Die profitieren. Der Steuerzahler hat nichts vom Euro - im Gegenteil. Der deutsche Wohlstand wird durch den Euro völlig vernichtet. Und das werden die Deutschen in ein paar Jahren sehen - und natürlich nicht mehr auf den Euro attribuieren. Sondern sich weiter belügen und betricksen lassen. Selbst schuld. Politische Naivität ist ziemlich dumm...

Account gelöscht!

18.01.2012, 14:40 Uhr

Zum Kuckuck mit dem DAX. Er will einfach nicht, wie vom Handelsblatt schon im Morgengrauen düster vorhergesagt. Merke: Warte erst mal ab was der Xetra sagt, bevor Du Deine auf Grund von Frühaufsteherindikatoren vorhergesagten Prophezeiungen wieder relativieren musst. Auf längere Sicht wirst Du natürlich rechtbehalten, denn auf jede Hausse folgt irgendwann eine Baisse
(= grundlegende Börsenregel).

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×