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13.08.2015

15:12 Uhr

Schwache Konjunktur

Der EZB ist locker vielleicht nicht locker genug

Zu niedrige Inflation, zu wenig Wachstum. Als „enttäuschend” bezeichnen die europäischen Währungshüter in den Protokollen ihrer jüngsten Sitzung die Entwicklung der EU-Wirtschaft. Sie wollen auf die Flaute reagieren.

Mit seinem Anleihenkaufprogramm stieß Mario Draghi zu Beginn dieses Jahres zwar eine Börsenhausse an. Fundamental änderte das aber wenig an der kränkelnden Wirtschaft Europas. dpa

Mario Draghi

Mit seinem Anleihenkaufprogramm stieß Mario Draghi zu Beginn dieses Jahres zwar eine Börsenhausse an. Fundamental änderte das aber wenig an der kränkelnden Wirtschaft Europas.

FrankfurtDie eher maue wirtschaftliche Erholung Europas lässt die Währungshüter der Europäischen Zentralbank weitere geldpolitische Konsequenzen in Betracht ziehen. So ist die Europäische Zentralbank ist gegebenenfalls bereit, ihr Programm der quantitativen Lockerung (QE) anzupassen, um auf die Volatilität an den weltweiten Märkten angesichts der „ungewöhnlich niedrigen” Inflation und des „enttäuschenden” Wirtschaftswachstums zu reagieren. Das geht aus den der Zusammenfassung der geldpolitischen Sitzung vom 15. und 16. Juli (den so genannten „Accounts”) hervor.

„Während die jüngste Marktvolatilität die Einschätzung des Konjunkturausblicks nicht wesentlich verändert hat, erfordert die anhaltend höhere Unsicherheit Wachsamkeit und eine Bereitschaft, gegebenenfalls zu reagieren”, schreibt die EZB in dem am Donnerstag veröffentlichten Protokoll. Der Rat war sich einig, dass „die Konzeption der Aktiva-Kaufprogramme ausreichend Flexibilität für eine Anpassung bietet, sollten sich die Verhältnisse ändern und die Notwendigkeit dafür bestehen”, heißt es weiter in dem Bericht.

Der Werkzeugkasten der EZB

Oberstes Ziel: Preisstabilität

Die Europäische Zentralbank (EZB) soll die Preisstabilität im Euroraum wahren. Sie soll auch die Wirtschaftspolitik unterstützen, wenn das Ziel stabiler Preise nicht beeinträchtigt wird. Ein Blick in den Werkzeugkasten der Notenbank:

Strafzinsen

Parken Banken Geld bei der EZB, müssen sie dafür inzwischen Zinsen zahlen. Das soll die Kreditvergabe ankurbeln.

Geldspritzen

Ende 2011/Anfang 2012 unterstützte die EZB Banken mit Notkrediten (LTRO) im Volumen von einer Billion Euro. Die Kredite wurden zu Mini-Zinsen und für drei Jahre gewährt. 2014 folgten weitere Notkredite, allerdings in deutlich geringerem Umfang.

Kauf von Kreditpaketen

Seit Herbst 2014 kauft die EZB Pfandbriefe (Covered Bonds) und gebündelte Kreditverbriefungen (ABS). Das soll Geschäftsbanken Freiräume zur Vergabe von Krediten verschaffen.

Weniger Zinsentscheidungen

Seit diesem Jahr werden geldpolitische Entscheidungen nicht mehr alle vier Wochen, sondern nur noch alle sechs Wochen verkündet. Die EZB will Erwartungen an den Finanzmärkten eindämmen und ihren Maßnahmen mehr Zeit zur Entfaltung geben.

Staatsanleihen-Käufe

Im Mai 2010 begann die EZB erstmals mit dem Kauf von Staatsanleihen. Das „Securities Markets Programme“ (SMP) sollte den Anstieg der Renditen von Anleihen angeschlagener Euroländer bremsen. Bis Anfang 2012 kaufte die EZB Staatspapiere für rund 220 Milliarden Euro, zumeist italienische Anleihen.

Im September 2012 ersetzte das Programm „Outright Monetary Transactions“ (OMT) diese Maßnahme: Die EZB erklärt sich dabei unter Bedingungen bereit, notfalls unbegrenzt Anleihen von Krisenstaaten zu erwerben. Gekauft wurde in diesem Rahmen keine Anleihe.

Seit März 2015 erwirbt die EZB im Rahmen eines erweiterten Kaufprogramms („Public Sector Purchase Programme“/PSPP) in großem Stil Staatsanleihen. Monatlich sollen so 60 Milliarden Euro billiges Zentralbankgeld in Umlauf gebracht werden - bis September 2016.

Die Währungshüter konstatierten, dass die Inflation in dem 19 Länder umfassenden Währungsblock offenbar den Tiefpunkt hinter sich gelassen habe. Sie äußerten sich jedoch besorgt, dass die Erholung der Region weiterhin durch die Griechenland- Krise und die Turbulenzen an den Schwellenländer-Märkten bedroht ist. EZB-Präsident Mario Draghi sagte in der Pressekonferenz am 16. Juli in Frankfurt, dass die EZB bereit sei, alle innerhalb ihres Mandats verfügbaren Mittel zu nutzen, um einer unerwünschten Straffung der Geldpolitik zu begegnen.

Die Wirtschaft des Euroraums ist im zweiten Quartal voraussichtlich um 0,4 Prozent gewachsen, unverändert gegenüber den drei Monaten zuvor, und der endgültige Wert für die Inflationsrate dürfte im Juli bei 0,2 Prozent liegen, ergaben Bloomberg-Umfragen. Eurostat in Luxemburg wird die Daten am Freitag um 11 Uhr veröffentlichen.

Der Rat beschloss die Finanzmärkte weiterhin ‘‘genau zu beobachten''. Die Währungshüter waren der Ansicht, dass die Juli-Vereinbarung zwischen Griechenland und seinen Kapitalgebern zur Aufnahme von Gesprächen für eine Hilfsvereinbarung das Risiko von negativen Auswirkungen auf die Region ‘‘erheblich reduziert'' habe. Sie sagten außerdem, dass die Turbulenzen an den chinesischen Finanzmärkten möglicherweise ‘‘größer als erwartete Negativeffekte'' haben werden wegen der herausragenden Rolle des Landes im weltweiten Handel.

Zudem warnen die Währungshüter vor den Gefahren der Turbulenzen auf dem chinesischen Markt. „Finanzielle Entwicklungen in China könnten einen größer als erwarteten negativen Effekt haben”, hieß es im Protokoll. Dabei wiesen die Euro-Wächter auf die starke Stellung der Volksrepublik im Welthandel hin. Chinas Konjunktur hatte sich zuletzt merklich abgekühlt. Im Monat vor dem EZB-Treffen war die Börse in Shanghai auch deswegen um rund 20 Prozent eingebrochen.

China ist einer der wichtigsten Absatzmärkte für Europa. Immer mehr Volkswirte halten es nicht mehr für wahrscheinlich, dass das asiatische Land 2015 das offizielle Wachstumsziel der Regierung von sieben Prozent schafft. Ohnehin wäre das der geringste Zuwachs seit einem Vierteljahrhundert.

Kommentare (3)

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Frau Nelly Sachse

13.08.2015, 17:15 Uhr

Was wäre denn locker genug, Herr Bloomberg, wenn locker nicht zum Erfolg geführt hat?
Kann es sein, daß die EZB mit ihrem Latein am Ende ist, bzw. sich verrechnet hat? Trotz der Geldschleusenöffnung kaum Wirtschaftswachstum weit und breit und kaum Inflation. Man darf gespannt sein, welche Maßnahmen Draghi noch in petto hat, um seine Ziele zu erreichen, vielleicht
müsste er noch viel lockerer reagieren, bestimmt brächte das dann die Wende.

Herr Thomas Bergmann

13.08.2015, 18:37 Uhr

Wie wäre es denn einfach mal an alle Haushalte einen Scheck über 1000 € sozusagen staatliches Urlaubsgeld zu versenden. Immer den Banken die Kohle in den Arsch blasen scheint nichts für den Konsum zu bringen, die Banken sind satt. Kredite will keiner also was solls? Das solche Fragen überhaupt auftauchen zeigt aber, dass unser Wirtschaftssystem dringend umgebaut gehört. Diese ganzen aufgeblasenen Assetmärkte sind ein deutliches Zeichen von Fehlallokationen die uns noch teuer zu stehen kommen werden.

Herr Stephan Fischer

13.08.2015, 19:26 Uhr

Billiges Geld löst nicht die Probleme der Euro-Krisenländer. Es braucht unternehmerische Investitionen um die Konjunktur anzukurbeln. Wenn billiges Geld die Wirtschaft ankurbeln würde, dann müsste Griechenland der Konjunkturmotor der Euro-Zone sein.

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