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27.04.2012

09:38 Uhr

Stimmt es, dass..

...der Staat Kinderreichtum zu einem Signal für niedrigen sozialen Status gemacht hat?

VonNorbert Häring

Deutschland benachteiligt Paare mit Kindern, indem es „kinderreich“ und „sozial schwach“ gleichsetzt. Der Fiskus macht Familien ärmer, sodass der soziale Status von kinderreichen Eltern sinkt.

Norbert Häring

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt.

Eine Frau bekommt in Deutschland im Schnitt 1,4 Kinder. Für eine stabile Bevölkerung wären mehr als zwei nötig. Darin besteht unser Demografieproblem. Familien mit drei Kindern gelten als „kinderreich“, ein Wort, das schon den Beiklang asozial angenommen hat.

Der Fiskus trägt eifrig zur Gleichsetzung von kinderreich und sozial schwach bei, indem er Eltern mit Kindern benachteiligt. Sie werden steuerlich mit Alleinstehenden oder kinderlosen Paaren gleichgesetzt, die einen viel höheren Lebensstandard haben und viel höhere Steuern zahlen könnten. Dadurch reduziert er ihre Konsummöglichkeiten, die den sozialen Status maßgeblich mitbestimmen.

Der Fiskus hat Schutz von Ehe und Familie nur für die Ehe umgesetzt, indem er per Ehegattensplitting Ehepaare behandelt, als verdiene jeder die Hälfte des gemeinsamen Einkommens. Das wichtigste Argument dafür ist, dass sie in der Regel auch einen gemeinsamen Lebensstandard haben.

Dieses Argument gilt aber auch für Familien mit Kindern. Und doch gibt es kein Familiensplitting. Für jedes Kind kann ein Paar nur rund 7000 Euro Freibetrag von der Steuer absetzen, oder Kindergeld beziehen, wenn das günstiger ist. Je höher das Einkommen, desto größer der Nachteil aus dem fehlenden Splitting. Die Folgen lassen sich gut an einem vereinfachten Beispiel sehen: Ein Ehepaar mit vier Kindern, das 100 000 Euro verdient, hat nach Abzug der Kinderfreibeträge 72 000 Euro zu versteuern. Steuerlast laut Splittingtabelle: 15 200 Euro. Von den 100000 Euro Einkommen bleiben nach Steuern pro Kopf: 14 100 Euro.

Die gleiche Steuerlast trägt ein kinderloses Ehepaar, das 72 000 Euro verdient und, abzüglich der Steuer, 28 400 Euro pro Person ausgeben kann, also gut doppelt so viel wie die vierköpfige Familie. Oder anders herum: ein kinderloses Ehepaar mit einem verfügbaren Einkommen von 14 100 Euro pro Kopf würde nur 3000 Euro Steuern zahlen.

Paare, die bereit sind, für Kinder einen niedrigeren Lebensstandard in Kauf zu nehmen, werden also vom Fiskus im sozialen Status noch ein, zwei Sprossen zusätzlich nach unten geschubst, indem sie noch ärmer gemacht werden.


Kommentare (4)

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Sven

27.04.2012, 12:28 Uhr

Die Steuergeschenke für Familien müssen ein Ende haben!

Eltern mit Kindern werden steuerlich eben NICHT mit Alleinstehenden oder kinderlosen Paaren gleichgesetzt: Alleinstehende haben einen NIEDRIGEREN Lebensstandard, zahlen jetzt schon zu viele Steuern und können diese kaum zahlen!


Quellen:

http://www.zeit.de/online/2009/20/oecd-steuerbelastung-deutschland-ungerecht

"Auch Singles und Doppelverdienerhaushalte werden in Deutschland stärker zur Kasse gebeten als in den meisten anderen der 30 OECD-Staaten."


http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,624302,00.html

"So beliefen sich 2008 in Deutschland Steuern und Sozialabgaben für einen alleinstehenden Geringverdiener auf 47,3 Prozent"


http://www.focus.de/politik/deutschland/armut-etwa-jeder-sechste-ist-arm_aid_566946.html

"Nahezu jeder dritte Single gilt danach als arm, bei den Haushalten vierköpfiger Familien sind es nur knapp acht Prozent"


http://www.focus.de/finanzen/steuern/oecd-studie-rekordabgaben-fuer-deutsche-geringverdiener_aid_398342.html

" Alleinstehende Geringverdiener führen fast 50 Prozent an den Staat ab."


Es müsste sowieso gelten: Wer Kinder hat, muss für diese natürlich auch bezahlen. Und nicht andere!

opa

27.04.2012, 22:15 Uhr

Die Quellen passen hier doch gar nicht, sie haben eine ganz andere Zielrichtung. Dass Geringverdiener eher benachteiligt sind, da ist sicher was dran. Sie haben z.B. auch weniger Vorteile von der Pendlerpauschale, so unsinnig diese insgesamt auch sein mag. Auch das Ehegattensplitting ist sicher eher ein Anachronismus, den man reformieren sollte.
Und dieser letzte Focus-Artikel unterstreicht ja, wie unsinnig teilweise gerechnet wird (930€ für eine Person, 1950€ für 4 Personen...)
Bezogen auf das eigentliche Thema des HB-Artikels scheint mir dem obigen Kommentar ( "Wer Kinder hat, muss für diese natürlich auch bezahlen. Und nicht andere!")nicht besonders viel Weitblick zugrunde zu liegen. Dann dürfte es z.B. auch keine Rente für Kinderlose geben. So kann es doch wohl nicht funktionieren!

Account gelöscht!

28.04.2012, 06:50 Uhr

Für einen Vergleich von Ehepaaren mit und ohne Kinder muß man auf der Seite der Einnahmen - also bei Besteuerung nach der Leistungsfähigkeit über die Einkommensteuer - gleiche Gesamtbruttoverdienste ansetzen. Sonst verzerrt die Progression die Vergleichswerte.

Weiterhin sind sämtliche direkten und indirekten Transfers und Subventionen, die sich auf Kinder beziehen, zu berücksichtigen. Dabei sind nicht nur die finanziellen Zuwendungen des Staates (Bund, Länder, Kommunen), sondern auch die staatlich verordneten geldwerten Vorteile aus dem Privatbereich (z.B. von Unternehmen) einzubeziehen. Der Staat hat ja einige soziale Leistungen für Kinder, die eigentlich von ihm erbracht werden müßten, auf Privatinstitutionen abgewälzt.

Erst dann läßt sich sagen, ob Kinder bzw. ihre Eltern wirklich benachteiligt werden. Und dies auch nur zeitgleich, also nicht zwischen Generationen.

Die Idee eines Familiensplitting steht dem nicht entgegen, einiges spricht durchaus dafür.

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