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13.06.2014

16:38 Uhr

Risiken für westliche Länder

Irak-Eskalation alarmiert Ökonomen

VonDietmar Neuerer

ExklusivIm Irak sind die islamistische Kämpfer auf dem Vormarsch. Der Konflikt drückt auf die Finanzmärkte und befeuert den Ölpreis. Ökonomen sehen auch Konjunkturrisiken für den Westen, sollte sich die Krise weiter zuspitzen.

Nach der Explosion einer Autobombe in Khadiyah, nördlich von Bagdad: Bei den jüngsten Kämpfen sind nach Angaben der Uno Hunderte Menschen ums Leben gekommen. dpa

Nach der Explosion einer Autobombe in Khadiyah, nördlich von Bagdad: Bei den jüngsten Kämpfen sind nach Angaben der Uno Hunderte Menschen ums Leben gekommen.

BerlinDer Vormarsch islamistischer Kämpfer im Irak könnte zu einem immer größeren Risiko für die Aktienmärkte werden. „Eine Eskalation im Nahen Osten würde auf einen Markt treffen, der erstens heiß gelaufen ist und zweitens in einer Art Sorglosigkeit den Sommerschlaf angetreten hat“, warnt Jens Klatt, Chef-Marktanalyst des Brokerhauses FXCM. „In Schwung kommende Gewinnmitnahmen gepaart mit steigender Nervosität könnten den Dax schnell ein paar hundert Punkte kosten.“ In der abgelaufenen Woche verlor der Leitindex etwa 1,5 Prozent.

Nach Einschätzung von Ökonomen in Deutschland könnte eine Ausweitung der Kämpfe außerdem zu einem massiven Ölpreisanstieg führen. Der rasche Vormarsch der Isis-Milizen zeige, wie labil die Staaten in der Region sind. „Die wirtschaftlichen Fortschritte im Norden und im Süden des Irak sind bedroht“, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, Handelsblatt Online.  Zwar seien westlichen Länder von der Tragödie im Irak und in Syrien „wirtschaftlich kaum direkt betroffen“. Aber wenn die Situation weiter eskaliere und Ölproduktion im Süden des Irak Schaden nehme, „würde der Ölpreis massiv steigen“.

Die Terrorgruppe Islamischer Staat

Ziel

Die Organisation Islamischer Staat (IS), früher Islamischer Staat im Irak und in Syrien (Isis) genannt, gehört zu den radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Sie kämpft für einen sunnitischen Gottesstaat im arabischen Raum.

Ursprung

Der IS ging aus dem irakischen Widerstand der 2003 gegründeten Gruppe „Tawhid und Dschihad“ hervor, die sich gegen die US-Invasion im Irak wandte. Erster Anführer war der für seine Grausamkeit berüchtigte Jordanier Abu Mussab al-Sarkawi. Seit 2013 leitet der Iraker Abu Bakr al-Baghdadi den IS.

Aktivitäten

Die Gruppe griff Im Irak nicht nur US-Soldaten an, sondern verübte auch Selbstmordanschläge auf Schiiten und Christen im Land. Al-Sarkawi wurde 2006 von der US-Armee getötet. Seither führen Iraker die Organisation. Deren zweiter früherer Name „Islamischer Staat im Irak und der Levante“ verdeutlicht den Anspruch, einen sunnitischen Großstaat zwischen Mittelmeer und Euphrat zu errichten.

Entwicklung

An Macht gewann der IS, als sie sich im Frühjahr 2013 in den syrischen Bürgerkrieg einmischte. Dort überwarf sie sich mit der aus syrischen Salafisten bestehenden Al-Nusra-Front, obwohl beide Gruppen damals dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestanden.

Standorte

Vor allem im Nordosten Syriens greift der IS syrisch-kurdische Städte an und massakriert die Zivilbevölkerung. Im Irak profitiert die Miliz vom Streit der von Schiiten dominierten irakischen Regierung mit den sunnitischen Parteien des Landes. Am 29. Juni rief der IS das Kalifat in den von im kontrollierten Gebieten aus – mit al-Baghdadi als Kalif.

Finanzierung

Der IS finanzierte sich anfangs vor allem durch Spenden aus den Golfstaaten Katar und Saudi-Arabien, aber auch durch Wegzölle entlang der Grenzen zwischen Irak und Syrien. Mit den Landgewinnen nahmen die Gewinne aus illegalen Ölverkäufen der kontrollierten Felder zu.

Söldner

In den Reihen der Gruppe kämpfen internationale Brigaden, darunter Muslime aus Nordafrika und den arabischen Golfstaaten sowie Konvertiten aus Europa und Nordamerika.

Krämer begründete seine Sorge damit, dass der Irak jährlich rund 3,5 Millionen Fass Rohöl fördere – und damit mehr als der Iran (2,5 Millionen). Der Irak sei hinter Saudi-Arabien der zweitwichtigste Ölproduzent. „Wenn die weltweit geförderte Menge um eine Millionen Fass sänke, würde sich der Ölpreis um fünf bis zehn Dollar verteuern“, sagte Krämer und fügte hinzu: „Hier liegen die Risiken für die westlichen Volkswirtschaften.“

Die Kämpfe trieben den Ölpreis am Freitag auf ein Neunmonats-Hoch. Aus Furcht vor den Folgen einer möglichen Störung der irakischen Ölexporte für die Weltwirtschaft trennten sich Investoren von Aktien und nahmen Kurs auf „sichere Häfen“ wie Gold oder Staatsanleihen.

Die Nordseeöl-Sorte Brent und das US-Öl WTI verteuerten sich in der Spitze um jeweils mehr als ein Prozent auf 114,69 und 107,68 Dollar je Barrel (159 Liter). „Das sollte für die Aktienmärkte ein Warnzeichen sein“, sagte FXCM-Analyst Klatt. „Es besteht die Gefahr, dass sich die USA wieder in diesen Konflikt mit hineinziehen lassen, was zu ernsthaften Turbulenzen an den Börsen führen sollte.“ Für Aktienanleger sei das Thema allerdings auch ein willkommener Anlass, um nach dem jüngsten Rekordlauf Gewinne mitzunehmen, sagten Händler.

Kommentare (4)

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13.06.2014, 15:23 Uhr

"Der rasche Vormarsch der Isis-Milizen zeige, wie labil die Staaten in der Region sind. "
Nun können die USA jubeln! Ziel erreicht. Region destabilisiert und wieder einen neuen Krisenherd geschaffen.

Account gelöscht!

13.06.2014, 16:52 Uhr

Washingtons neue Strategie: das "Outsourcing" von Kriegen?

Es gibt ein neues Element in den Kriegen in Afghanistan, Irak, Syrien und jetzt auch der Ukraine: Washingtons setzt auf Globalisierung und das "Outsourcing" der Führung seiner Kriege.

Tatsächlich bedeutet es die Privatisierung des Krieges, ein Zurück zum Mittelalter, als Kriege noch Privatfehden zwischen verfeindeten Prinzen waren.
Söldner – oder private militärische Dienstleister, wie sie das Pentagon lieber nennt – brauchen sich vor keinem Militärtribunal für begangene Grausamkeiten zu verantworten.

Die Söldner bringen Zerstörung und Chaos über die Länder, in die sie entsandt werden.
Und es zeigt sich immer deutlicher, dass einige Planer in Washington genau dies beabsichtigen.

Sie bestehen darauf, als "Private Sicherheits- und Militärunternehmen", im Pentagon-Jargon "PMC" [für "Private Military Contractor"], bezeichnet zu werden.

Solche Abkürzungen helfen zu verschleiern, was wirklich vor sich geht.
Während des Irakkriegs Anfang 2004 ordnete der damalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld die Anwerbung paramilitärischer Söldner an, die im Irak Dinge tun sollten, die den offiziellen US-Soldaten von der Genfer Konvention untersagt sind.

Das schloss die Folter im berühmt-berüchtigten Abu-Ghraib-Gefängnis genauso ein wie Morde an unschuldigen Zivilisten durch Todes-Schwadrone.

Alles im Interesse von Rumsfelds finsterem Plan, im Irak so viel Chaos zu erzeugen, dass die Einrichtung dauerhafter Stützpunkte in dem Land mit den zweitgrößten bekannten Ölvorkommen der Welt gerechtfertigt war.

Rumsfeld wollte Söldner oder PMCs einsetzen, weil er genau wusste, dass das, was er im Irak beabsichtigte, gegen sämtliche Regeln eines zivilisierten Krieges verstieß – sofern ein Krieg überhaupt jemals zivilisiert sein kann.

Siehe Teil 2

Account gelöscht!

13.06.2014, 16:53 Uhr

Da die US-Regierung 2004 de facto eine "Besatzungsregierung" unter Führung von Prokonsul Paul Bremer III war, machte Washington geltend, diese privaten Söldner fielen nicht unter die klar formulierten Regeln der UNO!

2004 beorderte Rumsfeld persönlich Oberst James Steele in den Irak, um dort einen Kleinkrieg oder "Bandenkrieg" zu entfesseln und auf diese Weise mehr radikalisierte Dschihadisten zu schaffen.

Steele, ein Veteran der US-Sondereinsatzkräfte, organisierte paramilitärische Gruppen im Irak.
CIA wollte schiitische Milizen auf die Beine stellen, die gegen säkulare, Saddam-treue Nationalisten von der Baath-Partei kämpften. Dazu wurde ihnen erlaubt, irakischen Sicherheits- und Polizeikräften, einschließlich eines Sonderpolizeikommandos, beizutreten. Zum SPC gehörten zahlreiche Mitglieder der Badr-Brigaden, die 1982 im Iran als militärischer Arm des Obersten Rates für die Islamische Revolution im Irak (SCIRI) aufgestellt worden waren.

Von Steele und US-Sondereinheiten organisierte rechtsgerichtete "Todeskommandos" waren in den 1980er Jahren für Morde und Folterungen im "schmutzigen Krieg" in El Salvador verantwortlich. Amnesty International schrieb 2001 in einem Bericht, unter Steele habe es "Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil, andere ungesetzliche Tötungen, ›Verschwinden‹ und Folter" gegeben. "…Ganze Dörfer wurden von den Streitkräften ins Visier genommen und ihre Einwohner massakriert." Steele führte ein Team von 55 Angehörigen der US-Sondereinsatzkräfte, die als "Berater" der salvadorianischen Armee tätig waren.

2004 tauchte Oberst James Steele im Irak wieder auf, persönlich eingeladen vom US-Verteidigungsminister, um seine Fähigkeiten einzusetzen. Steele war Rumsfeld direkt unterstellt und nicht seinen regulären Vorgesetzten, ein höchst ungewöhnliches Verfahren.

Siehe Teil 3

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