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06.09.2016

16:29 Uhr

Schätzung des Ifo-Instituts

Deutschland wird 2016 wieder Exportweltmeister

Deutschland zieht an China vorbei: 2016 wird die deutsche Wirtschaft wieder die exportstärkste der Welt sein, schätzt das Ifo-Institut. Der Bilanzüberschuss liegt bei 160 Milliarden Dollar. In der EU weckt das Sorge.

Waren aus Deutschland werden in vielen anderen europäischen Staaten stark nachgefragt. Auch deswegen schätzen die Ifo-Forscher den deutschen Leistungsbilanzüberschuss als den momentan höchsten weltweit ein. dpa

Containerumschlag im Hamburger Hafen

Waren aus Deutschland werden in vielen anderen europäischen Staaten stark nachgefragt. Auch deswegen schätzen die Ifo-Forscher den deutschen Leistungsbilanzüberschuss als den momentan höchsten weltweit ein.

BerlinDeutschland wird nach Berechnungen des Ifo-Instituts China in diesem Jahr als Land mit dem weltweit größten Exportüberschuss ablösen. Der deutsche Leistungsbilanzüberschuss summiere sich 2016 voraussichtlich auf 310 Milliarden Dollar, sagte Ifo-Experte Christian Grimme am Dienstag der Nachrichtenagentur Reuters. Das wären 25 Milliarden Dollar mehr als 2015. China dürfte hingegen ein Plus von etwa 260 Milliarden Dollar aufweisen. Auf Rang drei folge Japan mit rund 170 Milliarden.

„Der deutsche Überschuss beruht auf dem Warenhandel“, sagte Grimme. Allein im ersten Halbjahr übertrafen die Exporte – von Maschinen bis Fahrzeuge – die Importe um 159 Milliarden Dollar. Haupttreiber sei der Anstieg der Warennachfrage aus Europa. In die Leistungsbilanz fließen neben dem Güterhandel auch alle anderen Transfers mit dem Ausland ein – von Dienstleistungen bis zur Entwicklungshilfe.

Der deutsche Überschuss wird im laufenden Jahr auf 8,9 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen, sagt das Ifo-Institut voraus. Die EU-Kommission stuft bereits Werte von dauerhaft mehr als sechs Prozent als stabilitätsgefährdend ein. Sie rügt die Bundesregierung daher regelmäßig und empfiehlt ihr, mehr zu investieren und so die Nachfrage im Inland zu stärken, wodurch der Überschuss schrumpfen würde. Das US-Finanzministerium prangert die deutschen Überschüsse als Risiko für die weltweite Finanzstabilität an. Das Hauptargument lautet: Länder mit hohen Überschüssen tragen dazu bei, dass andere Staaten sich hoch verschulden, um ihre Importe zu finanzieren.

Das sind die Wachstumsgaranten der deutschen Exporteure

USA

Die Vereinigten Staaten sind erstmals wichtigster deutscher Absatzmarkt und verdrängen damit Frankreich nach mehr als einem halben Jahrhundert. Beflügelt vom schwachen Euro zogen die Exporte in die weltgrößte Volkswirtschaft im ersten Halbjahr 2015 um fast 24 Prozent auf 56 Milliarden Euro an. Ein weiterer Grund für diesen Boom ist das robuste Wachstum der US-Wirtschaft. Der Internationale Währungsfonds (IWF) rechnet für 2015 mit einem Anstieg des US-Bruttoinlandsprodukts um 2,5 Prozent und für 2016 mit 3,0 Prozent. Wegen geringerer Energiekosten werden zudem viele Fabriken und Produktionsstätten hochgezogen, für die Maschinen und Ausrüstungen aus Deutschland importiert benötigt werden.

Indien

Lange stand das Land im Schatten des benachbarten China. Doch sowohl in diesem als auch im kommenden Jahr dürfte Indien deutlich schneller wachsen als die Volksrepublik. Der IWF sagt jeweils ein Plus von 7,5 Prozent voraus. Vom Aufschwung in dem nach China bevölkerungsreichsten Land der Welt profitiert Deutschland bereits: Die Ausfuhren dorthin zogen im ersten Halbjahr um fast ein Fünftel auf knapp fünf Milliarden Euro an.

Südafrika

Noch besser läuft es in der nach Nigeria zweitgrößten Volkswirtschaft Afrikas: Die deutschen Exporte dorthin nahmen in den ersten sechs Monaten gleich um 28 Prozent zu - auf insgesamt 4,9 Milliarden Euro. Zwar ist die Konjunktur eher mau, doch der Staat investiert viel Geld in die Infrastruktur - von Energie über Wasser bis hin zu Straßen. Die deutsche Wirtschaft hat die dafür passenden Produkte im Angebot und profitiert davon ebenso wie von einer konsumfreudigen, wachsenden Mittelschicht.

Euro-Zone

Nach Jahren der Krise fasst die Währungsunion wieder Tritt. Bestes Beispiel dafür ist Spanien, das im zweiten Quartal so kräftig wuchs wie seit über acht Jahren nicht mehr. Der Appetit auf Waren "Made in Germany" nimmt entsprechend zu: Die deutschen Ausfuhren nach Spanien legten in der ersten Jahreshälfte um mehr als elf Prozent auf rund 19,5 Milliarden Euro zu, die in die gesamte Euro-Zone um fast fünf Prozent auf rund 220 Milliarden Euro.

Großbritannien

Das Land ist bereits der drittgrößte deutsche Exportkunde. Dennoch legten die Ausfuhren dorthin im ersten Halbjahr um starke 9,4 Prozent auf 45 Milliarden Euro zu. Auch hier sorgt der schwache Euro für einen Extra-Schub, verbilligt er doch deutsche Waren auf der Insel. Außerdem befindet sich auch Großbritannien in einem Aufschwung: In diesem Jahr dürfte das Bruttoinlandsprodukt mit 2,5 Prozent deutlich kräftiger wachsen als in der Euro-Zone mit 1,5 Prozent, wie der IWF erwartet.

Auch die Industriestaaten-Organisation OECD behält die Entwicklung im Blick. „Wir sind besorgt wegen der globalen Ungleichgewichte“, sagte OECD-Experte Andres Fuentes zu Reuters. „Deutschland kann dabei helfen, diese zu reduzieren.“ Dies könne etwa durch Ankurbelung der heimischen Investitionen geschehen. So könnten die Energiesteuerbefreiungen für exportorientierte Industrieunternehmen nach und nach gesenkt werden. Das stärke Anreize, „in Energieeffizienz zu investieren und den Übergang zu neuen Technologien und Produkten fördern“. Deutschland könne durch solche Reformen nicht nur sein Ungleichgewicht in der Leistungsbilanz verringern, sondern zugleich sein Wachstumspotenzial erhöhen.

Chinas Leistungsbilanzüberschuss dürfte in diesem Jahr um etwa 70 Milliarden Dollar schrumpfen – vor allem wegen schwächerer Exporte. Sie fielen allein im ersten Quartal um 35 Milliarden Dollar niedriger aus als vor Jahresfrist. „Stärkere Rückgänge wurden das letzte Mal in der Finanzkrise 2008/2009 verzeichnet“, sagte Ifo-Experte Grimme.

Von

rtr

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