Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

01.06.2011

01:32 Uhr

Schwache Konjunktur

Ökonomen prophezeien USA „quälende“ Zukunft

ExklusivMiserable Konjunkturdaten haben die USA erschüttert. Die Preise am Immobilienmarkt sind im freien Fall - und auch das Konsumklima verheißt nichts Gutes. Ein Gesetz zum Schuldenlimit wurde abgeschmettert.

US-Flagge. Quelle: dapd

US-Flagge.

DüsseldorfFührende Ökonomen in Deutschland sehen die USA angesichts der jüngsten enttäuschenden Konjunkturdaten vor schwierigen Zeiten. Seit März enttäuschten die US-Konjunkturzahlen "massiv" - nicht nur die Immobilien-, sondern auch die Arbeitsmarktdaten, sagte der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, Handelsblatt Online. Das laste auf dem Konsum. "Die US-Wirtschaft wird sich nur quälend langsam aus der Krise herausarbeiten", ist sich Krämer sicher. "Ich würde allerdings nicht so weit gehen und einen Rückfall in die Rezession prognostizieren", fügte er hinzu. "Die ordentlich wachsenden Unternehmensgewinne und die Nullzinspolitik der Fed dürften das verhindern."

Ähnlich äußerte sich der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Ferdinand Fichtner. "Angesichts des weiterhin sehr expansiven wirtschaftspolitischen Umfelds ist von negativen Wachstumsraten der US-Wirtschaft, also einem double dip, zum jetzigen Zeitpunkt nicht auszugehen", sagte Fichtner Handelsblatt Online. Gleichwohl sei die US-Wirtschaft "weit von einer Lösung ihrer Probleme entfernt". Weder sei am Arbeitsmarkt eine substanzielle Besserung zu beobachten, noch zeige der Immobilienmarkt Anzeichen einer Erholung. "Investitionstätigkeit und Preise entwickeln sich ausgesprochen schwach, eine dauerhaft hohe Liquidationsrate von Hypothekenverträgen weist auf anhaltende strukturelle Probleme hin", erläuterte Fichtner.

Zuvor waren enttäuschende Konjunkturdaten veröffentlicht worden. Das Konsumklima in den USA trübte sich im Mai unerwartet ein. Der Index für das Verbrauchervertrauen sank auf 60,8 von 66,0 Punkten im April. Analysten hatten im Schnitt mit einem Anstieg auf 66,5 Punkte gerechnet. Außerdem ist am amerikanischen Immobilienmarkt kein Ende des Preisverfalls in Sicht. Die Preise für Wohnimmobilien sanken in den 20 größten Städten im März um 0,2 Prozent, wie aus dem Index von Standard & Poor's/Case Shiller hervorgeht. Der Index liegt inzwischen sogar unter dem Tief aus den Zeiten der Finanzkrise, das er im April 2009 markiert hatte.

Die US-Staatsanleihen profitierten von den schlechten Daten. Als Grund nannte ein Finanzmarktexperte die Angst vor einem möglichen Rückfall der US-Konjunktur in die Rezession. Käufe der amerikanischen Notenbank Fed von langlaufenden Bonds hätten darüber hinaus die Kurse der Papiere beflügelt. Zudem nahmen professionelle Vermögensverwalter zum Monatsende Umschichtungen zugunsten der Staatsanleihen mit längeren Laufzeiten vor. Die zehnjährigen Staatsanleihen legten um 3/32 auf 100-20/32 zu. Sie rentierten mit 3,052 Prozent. Die 30-jährigen Bonds kletterten 12/32 auf 102-21/32 und hatten eine Rendite von 4,218 Prozent.

Von den privaten Haushalten erwartet DIW-Ökonom Fichtner auch in naher Zukunft keine Impulse für die Konjunktur. Die Amerikaner hätten immer noch mit den in der Finanzkrise erlittenen Vermögensverlusten zu kämpfen und würden sich daher in Zukunft mit ihren Konsumausgaben eher zurückhalten und stattdessen ihre Ersparnisbildung etwas intensivieren. "Auch von dieser Seite ist daher nicht mit einem kräftigen Wachstumsbeitrag zu rechnen", sagte Fichtner. "So wird sich das Tempo der konjunkturellen Erholung nach dem bereits relativ schwachen ersten Quartal wohl noch weiter verlangsamen."

Hinzu kommt, dass die Republikaner im US-Repräsentantenhaus ein Gesetz zur dringend notwendigen Erhöhung der Schuldenobergrenze abgeschmettert haben. 318 Abgeordnete lehnten am Dienstag eine Erhöhung des Limits von derzeit 14,3 Billionen Dollar (9,94 Billionen Euro) ohne gleichzeitige Einsparungsvorschläge ab. Auch 82 Demokraten votierten dagegen. Lediglich 97 Abgeordnete stimmten mit Ja.

Dadurch gewinnt das Ringen um die Staatsfinanzen weiter an Schärfe. Spätestens bis Anfang August muss das Parlament eine Erhöhung des Schuldenlimits beschließen - oder die USA drohen zahlungsunfähig zu werden - mit weltweit unabsehbaren Folgen auf den Finanzmärkten. Allerdings sind Republikaner und Demokraten hinter den Kulissen bereits dabei, nach Lösungen zu suchen.

Fichtner sprach von einem "außerordentlich fragilen" Aufschwung. Denn trotz des kräftigen Wachstums der US-Wirtschaft in den vergangenen Quartalen werde mehr und mehr deutlich, dass die Konjunktur zu ganz wesentlichen Teilen von einer extrem expansiven Geld- und Fiskalpolitik getrieben worden sei. "Jetzt zeigt sich, dass Niedrigstzinsen, hohe Liquiditätsbereitstellung durch die amerikanische Notenbank sowie im Rahmen der konjunkturstimulierenden Maßnahmen der vergangenen Jahre eingeführte Steuererleichterungen angesichts steigenden Inflationsdrucks und eines enormen Schuldenbergs der US-Regierung."

Möglichkeiten im Kampf gegen den Zahlungsausfall

Aussetzen bestimmter Papiere

Seit dem 6. Mai hat das Finanzministerium bereits den Verkauf der sogenannten Slugs - State and Local Government Series Securities - gestoppt. Diese Papiere werden den Bundesstaaten und Kommunen zur Anlage angeboten, erhöhen aber die Schulden des Bundeshaushalts. Wird das Programm gestoppt, erhöht das den Finanzspielraum des Ministeriums. In den vergangenen 20 Jahren wurde das Programm bereits sechs Mal ausgesetzt, damit die USA die Schuldenobergrenze nicht reißen.

Aussetzen von Einmalzahlungen in Rentenfonds

Das Finanzministerium stoppt Einzahlungen in verschiedene Fonds für Pensionen und die Absicherung von Berufsunfähigkeit der Beschäftigten im Staatsdienst. Damit könnte es je nach Dauer zwölf oder 72 Milliarden Dollar freimachen.

Einfrieren eines Investmentfonds

Das Finanzministerium wird ab diesem Montag einen Fonds für Beschäftigte im Staatsdienst, den G-Fonds, auf Eis legen. Die darin enthaltenen Mittel von 130 Milliarden Dollar werden bis auf weiteres nicht mehr neu angelegt. Damit erhöht sich der Spielraum zur Aufnahme neuer Kredite um diesen Betrag.

Anzapfen von Fonds zur Währungsstabilisierung

Die Regierung könnte den selten genutzten 50 Milliarden Dollar schweren Fonds zur Stabilisierung der Währungskurse anzapfen, um die Aufnahme neuer Schulden zu verhindern. Der Fonds wurde in den 1930er Jahren während der Großen Depression

geschaffen.

Verkauf von Vermögenswerten

Die Regierung könnte Teile von Unternehmen verkaufen, die sie im Rahmen des 700 Milliarden Dollar schweren TARP-Programmes gerettet hat. Allerdings hat Finanzminister Timothy Geithner bereits angedeutet, dies sei möglicherweise keine gangbare Lösung, weil der Steuerzahler bei einem Blitz-Verkauf Verluste erleiden könnte.

 

Von

Dietmar Neuerer / dpa

Kommentare (9)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

RoadRunner

31.05.2011, 21:49 Uhr

die USA sollten den Ruestungsetat um 50% kuerzen. Aber die maechtigen US Ruestungskonzerne werden das zu verhundern wissen.
Also gehts nur weiter bergab.

Treuer_US-Fan

31.05.2011, 22:10 Uhr

Bloß gut, dass wir in Deutschland so einen tollen XXL-Aufschwung erleben, da können wir die Staaten raushauen, die es nicht so gut haben wie wir. Ein bissel Gürtel enger schallen, geht schon noch, es ist zu unser aller Wohl.
Denn wenn es den USA gut geht, geht es uns ähm der Exportindustrie auch gut. Die haben uns schließlich den Frieden und Coca Cola (auch Pepsi) gebracht...
Und der Obama ist sowieso ein Guter, hat ja schließlich den Friedensnovellenpreis bekommen...
Der kriegt das schon wieder hin, dass die Immopreise steigen, und dann wird alles wieder gut...
Ihr werdet sehen!

Account gelöscht!

31.05.2011, 22:43 Uhr

Das mit den Immopreisen ist ganz einfach: Was leer steht - und noch ca. 10% mehr, mit der Planierraupe plattmachen und anzünden, dann steigen die Preise von ganz allein... Kaum Investitionen des Staates, 20jährigert Niedergang der exportfähigen Industrie, verblödete Massen, stetig wachsende Verschuldung, Korruption von "oben" - alles Gute für die Zukunft, USA, ein "sicheres Erfolgsrezept"! Aber wir haben bekanntermaßen in Europa auch so "gewisse Ecken", wo nicht wesentlich anders gewirtschaftet wurde... - kein wirklicher Grund zur Häme...

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×