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19.01.2016

15:15 Uhr

Rohstoffpreise drücken Inflation

EZB-Geldflut belebt das Kreditgeschäft

Die Mini-Inflation hält an, trotz der lockeren Geldpolitik der EZB. Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die Kreditvergabe europäischer Banken zieht an. Reicht das, um die Preise in der Euro-Zone anzuheizen?

Die sinkenden Preise für Rohstoffe arbeiten gegen die Währungshüter. dpa

EZB und Kohle

Die sinkenden Preise für Rohstoffe arbeiten gegen die Währungshüter.

Brüssel/BerlinDie EZB bringt mit ihrer Geldflut das Kreditgeschäft besser in Gang, ohne jedoch die unerwünscht niedrige Inflation anzufachen. Die Geldhäuser lockerten die Bedingungen für die Vergabe von Darlehen an Firmen in den letzten drei Monaten des vergangenen Jahres, wie die Europäische Zentralbank (EZB) am Dienstag mitteilte. In Italien, wo eine Reihe von Finanzhäusern unter einer hohen Last ausfallgefährdeter Kredite ächzt, wurden die Standards besonders stark gelockert. In Frankreich verschärften sich die Vergaberegeln hingegen. Wie aus der Umfrage unter mehr als 400 Banken in der Euro-Zone weiter hervorgeht, hat auch die Nachfrage der Firmen nach Darlehen beträchtlich zugenommen. Für Anfang 2016 wird mit einer Fortsetzung des Trends gerechnet.

Die EZB kauft seit dem Frühjahr 2015 massenhaft Staatsanleihen auf. Diese Anlageklasse soll so für Geschäftsbanken unattraktiver werden. Stattdessen wird gehofft, dass die Institute dann mit mehr Krediten der Konjunktur Schwung verleihen. „Der aufgehellte Ausblick für den Kreditmarkt zeigt, dass die geldpolitischen Maßnahmen greifen“, sagte Ökonom Peter Vanden Houte von der niederländischen Bank ING.

Der Werkzeugkasten der EZB

Leitzins

Das wichtigste Instrument ist der Leitzins, also der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der Notenbank Geld ausleihen können, um es dann zum Beispiel als Kredit an Unternehmen und Verbraucher weiterzugeben. Im August 2016 liegt der EZB-Zins bei historisch niedrigen 0,0 Prozent. Niedrige Zinsen können die Konjunktur ankurbeln.

Einlagezins

In normalen Zeiten bekommen Geschäftsbanken von der EZB Zinsen für überschüssiges Geld, das sie bei der Zentralbank parken. Im Juni 2014 senkten die Währungshüter den Zins unter die Nullgrenze. Aktuell müssen die Kreditinstitute einen Strafzins von 0,4 Prozent zahlen. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro und ein Abbau der Einlagen der Banken bei der EZB.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings diesmal in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Staatsanleihen Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euro-Länder bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen. Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen bisher keine Anleihe.

Quantitative Lockerung

Für die sogenannte Quantitative Lockerung druckt sich die Zentralbank quasi selbst Geld und kauft damit in großem Stil Anleihen - Staatsanleihen und andere Papiere wie Unternehmensanleihen. Das tut die EZB seit März 2015. Bis mindestens Ende März 2017 wollen die Währungshüter auf diese Weise 1,74 Billionen Euro in den Markt pumpen. Das soll die Konjunktur ankurbeln und die anhaltend niedrige Inflation wieder in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter 2,0 Prozent befördern.

Trotz der großen Geldflut bleibt die Inflation in der Euro-Zone jedoch am Boden. Die Preise stiegen im Dezember nur um 0,2 Prozent. Damit liegt die Jahresteuerung nur knapp über dem Wert des Vormonats und deutlich unter der EZB-Zielmarke. Die Währungshüter streben einen Wert von knapp zwei Prozent an, der als optimal für die Konjunkturentwicklung gilt.

Insbesondere der Verfall der Ölpreises macht den Hütern des Euro derzeit einen Strich durch die Rechnung. So verbilligte sich Energie gegenüber dem Vorjahr um 5,8 Prozent. Die Kosten für Dienstleistungen zogen hingegen um 1,1 Prozent an. Unverarbeitete Nahrungsmittel wie Obst, Gemüse und Fleisch verteuerten sich sogar um zwei Prozent.

Die EZB hat ihr umstrittenes Anleihen-Kaufprogramm im Dezember auf 1,5 Billionen Euro ausgeweitet. Sie will verhindern, dass eine deflationäre Abwärtsspirale aus fallenden Preisen, sinkenden Löhnen und stockenden Investitionen in Gang kommt, die eine Wirtschaft auf Jahre lähmen kann. Die meisten von Reuters befragten Volkswirte rechnen damit, dass die Währungshüter am Donnerstag auf der ersten Ratssitzung im neuen Jahr keine neuen Maßnahmen beschließen werden. Der Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Maurice Obstfeld, erwartet jedoch, dass sie letztlich noch nachlegen werden, wenn neue Wirtschaftsdaten es erfordern.

Inflation: Fragen und Antworten

Warum sinken die Preise?

Hauptgrund ist der Absturz der Rohölpreise. Der Schmierstoff der globalen Wirtschaft verbilligte sich an den Weltmärkten seit vergangenem Sommer um gut die Hälfte. Das drückt die Preise für Heizöl und Kraftstoffe. Und weil die Ausgaben für Energie nach Mieten der größte Einzelposten im Haushaltsbudget der Deutschen sind, lässt das die Inflationsrate insgesamt sinken. Wie groß der Einfluss ist, belegen aktuelle Berechnungen des Bundesamtes: Würden Nahrungsmittel und Energie nicht berücksichtigt, hätten die Verbraucherpreise im Januar um 1,1 Prozent über dem Vorjahresniveau gelegen. Einschließlich beider Posten ergab sich eine Rate von minus 0,4 Prozent.

Was ist schlecht an sinkenden Preisen?

Aus Verbrauchersicht zunächst einmal gar nichts. Die Heizölpreise fielen von mehr als 83 Euro im Juni 2014 auf weniger als 60 Euro zum Jahresende (bei Abnahme von 3000 Litern, inklusive Mehrwertsteuer). Und an mancher Tankstelle in Deutschland bekamen Autofahrer Mitte Januar den Liter Diesel zeitweise für unter einen Euro – erstmals seit März 2009. Der Preisrückgang bei Heizöl und Kraftstoffen wäre hierzulande sogar noch deutlicher ausgefallen, wenn der Euro im Vergleich zum Dollar nicht so stark nachgegeben hätte. Wer beim Tanken und Heizen spart, kann tendenziell mehr Geld für andere Dinge ausgeben. Die Kauflust scheint groß: Die Konsumlaune der Deutschen ist nach Zahlen der Nürnberger GfK auf einem 13-Jahres-Hoch. Zusätzlicher Treiber ist das für Sparer extrem unattraktive Zinsumfeld: Geldanlegen lohnt kaum.

Warnung vor sinkenden Preisen?

Die Gefahr ist, dass Preise über einen längeren Zeitraum quer durch alle Warengruppen fallen. Volkswirte nennen das Deflation. Kommt es zu einer solchen Entwicklung, kann das ganze Volkswirtschaften lähmen: Verbraucher und Unternehmen könnten angesichts sinkender Preise Anschaffungen und Investitionen aufschieben – schließlich könnte es ja bald noch billiger werden. Wer etwas verkaufen will, könnte sich zu Preissenkungen gezwungen sehen. Das lässt die Gewinne der Unternehmen sinken und verkleinert Spielräume für Investitionen. Einzelne Werke sind eventuell nicht mehr ausgelastet. Kurzarbeit, Entlassungen oder gar die Schließung ganzer Standorte können Folgen sein. Mehr Arbeitslose, weniger Konsum, weniger Steuereinnahmen – rutscht eine Volkswirtschaft in eine Deflation, verringert sich die gesamte Wirtschaftsleistung zunehmend. Es droht eine Abwärtsspirale.

Deflation im Euroraum?

Die meisten Ökonomen sehen aktuell keine Gefahr und verweisen auf das große Gewicht der sinkenden Energiepreise. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann hat wiederholt bekräftigt, er sehe keine Abwärtsspirale aus negativen Inflationsraten, Rückgängen der Wirtschaftsleistung und Lohnsenkungen. Vor einer Woche betonte Weidmann, das niedrige Niveau der Teuerung erkläre sich vor allem durch den kräftigen Rückgang der Energiepreise: „Das sollte nicht verwechselt werden mit einer sich selbst verstärkenden Deflation und ihren negativen Folgen. Das Risiko einer Deflation auf breiter Front ist weiterhin sehr begrenzt.“

Sind sinkende Ölpreise gut für die Konjunktur?

In der Tat. Weidmann betont: Die niedrigeren Ölpreise seien wie ein „kleines Konjunkturprogramm“ für den Euroraum, weil Verbraucher wie Unternehmen weniger für den wichtigen Rohstoff bezahlen müssen. Unter anderem wegen dieser Ölpreis-Effekte hat die Bundesregierung ihre Konjunkturprognose für Deutschland für das laufende Jahr gerade erst von 1,3 Prozent auf 1,5 Prozent angehoben. Auch die EU-Kommission ist überzeugt: Der Absturz der Ölpreise und der schwache Euro werden den Euroländern 2015 mehr Wachstum bescheren als zunächst erwartet. Brüssel rechnet für das laufende Jahr in der Eurozone mit einem Plus von 1,3 Prozent statt der zunächst vorhergesagten 1,1 Prozent.

Mehr Wachstum, mehr Inflation?

In der Regel ja. Außerdem sollte die Geldflut der Europäische Zentralbank (EZB) sich bemerkbar machen. Die Notenbank hat im Januar angekündigt, in großem Stil Staatsanleihen zu kaufen. Von März 2015 bis mindestens September 2016 sollen auf diesem Weg mehr als 1,1 Billionen Euro in die Wirtschaft gepumpt werden. Ein Ziel: Die Teuerungsrate wieder in Richtung des EZB-Ziels von knapp unter 2,0 Prozent zu treiben. Bei diesem Wert sieht die EZB Preisstabilität gewahrt. Das ist aus Sicht der Währungshüter ausreichend weit von Nullmarke und Deflation entfernt.

Wie geht es weiter?

Die EU-Kommission geht davon aus, dass die Inflation ab Mitte 2015 allmählich wieder steigen wird. Für die Europäische Union erwartet die Behörde für das laufende Jahr eine Rate von 0,2 Prozent, 2016 dann 1,4 Prozent. Für den Euroraum wird für 2015 eine negative Teuerungsrate von minus 0,1 Prozent vorhergesagt, für 2016 dann 1,3 Prozent. Von einer Deflation spricht Brüssel explizit nicht.

Von

rtr

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