Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.02.2012

15:11 Uhr

Stimmt es, dass...

Fördert der Staat Scheinstudenten?

VonNorbert Häring

Mit 2000 Euro pro Jahr fördert der Staat angeblich jeden, der sich nur zum Schein in einer Universität einschreibt. Dafür gibt es auch eine Begründung. Aber keine Erklärung.

Studenten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). dpa

Studenten der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).

Ja, denn wer Abitur oder Fachhochschulreife hat, dessen Eltern können bis zum Alter von 25 Jahren Kindergeld beziehen. Alles was man tun muss, ist, sich als Student einzuschreiben, bevorzugt in einem Bundesland ohne Studiengebühren. Dabei stört es nicht, wenn der Nachwuchs einen Vollzeitjob hat. Es stört auch nicht, wenn er Vermögen geerbt hat und hohe Zinseinnahmen erzielt.

Nachzulesen ist das im Steuervereinfachungsgesetz 2011 (BGBl. I S. 2131), gültig seit Januar. Darin ist geregelt, dass es künftig keine Einkommensgrenze mehr für den Bezug von Kindergeld gibt. Voraussetzung ist bei volljährigen Kindern weiterhin, dass sie sich in Ausbildung befinden. Der Nachweis, dass man tatsächlich studiert, wird nicht verlangt.

Wer über Lehre und Berufstätigkeit die Studienberechtigung erworben hat, dessen Eltern kommen nicht so leicht an Kindergeld. Denn für Kinder in Zweitausbildung gibt es nur Kindergeld, wenn sie weniger als 20 Stunden pro Woche arbeiten.

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt. Bernd Roselieb für Handelsblatt

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt.

Zum Sommersemester können Deutschlands berufstätige Abiturienten erstmals von dieser Möglichkeit Gebrauch machen. An den Unis herrscht Überfüllung, weil doppelte Abiturjahrgänge und Abschaffung der Wehrpflicht die Studentenzahlen nach oben treiben. Wenn sich jetzt noch mehr Scheinstudenten einschreiben, kann man an der Zahl der eingeschriebenen Studenten kaum ablesen, wie hoch Finanzbedarf und Überbelegung der einzelnen Hochschulen sind.

Scheinstudenten gibt es schon heute viele, weil ein Scheinstudium Vergünstigungen beim Nahverkehr und vergünstigte Eintrittspreise sowie versicherungstechnische Vorteile bietet. Vor allem Professoren in technischen Studiengängen, bei denen es selten Zugangsbeschränkungen gibt, berichten von beträchtlichen Diskrepanzen zwischen der Anzahl der Neueinschreibungen und der Anzahl derer, die sich für Pflichtveranstaltungen eintragen und Prüfungen ablegen. Die Hochschulen haben keinen Anreiz, solche Diskrepanzen aufzuklären und Karteileichen auszusondern.

Das Ziel, den Bürgern „umfangreichen Ermittlungs- und Erklärungsaufwand“ zu ersparen, ist löblich. Üblich ist es deshalb im Steuerrecht, sich auf Stichproben zu konzentrieren, wenn Vollkontrolle zu aufwendig ist. Eltern von sozialversicherungspflichtig beschäftigten jungen Menschen würden sich auch ohne Prüfung kaum trauen, Kindergeld in Anspruch zu nehmen, wenn das nicht legal wäre. Zu Recht wird von Sozialhilfeempfängern der Nachweis der Anspruchsberechtigung erwartet. Warum soll das für das Bildungsbürgertum nun eine Zumutung sein?

Kommentare (1)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Ein_Prof

29.02.2012, 17:27 Uhr

Es ist nicht ganz richtig, dass die Hochschulen kein Interesse daran haben, Scheinstudenten auszusondern. Zumindest in NRW bemisst sich die Finanzzuweisung an die Hochschulen in zunehmender Weise an Kennzahlen, darunter die "Erfolgsquote" = Verhältnis von Absolventen zu Studienanfängern. Scheinstudenten drücken diese Quote unnötig, was den Dozenten schnell als schlechte Lehre ausgelegt wird, obwohl die entsprechenden Studis gar keine Vorlesungen besuchen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×