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18.09.2014

16:56 Uhr

Schotten-Votum, Ebola, Ukraine-Krise

„Die Gemengelage ist hoch explosiv“

VonDietmar Neuerer

ExklusivDie Häufung an internationalen Krisen alarmiert Ökonomen, ebenso mögliche Risiken wie der unsichere Ausgang des Schotten-Referendums. Im Fall der Fälle droht ein empfindlicher Konjunkturrückschlag.

Die Häufung internationaler Krisen versetzt Ökonomen in Alarmstimmung. dpa

Die Häufung internationaler Krisen versetzt Ökonomen in Alarmstimmung.

BerlinMehrere Ökonomen fürchten angesichts aktueller internationaler Krisen mit einem empfindlichen Dämpfer für die Weltkonjunktur. „Eine Reihe von geopolitischen Konflikten und Problemen deuten auf eine schwächere Weltwirtschaft hin“, sagte der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher, Handelsblatt Online.

Der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, sprach von einer Häufung an Krisen und möglichen Gefahren für die Weltkonjunktur, wie sie in den vergangenen Jahren selten zu sehen gewesen seien. „Der Einfluss auf die Weltkonjunktur hält sich derzeit zwar noch in Grenzen, ist aber durchaus schon spürbar“, sagte Bielmeier dem Handelsblatt. „Bei einer Eskalation einer der Krisenherde, wie der Russland/Ukraine-Konflikt und die damit verbundene Sanktionsspirale oder der Ebola-Ausbruch in Afrika, kann die weltwirtschaftliche Wachstumsdynamik jedoch empfindlich gestört werden.“ Der dann zu erwartende Wachstumsrückgang könne „deutlich ausfallen, da das Wirtschaftswachstum, insbesondere im Euro-Raum, nicht sonderlich stabil ist“, so Bielmeier.

Sorgen bereiten den Ökonomen auch die Irak-Krise, die Quasi-Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) und die wirtschaftlichen Problem großer Euro-Länder wie Frankreich sowie der unsichere Ausgang des Schottland-Referendums. „Die Wachstumsprognosen für Deutschland und Europa sind deutlich schlechter als noch vor ein paar Monaten angenommen“, sagte DIW-Chef Fratzscher. Auch wenn die Prognosen für Deutschland weiterhin gut ausfielen, seien die Risiken für die Konjunktur doch „sehr groß“.

Das Ende der Eurokrise?

Was bedeutet der Schritt Lissabons für die Eurozone?

Es ist ein Indiz, dass sich die Finanzlage im gemeinsamen Währungsgebiet erheblich beruhigt hat. Länder im Süden des Kontinents können sich zur Zeit zu sehr günstigen Konditionen an den Finanzmärkten Geld leihen.

Lissabon will keine Übergangshilfen mehr. Ist das realistisch?

Ja. Die EU-Kommission, die in der Troika vertreten ist, unterstützt den Beschluss für einen „sauberen Ausstieg“ ausdrücklich. „Das sorgt für eine bessere Stimmung und Vertrauen von (Finanz-)Investoren“, lautet die Devise des verantwortlichen EU-Vize-Kommissionspräsidenten Siim Kallas.

Das Vertrauen kehrt also in die Eurozone zurück?

Ja. Aber dies hat vor allem zwei Gründe. Da ist zunächst die Europäische Zentralbank (EZB). Die Notenbank versprach, den Euro um jeden Preis zu retten. EZB-Patron Mario Draghi ist auch bereit, gegen die niedrige Inflation sowie gegen die Deflation zu kämpfen. Deflation ist ein umfassender Preisverfall, der die Konjunktur ausbremsen kann.

Was ist der andere Grund?

Angesichts von Turbulenzen bei aufstrebenden Wirtschaftsriesen in Asien oder Südamerika gilt Europa wieder als ein „sicherer Hafen“ für Anleger. Aus Russland gibt es wegen der Annexion der Krim einen bedeutenden Kapitalabfluss. Nach Moskauer Schätzungen waren es allein im ersten Vierteljahr rund 50 Milliarden Euro. Von internationalen Kapitalströmen profitiert auch der krisengeschüttelte europäische Süden.

Wie ist die Lage in Griechenland?

Griechenland hat die schwere Rezession überwunden und wird wieder wachsen. Das soll auch dem angespannten Arbeitsmarkt zugutekommen. Jeder Vierte ist dort ohne Job. Athen erzielte 2013 erstmals seit langem einen Haushaltsüberschuss - ausgeblendet sind dabei jedoch der Schuldendienst und Kapitalspritzen an Banken.

Braucht Athen ein neues Rettungspaket?

Die griechische Koalitionsregierung ist dagegen. Finanzminister Ioannis Stournaras strebt aber an, Zahlungsfristen für die Hilfskredite weiter zu strecken, um dem Land Luft zu verschaffen. Entscheidungen der Eurogruppe wird es voraussichtlich erst im Herbst geben. Ende des Jahres läuft das Griechenland-Programm von europäischer Seite aus.

Wie sieht es in Zypern aus?
Viele wollen das Kapitel „Eurokrise“ abschließen. Ist das gerechtfertigt?

Nein. Es sind nach dem Willen der Brüsseler Währungshüter weitere Reformen in vielen Ländern der Eurozone nötig, um die Erholung dauerhaft abzusichern. Nach der Krise steigen die Schuldenberge der 18 Euro-Mitgliedstaaten im laufenden Jahr sogar weiter an - um einem Punkt auf 96 Prozent der Wirtschaftsleistung. In Griechenland wächst beispielsweise der staatliche Schuldenberg um zwei Punkte auf 177 Prozent. Erlaubt sind höchstens 60 Prozent. Für Entwarnung ist es also viel zu früh, sagen die Experten.

Fratzscher gab zu bedenken, dass das deutsche Wachstum entscheidend von der europäischen und globalen Wirtschaft abhängig sei. „Eine erneute Vertiefung der Krise in der Euro-Zone, aber auch ein Einbruch der Wirtschaft in den Schwellenländern würde die deutsche Wirtschaft empfindlich treffen“, warnte der DIW-Chef. Das Wirtschaftswachstum in Deutschland werde zurzeit fast ausschließlich durch den guten Arbeitsmarkt und den privaten Konsum getrieben. „Dies wird jedoch nicht von Dauer sein, wenn es nicht gelingt auch die Investitionen und Exporte deutscher Unternehmen in den kommenden Quartalen zu stärken“, sagte Fratzscher.

Der Wormser Wirtschaftsprofessor Max Otte warnte: „Die Gemengelage ist hoch explosiv.“ Viele Krisen seien durch die Politik der USA zumindest mit verursacht: Der Aufstieg des Islamischen Staats (IS) und die Ukraine-Krise zum Beispiel, ebenso der Konjunktureinbruch in Europa aufgrund des vom Westen initiierten Wirtschaftskrieges gegen Russland. „Das schottische Referendum kommt in einer Lage der allgemeinen Unsicherheit dazu“, sagte Otte. Auch die Euro-Krise und die Staatsschuldenkrise seien keinesfalls gelöst. In den meisten Industrienationen stiegen die Schulden weiter. „Es sieht aus wie das Endspiel“, sagte Otte.

Kommentare (1)

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18.09.2014, 20:03 Uhr

Absehbar seit Jahren war so einiges davon.

So etwa die Probleme von Chinas Wirtschaft sowohl im Immobilienbereich als auch in der Industrie, denn eine funktionärsgesteuerte Wirtschaft ohne systematische Kontrollen in der Fläche sowie auch in unteren und mittleren Hierarchien kann nur fehl steuern.

Ebenso die allgemein nachlassende globale Dynamik ist logisch angesichts der weitgehenden Wirkungslosigkeit der Maßnahmen von Fed und Administration sowohl erst in USA als sodann auch in Europa. QE und ZIRP vermochten die erhofften Wirkungen nicht zu entfalten. Die gegenwärtige nur scheinbare Erholung in USA verdankt man dort vor allem dem Energiepreisverfall und der überreichlichen Versorgung damit (Fracking pp) sowie auch zum Teil jedenfalls den in Asien steigenden Kosten, vor allem Löhnen. Auch der Euro ist ein wesentlicher Grund für den Verfall von Moral und Erfolg in Europa. Er verkörpert die restlichen Nägel zum Sarg der EU. Schottland hingegen ist weder so noch so ein Problem, eben sowenig alle anderen separatistischen Bewegungen. Sie dienen zur Abwechslung mal wieder dem Volk.

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