Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.02.2013

16:35 Uhr

Sachverständigenrat feiert Jubiläum

50 Jahre für die Tonne?

VonHans Christian Müller-Dröge, Jan Mallien

Zum Geburtstag wird der Sachverständigenrat gefeiert. Doch mit seinen Prognosen lag er oft daneben. Zudem schaffen es die fünf Weisen nicht, ihre Vorschläge in die Öffentlichkeit zu tragen. Das Gremium gehört reformiert.

Der größte Teil des 500 Seiten schweren Jahresgutachtens des Sachverständigenrats landet im Papierkorb. Getty Images

Der größte Teil des 500 Seiten schweren Jahresgutachtens des Sachverständigenrats landet im Papierkorb.

DüsseldorfDer frühere SPD-Fraktionschef Peter Struck hätte den Sachverständigenrat am liebsten abgeschafft. „Ich glaube denen kein Wort. Wenn man frühere Prognosen mit der eingetretenen Realität vergleicht, merkt man recht schnell, dass diese sogenannten Weisen vor allem viel heiße Luft produzieren“, sagte er 2008.

Struck fasste zusammen, was in den vergangenen 50 Jahren wohl viele seiner Kollegen ab und zu gedacht haben. Attacken aus der Politik waren in der Geschichte des Sachverständigenrats keine Seltenheit. Die Politiker beschwerten sich naturgemäß dann, wenn ihnen die Vorschläge der Ökonomen nicht in den Kram passten. Doch es waren nicht nur Politiker, die Kritik äußerten. Auch statistische Untersuchungen zeigen, dass die Sachverständigen bei ihren Prognosen nicht sehr treffsicher waren. Zudem ist ihre Stimme in der öffentlichen Debatte kaum wahrnehmbar.

Der größte Irrtum unterlief den Wirtschaftsweisen im November 2008. Zwei Monate nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers schrieben sie über die Aussichten für das kommende Jahr: Die Finanzkrise werde zwar erhebliche Folgen für die Realwirtschaft haben, „extreme Szenarien sind jedoch auszuschließen.“ Die Wirtschaft in Deutschland werde 2009 stagnieren, prophezeiten die Weisen daher.

Doch am Ende des Horrorjahres wusste man es besser: Die Wirtschaft war um fünf Prozent geschrumpft – ein Minus von 125 Milliarden Euro.

Zwar hatten die Wirtschaftsweisen von Abwärtsrisiken gesprochen. Doch eine wirkliche Schrumpfung des Bruttoinlandsproduktes zu prognostizieren, das hatten sie sich offenbar nicht getraut. Auch bei anderen Rezessionen hatten sie vorher allenfalls ein Nullwachstum vorhergesagt.

Konjunkturprognosen der vergangenen Monate

DIHK

Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) geht von einem Wachstum von 0,3 Prozent aus. Bislang waren 0,7 Prozent erwartet worden. "Der Aufschwung in Deutschland ist vorerst verschoben", sagte Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben. "Die Unternehmen schätzen ihre Lage deutlich schlechter ein als zu Beginn des Jahres." Für 2014 geht das DIHK von einem Wachstum von mehr als einem Prozent aus.

BDI

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), Ulrich Grillo, rechnet mit robustem Wachstum von bis zu 0,8 Prozent. Er ist damit weit optimistischer als die Bundesregierung.

Bundesregierung

Die Bundesregierung geht für 2013 von einem Wachstum von 0,4 Prozent aus.

Sachverständigenrat

Genau wie die Bundesregierung rechneten auch die "fünf Weisen" aus dem Sachverständigenrat zuletzt mit einem Wachstum von 0,8 Prozent. Wegen des starken Einbruchs im vierten Quartal 2012 haben sie den Wert jedoch auf 0,3 Prozent mehr als halbiert.

RWI

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung rechnet für 2013 mit einem Wachstum von 0,3 Prozent. Im Vergleich zur Herbstprognose wurde die Schätzung um 0,7 Punkte zurückgenommen.

Internationaler Währungsfonds

Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagt für 2013 ein Plus von 0,3 Prozent voraus. Im Oktober 2012 war er für 2013 noch von einem Wachstum von 0,9 Prozent ausgegangen.

EU-Kommission

Zum Lager der Optimisten gehört die EU-Kommission. Für Deutschland erwartet sie 2013 ein Wachstum von 0,5 Prozent. Das ist besser als die Erwartung für den Euroraum. Hier rechnet sie sogar mit einem Rückgang von 0,3 Prozent. Grund für die langsame Entwicklung sind die schlechte Binnennachfrage einiger Länder und große konjunkturelle Unterschiede zwischen den EU-Mitgliedstaaten.

Bundesbank

Die Deutsche Bundesbank rechnet in ihrem Monatsbericht vom Dezember für 2013 mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2014 soll dies auf 1,9 Prozent steigen.

DIW

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet für 2013 mit einem Wachstum von 0,7 Prozent. Damit hat es seine Erwartungen nach unten korrigiert. Zuvor war es von einem Plus von 0,9 Prozent ausgegangen. Für 2014 rechnet das DIW mit einem Wachstum von 1,6 Prozent.

Ifo-Institut

Das Münchner Ifo-Institut geht für 2013 von einem Wachstum von 0,7 Prozent aus. Die Spanne der Schätzung reicht von minus 0,6 bis plus 2,0 Prozent.

Natürlich war das Horrorjahr 2009 ein besonderer Ausreißer. Kaum jemand hatte im Herbst davor mit einem solchen Einbruch gerechnet. Doch wer die Treffsicherheit der Prognosen untersucht, die der Sachverständigenrat in den letzten Jahren herausgegeben hat, der stellt fest: Allzu gut sind sie nicht beim Blick in die Glaskugel.

Kommentare (8)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Gast

20.02.2013, 16:44 Uhr

"Natürlich war das Horrorjahr 2009 ein besonderer Ausreißer. Kaum jemand hatte im Herbst davor mit einem solchen Einbruch gerechnet."

Das ist nicht richtig. Sollte man sich dann nicht fragen, warum die, die es wussten nicht heute einen offiziellen Rat stellen?
Vielleicht fürchten diese auch jetzt schon um ihre Unbefangenheit?
Aber so ist das eben mit den unendlichen Reihen an Experten, die niemals definitv betitelt, oder gar namen genannt werden.

pfeifen

20.02.2013, 17:10 Uhr

unsre eliten und exzellenzen der wirtschaft sind schaumschläger die an ihre eigenen blasen erblinden.

staatlich alimentiert als profs mit dem recht die steuerzahler zusätzlich privat zu schgröpfen

Ludwig500

20.02.2013, 17:26 Uhr

Wenn ich den Namen Bofinger schon lese...

Den Mann kann man getrost durch einen Würfel oder eine Roulettekugel ersetzen. Beide hätten den Vorteil, sich zwar ebenso oft zu irren, aber ohne das Gschmäckle, Gefälligkeitsgutachten zu erstellen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×