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15.11.2011

14:07 Uhr

Risikofaktor Euro

Deutsche Wirtschaft gerät in Rutschgefahr

VonJan Mallien

Die deutsche Wirtschaft ist im dritten Quartal kräftig gewachsen. Doch die Frühindikatoren fallen miserabel aus. Der Winter könnte hart werden. Ob das Frühjahr besser wird, hängt von der europäischen Schuldenkrise ab.

Ein Verkehrsschild warnt vor Rutschgefahr. ap

Ein Verkehrsschild warnt vor Rutschgefahr.

DüsseldorfEs waren konsumfreudige Verbraucher, die der deutschen Wirtschaft im dritten Quartal trotz Schuldenkrise zu kräftigem Wachstum verholfen haben. Das Bruttoinlandsprodukt legte von Juli bis September um 0,5 Prozent zum Vorquartal zu, teilte das Statistische Bundesamt in einer ersten Schätzung mit. Auch die Handelsblatt-Prognosebörse hatte ein Wachstum von 0,55 Prozent vorausgesagt.

Die Freude über die guten Zahlen währte jedoch nur kurz und wurde bald darauf durch den ZEW-Frühindikator getrübt, der kräftig zurück ging.

Dabei sieht der Status quo gar nicht schlecht aus. Das Statistikamt revidierte auch seine Schätzung für das zweiten Quartal von 0,1 auf 0,3 Prozent nach oben. Ökonomen werteten dies positiv. "Die Zahlen passen besser in unser Konjunkturbild," sagte der Konjunkturchef des Münchener ifo-Instituts, Kai Carstensen, im Gespräch mit Handelsblatt Online.

Der Commerzbank-Chefvolkswirt, Jörg Krämer, führt einen Teil des Wachstums im dritten Quartal allerdings auf einen Sondereffekt zurück. Die deutschen Autohersteller hätten im Sommer anders als üblich durcharbeiten lassen. Deshalb sei die Autoproduktion im dritten Quartal ungewöhnlich stark gestiegen. "Das hat das Wachstum um 0,2 bis 0,3 Prozent erhöht," sagte Krämer.

Noch im August waren die Statistiker davon ausgegangen, dass die deutsche Wirtschaft im zweiten Quartal stagniert sei - und hatten damit die Märkte in Angst versetzt. Damals war darüber diskutiert worden, dass Deutschland seine Funktion als Lokomotive für das Wachstum in der Euro-Zone verliert.

Tatsächlich zeigen die neuesten Zahlen aus der Eurozone weiterhin große Wachstumsunterschiede an: Spaniens Wirtschaft stagnierte im Sommer, während die portugiesische sogar um 0,4 Prozent schrumpfte. Frankreich hingegen schaffte ein Plus von 0,4 Prozent.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Das relativ gute Abschneiden der deutschen Wirtschaft wird sich aber in den beiden Winterquartale voraussichtlich nicht fortsetzen. "Die zuletzt eingebrochenen Frühindikatoren deuten darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft im vierten Quartal kaum noch wachsen, vielleicht sogar schrumpfen wird," sagte, Jörg Krämer. Auch Kai Carstensen rechnet mit sehr schwachen Winterquartalen. Für das Gesamtjahr 2012 erwartet er allerdings keine Rezession.

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

15.11.2011, 14:20 Uhr

Wenn es zu spät ist, wird sich die deutsche (Export-)Wirtschaft vom Euro abwenden. Vorher nicht. Analog war die Situation mit der Deutschen Reichsmark 1923!

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