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24.02.2006

10:58 Uhr

„Sorgenkind“ Ostdeutschland

Fürsorge mit fataler Wirkung

VonDorit Hess

Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland könnte nahezu halb so hoch sein – wenn nach der Wiedervereinigung eine andere Wirtschaftspolitik umgesetzt worden wäre. Was viele geahnt haben und Politiker immer wieder ausgesprochen haben, hat das Kieler Institut für Weltwirtschaft erstmals ökonomisch sauber berechnet.

Arbeitsagentur in Leipzig. Foto: dpa Quelle: dpa

Arbeitsagentur in Leipzig. Foto: dpa

KIEL. Die Kernthese der Studie von Institutschef Dennis Snower, die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt: Nicht trotz, sondern gerade wegen der regelmäßig gezahlten hohen Unterstützungsleistungen steckt die ostdeutsche Wirtschaft in massiven Schwierigkeiten. 80 Milliarden Euro – das entspricht etwa 3,6 Prozent des gesamtdeutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) – flossen seit der Wiedervereinigung Jahr für Jahr in den Osten der Republik.

„The caring hand that cripples“ (zu Deutsch: „Die fürsorgliche Hand, die verkrüppelt“) heißt folgerichtig auch die Arbeit von Snower und seinem IfW-Kollegen Christian Merkl, die im Mai in der renommiertesten ökonomischen Fachzeitschrift, dem American Economic Review, erscheinen soll. Die Forscher haben zum ersten Mal mathematisch ermittelt, wie sich die wirtschaftspolitischen Instrumente in den neuen Ländern auf den Arbeitsmarkt ausgewirkt haben.

Das Ergebnis: Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland wäre heute in etwa halb so hoch – also nicht 20,6 Prozent, sondern nur rund elf Prozent –, wenn die Löhne im Osten getrennt von denen im Westen verhandelt worden wären. Und, zweitens, wenn das Verhältnis des Arbeitslosengeldes zum durchschnittlichen Lohnniveau ebenso wie die Entlassungskosten – als Synonym für geringeren Kündigungsschutz – jeweils um fünf Prozent geringer gewesen wäre.

Der Kieler Institutschef ist mit seiner Arbeit einer von mehreren renommierten Ökonomen, die derzeit die wirtschaftliche Lage in den neuen Bundesländern analysieren. Ostdeutschland sei der Spiegel, der die Schönheitsfehler im Westen entpuppt habe, die früher oder später herausgekommen wären, meint der Berliner Ökonom Michael Burda. Snower habe in seiner Arbeit deutlich aufgezeigt, „wie die Umarmung Ostdeutschlands durch die westdeutschen Institutionen zur schwierigen Lage beigetragen hat“.

Die allen Arbeiten zu Grunde liegenden Fakten: Die Arbeitslosenquote in Ostdeutschland verdoppelte sich von 1991 bis 2005 – und das trotz einer erheblichen Bevölkerungsabwanderung von Ost nach West. Die Arbeitslosenquote im Osten betrug 1991 im Schnitt 10,2 Prozent, 2005 erreichte sie ihren Höchstwert mit 20,6 Prozent. In der selben Zeit stieg die Arbeitslosenquote im Westen von 6,2 auf elf Prozent.

Dass die Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland so stark stieg und auf diesem hohen Niveau verharrt, hat laut Snower vor allem zwei Ursachen: Westdeutsche Gewerkschaften und Arbeitgeber hätten die Tarifpolitik des Westens schlicht auf den Osten übertragen und sich dort auf zu hohe Löhne geeinigt. „Dabei hatten sie vor allem ihre eigenen Interessen im Sinn“, sagt Snower. Denn die Westdeutschen hätten verhindern wollen, dass Arbeitnehmer von Ost- nach Westdeutschland migrieren und Firmen den entgegengesetzten Weg gehen.

Nicht nur, dass so die Fehler der westdeutschen Wirtschaftspolitik in Ostdeutschland wiederholt worden seien, klagt Snower. Es sieht einen entscheidenden Unterschied, der die negative Entwicklung beschleunigt habe: Während in den alten Bundesländern die Arbeitsproduktivität schneller als die Löhne stieg, habe es in den neuen Bundesländern Anfang der 90er-Jahre einen „Lohnschock“ gegeben, durch den die Löhne viel schneller angestiegen sind als die Produktivität. „Seitdem sinken die Löhne zwar relativ zur Produktivität in den neuen Ländern, aber sie sind noch immer hoch – zu hoch – relativ zur Produktivität.“

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