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25.05.2012

12:15 Uhr

Stimmt es, dass...

...die Banken ein staatlich gestütztes Schneeballsystem betreiben?

VonNorbert Häring

Der Geldmarkt ist das Instrument, mit dem Banken sicher stellen, dass ihr Geldschöpfungsmodell funktioniert. Aber Banken müssen Sicherheiten hinterlegen. Geschieht dies nicht, so dauert die Finanzkrise umso länger.

Norbert Häring

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt.

Bankfachleute haben zielsicher die Sollbruchstelle im Geschäftsmodell meiner stilisierten Bankneugründung aus der Kolumne vom 22. Mai ausgemacht. Sie hat mit fünf Millionen Euro Guthaben bei der Europäischen Zentralbank (EZB) einen Kredit von 500 Millionen Euro vergeben und dem Kreditnehmer ein entsprechendes Guthaben auf einem Girokonto gutgeschrieben.

Das Problem, und wenn man dieses versteht, hat man den Kern der gegenwärtigen europäischen Finanzkrise verstanden: Überweisungen zwischen Banken werden über Zentralbankkonten abgewickelt. Wenn der Kreditnehmer das Geld auf ein Konto einer anderen Bank überweist, um zum Beispiel spanische Anleihen zu kaufen, muss meine Bank 500 Millionen Euro EZB-Guthaben an eine andere Bank abgeben. Sie hat aber nur fünf Millionen auf ihrem EZB-Konto.

Für solche Fälle gibt es den Geldmarkt. Meine Bank müsste sich 495 Millionen Euro EZB-Guthaben von einer anderen leihen, die mehr hat als sie braucht. In guten Zeiten bekommt man als gute Bank ohne Sicherheit Geld am Geldmarkt für einen kleinen Aufschlag auf den Leitzins. Der Geldmarkt ist also das Instrument, mit dem die Banken sicherstellen, dass ihr Geldschöpfungsmodell funktioniert. Er reduziert für die einzelne Bank erheblich das Risiko daraus, dass Kunden das als bloßes Auszahlungsversprechen geschaffene Giroguthaben massenhaft an andere Banken überweisen.

Aber meiner windigen Bank vertrauen andere Banken natürlich keine 495 Millionen Euro an. Das ist genau das Problem, das seit der Pleite von Lehman Brothers 2008 die Banken plagt. Der Geldmarkt funktioniert nicht mehr. Die Banken wissen, wie schlecht sie selbst dastehen und trauen deshalb auch kaum einer anderen Bank.

Darum hat die EZB die Zentralbankguthaben, die sie den Banken einräumt, ganz massiv ausgeweitet. Eine Bank, die mehr Geld überweisen muss, als sie hat, bekommt per unlimitiertem Kredit von der EZB zusätzliche Guthaben, mit denen sie ihre Überweisung tätigen kann. Die Sache hat aber einen Haken. Die Banken müssen Sicherheiten hinterlegen. Meine Bank hat diese nicht, so wie viele Banken in den Krisenländern sie nicht mehr haben. Also hat die EZB die Anforderungen an die Sicherheiten gesenkt. Nun sind auch Forderungen aus Krediten, wie dem 500-Millionen-Kredit meiner Bank, als Sicherheit zugelassen, wenn auch mit einem Abschlag auf den Nennwert. Ohne den Abschlag wäre so selbst das extreme Geschäftsmodell meiner Bank gerettet. Weil es in Europa viele Banken mit derart extremen Problemen gibt, dauert die Finanzkrise an.

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