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28.09.2015

13:58 Uhr

Rückschlag für die EZB

Euroraum droht wieder Null-Inflation

Volkswirte erwarten, dass die Verbraucherpreise im September erstmals seit fünf Monaten stagnierten. Für die Geldpolitiker der EZB dürfte eine stagnierende Teuerung ein Rückschlag sein – aber keine Überraschung.

Im September hat die EZB ihre Prognosen für Inflation und Wirtschaftswachstum bis 2017 reduziert. dpa

Der Sitz der Europäischen Zentralbank in Frankfurt

Im September hat die EZB ihre Prognosen für Inflation und Wirtschaftswachstum bis 2017 reduziert.

FrankfurtVor mehr als drei Wochen erklärte der Präsident der Europäischen Zentralbank, die Inflationsrate könnte in diesem Jahr aufgrund des neuerlichen Ölpreisrückgangs wieder negativ werden. Am Mittwoch dürfte der 19 Mitglieder umfassende Währungsraum einen Schritt in diese Richtung tun, wenn die Inflationsdaten für September veröffentlicht werden. Volkswirte erwarten, dass die Verbraucherpreise im September erstmals in fünf Monaten stagnierten.

Für die Geldpolitiker der EZB dürfte eine stagnierende Teuerung einen Rückschlag bedeuten, bemühen sie sich doch seit annähernd zwei Jahren darum, die Inflation wieder in Richtung zwei Prozent zu bringen. Auch eine neue Debatte über Deflationsrisiken könnte dadurch ausgelöst werden. Allerdings haben die Währungshüter bereits mehrfach betont, dass sie zwar zu neuen Konjunkturmaßnahmen bereit sind, aber mehr Beweise wollen, bevor sie eine Entscheidung treffen.

„Die Zahlen in diesem Monat werden die EZB kaum zum Handeln veranlassen“, sagte Ben May, Volkswirt bei Oxford Economics Ltd. in London. „Die quantitative Lockerung hat Zweitrundeneffekte aus dem Verfall der Ölpreise verhindert, und die anziehende Kern-Teuerung in den vergangenen Monaten ist beruhigend. Manche machen sich vielleicht Sorgen wegen des neuen Rückgangs bei der Teuerung, aber die EZB hat sich bemüht, sich von diesen Sorgen zu distanzieren.“

Niedrige Inflation: Fluch oder Segen?

Warum ist Preisstabilität so wichtig?

Bei stabilen Preisen bleibt die Kaufkraft des Geldes erhalten. Das stützt den Konsum. Inflation steht hingegen für Geldentwertung: Bei steigenden Preisen können sich alle, die längerfristig gleichbleibende Einkommen beziehen wie Tarifgehälter, Renten oder Sozialleistungen, immer weniger von ihrem Geld kaufen. Auch für Menschen mit Geldvermögen und Sparer ist Inflation schlecht, weil sie am realen Wert des Vermögens knabbert.

Wie weit ist die Notenbank von ihrem Preisziel entfernt?

Das Statistische Bundesamt errechnete für September auf Jahressicht vorläufig einen Anstieg der Verbraucherpreise in Deutschland um 0,8 Prozent. Im Euroraum fiel die Inflation im September sogar auf 0,3 Prozent - den tiefsten Stand seit Oktober 2009. Insgesamt habe die EZB das Versprechen einer stabilen Währung aber eingehalten, betonte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann erst am Montag: „In den ersten Fünfzehneinhalb Jahren nach der Euro-Einführung lag die durchschnittliche Inflationsrate bei 2,0 Prozent und damit grosso modo im Einklang mit dem Stabilitätsziel des EZB-Rats.“

Warum strebt die EZB eine höhere Teuerung an?

Die EZB sieht Preisstabilität bei einer Teuerungsrate von knapp unter 2,0 Prozent gewahrt. Damit will die Notenbank ein Abrutschen in eine Deflation verhindern, also einen Preisverfall auf breiter Front. Denn in Erwartung einer weiter nachlassenden Inflation oder gar sinkender Preise könnten Unternehmen und Verbraucher Investitionen und Konsumausgaben zurückstellen. Das würde eine Spirale in Gang setzen, die die Konjunktur abwürgt und Arbeitsplätze kostet. Zudem hat EZB-Präsident Mario Draghi betont, dass der sehr geringe Preisauftrieb schlecht ist für Schuldner: „Ist die Inflation niedrig, sinkt der reale Wert der Schulden von Staaten und Unternehmen langsamer.“ Dadurch werde der Schuldenabbau erschwert.

Wie entwickeln sich die Preise für Nahrungsmittel?

Nach den vorläufigen Zahlen der Statistiker kosteten Nahrungsmittel im September 0,9 Prozent mehr als vor einem Jahr. Seither haben aber Discounter und Supermärkte eine neue Welle für Preissenkungen eingeläutet: So hatte Deutschlands Discount-Marktführer Aldi Anfang Oktober die Preise für Käse-Produkte wie Aufschnitt, Frisch- und Schmelzkäse oder Sahneprodukte zum Teil um mehr als 13 Prozent gesenkt. Der Billiganbieter begründete den Schritt mit gesunkenen Rohstoffpreisen. Seit Monatsmitte sind auch Pommes frites und Zucker billiger.

Was sind die Gründe für die niedrige Teuerung?

Insbesondere weltweit sinkende Energie- und Nahrungsmittelpreise haben die Inflation gedrückt. Zwischenzeitlich verbilligte zudem der starke Euro importierte Waren. Inzwischen hat die EZB eingegriffen und den Euro gegenüber dem Dollar geschwächt. Zwar führe der Rückgang des Ölpreises auch an den Zapfsäulen weiter zu sinkenden Preisen, erklärt der ADAC: Allerdings werde dieser Effekt auf die Spritpreise durch den schwächeren Euro teilweise aufgefangen. Trotzdem: Sprit wird seit Monaten immer billiger. Nach ADAC-Angaben kostete der Liter Diesel im September durchschnittlich 136,2 Cent. Vor einem Jahr mussten Autofahrer demnach noch 144,0 Cent bezahlen, vor zwei Jahren 152,4 Cent. Nach Angaben des Deutschen Mieterbunds sanken auch die Preise für Heizöl von Januar bis Juli um 5,4 Prozent.

Am Mittwoch um 11 Uhr MESZ wird das europäische Statistikamt in Luxemburg die Inflationszahlen für September veröffentlichen. Die Prognosen der Volkswirte liegen zwischen 0,3 Prozent und minus 0,2 Prozent. Zum gleichen Zeitpunkt veröffentlicht Eurostat Arbeitslosenzahlen für August. Bereits am Dienstag will die Europäische Kommission aktuelle Daten zum Wirtschaftsvertrauen in der Region vorstellen.

Die Ölpreise sind seit Ende Juni um mehr als 24 Prozent gesunken. Aktuell kostet ein Barrel Öl halb so viel wie vor einem Jahr. Der Rückgang bei den Energiekosten hat in der Eurozone zu einem Anstieg des verfügbaren Einkommens geführt und das Verbrauchervertrauen gestützt. Die Binnennachfrage wurde zu einem zentralen Antriebsfaktor für die Erholung im Euroraum.

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