Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.12.2014

10:56 Uhr

Russland

Notenbanker kämpfen gegen Rubel-Absturz

Die Sanktionen des Westens und gesunkene Ölpreise bringen Russlands Währung ins Wanken. Auf den Abwärtstrend antworten Russlands Geldhüter mit dem Verkauf von Devisen – dennoch geht der Rubel-Verfall weiter.

Der Rubel-Kurs hat seit Jahresbeginn mehr als ein Drittel zum Dollar verloren. dpa

Der Rubel-Kurs hat seit Jahresbeginn mehr als ein Drittel zum Dollar verloren.

MoskauDie russische Notenbank stemmt sich gegen den Verfall des russischen Rubel. Die Geldhüter verkauften mit Wirkung zum 2. Dezember Devisen im Wert von 700 Millionen US-Dollar, wie aus Daten auf der Internetseite der Zentralbank hervorgeht. Im Vergleich zu den früheren täglichen Interventionen, die oft bei mehr als zwei Milliarden Dollar lagen, fiel die Summe jedoch überschaubar aus.

Allerdings verliert der Rubel trotz der jüngsten Intervention der russischen Zentralbank weiter an Wert. Der Dollar verteuerte sich in der Spitze um zwei Prozent auf ein Rekordhoch von 54,91 Rubel. Der Euro markierte mit 67,90 Rubel ebenfalls eine Bestmarke.

Neben den westlichen Sanktionen hat vor allem der starke Rückgang der Ölpreise in den vergangenen Monaten dem Rubel stark zugesetzt. Die Regierung bestreitet einen Großteil ihrer Einnahmen mit Rohölexporten. Seit der Entscheidung der Organisation erdölexportierender Länder (Opec) in der vergangenen Woche, ihre Fördermenge unverändert zu lassen, hat sich der Abwärtstrend der Währung noch einmal stark beschleunigt. Am Mittwoch mussten mit 54,3244 Rubel zeitweise soviel wie nie zuvor für einen US-Dollar gezahlt werden. Auch im Verhältnis zum Euro hat die russische Währung stark an Wert verloren.

Bereits im November hatte die russischen Zentralbank ihre täglichen Kontrollen des Rubelkurses aufgegeben. Der Kurs der schwer angeschlagenen Währung soll sich seitdem am Markt frei bilden. Stattdessen wollte die Notenbank gemäß ihrer Ankündigung auf den Devisenmärkten intervenieren, wenn es nötig sei.

Fragen und Antworten zu Sanktionen gegen Russland

Auf welche Sanktionen müssen sich Unternehmen einstellen?

Die EU diskutiert bislang über eine mögliche Einschränkung für Rüstungsausfuhren sowie für Exporte von Hochtechnologie für den Energiebereich. Offen ist, was damit genau gemeint ist. Außerdem sollen Möglichkeiten geprüft werden, den Zugang Russlands zu den EU-Finanzmärkten zu erschweren.

Was wären die Folgen?

Eingriffe in die Finanzierung würden die russische Wirtschaft querbeet treffen. „Die Abhängigkeit Russlands von externen ausländischen Finanzierungen hat in den letzten Jahres stark zugenommen“, schreiben die Volkswirte der Hypovereinsbank (HVB). Sollte die EU dem Beispiel der USA mit einem Verbot für die Finanzierung erster russischer Unternehmen folgen, werde dies zwangsläufig sehr schnell wirken - denn bislang hätten russische Firmen Finanzierungen in Dollar zumindest teilweise durch Finanzierungen in Euro ersetzen können.

Und wie sieht es mit Handelsbeschränkungen aus?

Von Handelsverboten beispielsweise bei Rüstung und Maschinen wären natürlich die Hersteller selbst betroffen. Schon jetzt berichten Maschinenbauer über Einbrüche, obwohl es noch gar keine konkreten Schritte gibt. „Die Russen würden uns die Maschinen ja gern abnehmen, aber es ist nicht sicher, ob sie zum Zeitpunkt der Fertigstellung überhaupt noch nach Russland ausgeführt werden können“, sagt der Präsident Branchenverbandes VDMA, Reinhold Festge. Einzelne Firmen berichten, russische Kunden sähen sich schon jetzt nach Alternativen zum Beispiel in Asien um. Die mittelständische Wirtschaft fürchtet, dass ein Embargo bei uns vor allem auf Klein- und Mittelbetriebe in den Branchen Maschinen- und Fahrzeugbau, Elektronische Erzeugnisse, Pharma und Nahrungsmittel zurückschlagen würde.

Wie wichtig ist denn Russland insgesamt als Kunde?

Russland hat zuletzt (2013) Waren für rund 36 Milliarden Euro in Deutschland gekauft. Das entspricht rund 3 Prozent aller Exporte. Damit steht das Land aber nur auf Platz 11 der wichtigsten Kunden, hinter Handelspartnern wie zum Beispiel Belgien, Polen, der Schweiz oder Österreich. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes führen aber lediglich 10 Prozent aller Exporteure Waren nach Russland aus. „Für etwa 73 Prozent dieser Unternehmen machen die Exporte nach Russland maximal ein Viertel ihrer gesamten Exporte aus.“ Einzelne Firmen oder Branchen könnten also deutlich heftiger getroffen werden als die Gesamtwirtschaft.

Dann droht also kein handfester Konjunktureinbruch?

Eher nicht. Sollte die ohnehin aktuell schwächelnde russische Wirtschaft weiter einbrechen, hätte das zwar auch negative Konsequenzen für Deutschland. Wegen des begrenzten Anteils der Exporte nach Russland wäre das für die deutsche Wirtschaft aber „wohl verschmerzbar“, meinen die HVB-Ökonomen.

Wie könnte Russland auf ein Embargo reagieren?

Auch das ist völlig unklar. Allerdings hätte Moskau genügend Mittel für einen Gegenschlag: Binnen eines Jahrzehnts hat es das Riesenreich von Platz 16 auf Platz 8 der weltweit größten Volkswirtschaften geschafft. Ein Großteil der Wirtschaftsmacht des „Rohstoffgiganten Russland“ beruht auf Erdöl, Erdgas, Kohle sowie Metallen wie Nickel, Aluminium. Und genau hier könnte das Drohpotenzial liegen - theoretisch zumindest: „Nach rationalen Erwägungen würden sich die Russen stärker selbst schaden, wenn sie uns den Gashahn beginnen abzudrehen, weil sie ... von den Einnahmen daraus abhängig sind“, sagte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, am Donnerstag im Südwestrundfunk.

Auch die russischen Dienstleister bekommen den Rubel-Absturz schwer zu spüren. Ihre Geschäfte liefen im November so schlecht wie seit fünfeinhalb Jahren nicht mehr, wie aus dem am Mittwoch veröffentlichten Einkaufsmanagerindex der Großbank HSBC hervorgeht. Dieser fiel um 2,9 auf 44,5 Punkte – erst ab 50 Zählern signalisiert das Barometer ein Wachstum. Die Dienstleister machen rund 60 Prozent der russischen Volkswirtschaft aus.

Der Rubel-Kurs hat seit Jahresbeginn mehr als ein Drittel zum Dollar verloren, was Importe verteuert. „Die Abwertung geht einher mit schneller steigenden Preisen, die wiederum Löhne, Einkommen und Gewinne drücken“, sagte HSBC-Ökonom Alexander Morozow. Auch die gegenseitigen Sanktionen im Ukraine-Konflikt mit dem Westen wirken sich auf die Preise und die gesamte Wirtschaft aus. Die Regierung rechnet für 2015 mit einer Inflationsrate von 7,5 Prozent. „Ein höherer Inflationsdruck senkt die Kaufkraft der Bevölkerung, was wiederum den Konsum belastet“, sagte der Vize-Wirtschaftsminister Alexej Wedew.

Die Regierung erwartet wegen der Sanktionen der USA und der EU sowie stark fallender Preise beim wichtigen Exportgut Öl inzwischen einen Konjunktureinbruch: Das Bruttoinlandsprodukt soll im kommenden Jahr um 0,8 Prozent schrumpfen. Zuvor war von einem Wachstum von 1,2 Prozent die Rede.

Kommentare (5)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr Kurt Siegel

03.12.2014, 10:40 Uhr

Positiver Nebeneffekt des Rubelabsturzes ist, dass endlich nicht mehr so viele Russen nach Ischgl kommen.

Herr Josef Schmidt

03.12.2014, 11:01 Uhr

Ob die Geschäftsleute vor Ort genau so denken wage ich zu bezweifeln ? Statt Kaviar wird nun Pizza bestellt.

Herr Thomas Podgacki

03.12.2014, 13:09 Uhr

Auf Grund der riesigen Gewinnspanne in Ischgl hält sich hier mein Mitleid in Grenzen.
Anders sieht es schon mit Hotelzimmern in der Türkei und Ägypten aus. Dafür kann man bei AI aber die Buffets erheblich verkleineren und den Vodka Einkauf stark reduzieren.

Schönen Tag noch.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×