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22.08.2012

10:43 Uhr

Stimmt es, dass...

Erdrücken die Pensionslasten deutsche Konzerne?

VonNorbert Häring

Durch die gesunkenen Zinsen steigt der Wert der Betriebsrenten. Aber stellt ein niedriger Zins insgesamt eine reale Belastung für die Unternehmen dar? Aus zwei Gründen ist dies nicht der Fall.

Norbert Häring

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt.

So oder ähnlich lauteten in den vergangenen Tagen die Überschriften in mehreren Tageszeitungen.

Hinter den alarmistischen Analysen steht die Feststellung, dass durch die gesunkenen Zinsen der zu bilanzierende Wert der später zu zahlenden Betriebsrenten steigt. Das ist etwas überraschend, denkt man doch normalerweise, dass niedrige Zinsen gut für Unternehmen sind. Aber für sich genommen stimmt es.

Wenn ein Unternehmen in einem Jahr 100 Euro zahlen muss, dann muss es bei einer Verzinsung von 10 Prozent heute 91 Euro zurücklegen, um nächstes Jahr die 100 Euro zu haben. Bei einer Verzinsung von nur einem Prozent müsste das Unternehmen dagegen 99 Euro zurücklegen. Das ist der sogenannte Barwert der künftigen Zahlungsverpflichtung.

Nach den Internationalen Rechnungslegungsstandards (IAS) richtet sich der zu verwendende Rechnungszins nach den Renditen "für erstrangige, festverzinsliche Industrieanleihen". Diese Rendite ist in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen.

Da die Unternehmen zum Teil hohe Pensionslasten in den Bilanzen angesammelt haben, die sie bisher mit einem höheren Rechnungszins auf einen niedrigeren Barwert abgezinst hatten, kommen bei der Umstellung auf einen niedrigeren Rechnungszins allein für die 30 größten deutschen Kapitalgesellschaften mehrere Dutzend Milliarden Euro an Belastung zusammen.

Doch das ist nur ein Teilaspekt. Man muss auch fragen, ob ein niedrigerer Zins insgesamt eine reale Belastung für die Unternehmen darstellt. Das ist aus zwei Gründen nicht der Fall: Da ist zunächst einmal der Unterschied zwischen Rechnungszins nach Bilanzregeln und Verzinsung des im Unternehmen eingesetzten Kapitals. Eine gesunkene Rendite erstklassiger Unternehmensanleihen bedeutet nicht unbedingt, dass in gleichem Maße die Profitrate der Unternehmen gesunken ist. Nur wenn dies der Fall wäre, würde es für das Unternehmen schwerer, die künftigen Pensionen zu verdienen.

Davon ist derzeit nicht auszugehen. Sonst müssten sich die spanischen und italienischen Unternehmen freuen, denn sie müssen für ihre Anleihen deutlich mehr bezahlen als die deutschen Unternehmen. Wenn die Gewinne gleich hoch bleiben oder wegen niedrigerer Fremdfinanzierungskosten sogar steigen, sind steigende Pensionslasten ein rein bilanzielles Problem.

Außerdem: Der Abzinsung künftiger Ausgaben steht die Abzinsung künftiger Einnahmen mit dem gleichen Zins gegenüber. Wenn künftige Ausgaben durch einen niedrigeren Rechnungszins mehr wert werden, steigt in gleichem Maß der Wert künftiger Erlöse. Solange ein Einnahmenüberschuss zu erwarten ist, hebt die Zinssenkung den Unternehmenswert. Die sinkenden Zinsen sind gut für die deutschen Unternehmen und ihre Aktionäre.

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