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20.09.2012

12:25 Uhr

Stimmt es, dass...

Ist Goethes Faust II ein Plädoyer gegen Geldschöpfung?

VonNorbert Häring

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und der Ex-EZB-Chefvolkswirt, Otmar Issing, zitieren Goethe, um gegen den Missbrauch des „Geldschöpfungsmonopols“ der Zentralbanken zu argumentieren. Sie betreiben damit Desinformation.

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Buchautor. Bernd Roselieb für Handelsblatt

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Buchautor.

Johann Wolfgang von Goethe lässt im zweiten Teil seines Faust Mephisto einen teuflischen Papiergeldplan aushecken, um die Finanznöte des Kaisers vorläufig zu lösen. Das Ergebnis ist Inflation. Bundesbank-Präsident Jens Weidmann und der ehemalige Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Otmar Issing, machten daraus auf der Frankfurter Goethe-Festwoche ein Plädoyer gegen den Missbrauch des „Geldschöpfungsmonopols“ der Zentralbanken.

Beide betreiben Geschichtsklitterung und Desinformation durch Auslassung. Andernfalls würden andere Lehren folgen, wie etwa: Es empfiehlt sich, weder dem Teufel noch einem gesuchten Mörder und professionellen Glücksspieler die Verantwortung für das Geldsystem zu übertragen. Goethe dürfte Mephistos Papiergeldplan nach demjenigen des aus England vor der Justiz geflohenen Glücksspielers John Law modelliert haben.

Dieser hatte im frühen 18. Jahrhundert die Finanznot des französischen Königs durch Papiergeldemission vorübergehend behoben. „Schaut man in der Historie zurück, wurden staatliche Notenbanken früher oft geschaffen, um den Regenten möglichst freien Zugriff auf scheinbar unbegrenzte Finanzmittel zu geben“, stellt Weidmann fest.

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Allein, die wichtigsten frühen Zentralbanken, wie die Schwedische Reichsbank, die Bank von England und die Vorläufer der heutigen US-Zentralbank, waren keine staatlichen, sondern private Banken. Der britische König musste der privaten Bank von England hohe Zinsen für das Geld bezahlen, das diese als Banknoten, also Schuldscheine, aus dem Nichts schuf.

Das US-Parlament entzog den von privaten Bankiers geführten Vorläufern der Federal Reserve immer wieder die Lizenz, weil die Volksvertreter nicht einsahen, dass Privatleute an der Bereitstellung des nationalen Zahlungsmittels üppig verdienen sollten. Auch John Laws geldschaffende Banque Generale war eine Privatbank.

Er konnte sich das Geldschöpfungsprivileg von der Regierung sichern, weil er durch eine von ihm selbst angefachte Spekulationsblase, die Mississippi-Blase, steinreich geworden war. Noch heute wird das weitaus meiste Geld, nämlich das Giralgeld auf unseren Bankkonten, von privaten Banken geschaffen, nicht von der staatlichen Zentralbank. Das geht, weil der Staat solches ungedeckte Bankengeld als Zahlungsmittel akzeptiert.

Es gibt in Wahrheit kein Geldschöpfungsmonopol der Zentralbanken. Dennoch schaffen es Weidmann und Issing, private Banken und ihre Rolle im Geldschöpfungsprozess mit keinem Wort zu erwähnen. Denn das würde statt der ihren die These nahelegen: Wenn Banken mit selbst geschaffenem Geld Kreditblasen erzeugen und mit dem dadurch gewonnenen Reichtum die Politik vereinnahmen können, tut das der Finanzstabilität nicht gut. Aber das geht über Faust II hinaus.

Kommentare (6)

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Sappho

20.09.2012, 13:18 Uhr

Nichtsdestotrotz und im Hinblick auf unser 'schönes Europa' sei hier erwähnt, dass Goethe zutiefst vom Griechentum überzeugt war, Griechisch in Wort und Schrift beherrschte und ihm, im Gegensatz dazu, die deutsche Kultur wie auch das Christentum/Judentum als abrahamitische Religionen eher befremdeten. Womit wir beim derzeitigen 'Religionskrieg' wären. Schauma ma

Banker

20.09.2012, 15:25 Uhr

Natürlich haben die Zentralbanken das Geldmonopol, sie bedienen sich nur der Geschäftsbanken, weil sie teilweise rechtlich an der direkten Einflußnahme gehindert werden - z.B. darf die EZB nicht am Primärbank Staatsanleihen kaufen, womit sie Geld ins System pumpt, sondern nur über den Sekundärmarkt, also indem sie den Banken diese Anleihen abkauft, die dann wieder neue Anleihen kaufen können, die ihnen die Zentralbank neuerlich abkauft, etc.

Außerdem hält die Zentralbank über den Refi Satz die Zinsen künstlich niedrig und ermöglicht dadurch die Geldschöpfung der Geschäftsbanken ja erst - niedriger Zins = hohe Kreditnachfrage und somit Geldschöpfung.

Zuletzt kenne ich keinen anderen legal Tender in Europa, der neben dem EURO und mit ihm im Wettbewerb stehend, von anderen Institutionen in Europa, gleichberechtigt zum EURO begeben werden könnte. Hat also die EZB und das EURO System (Summe aller nationalen Zentralbanken des EURO Raumes) nun das Monopol oder nicht?

Bitte erst den Finanzmarkt verstehen, bevor man einen Kommentar dazu schreibt.

Account gelöscht!

25.09.2012, 06:32 Uhr

Man sollte sich mit dem Thema etwas länger beschäftigen bzw Rücksprache mit Leuten halten die etwas mehr im Thema sind als der Author.

Unfug No 1:

"Noch heute wird das weitaus meiste Geld, nämlich das Giralgeld auf unseren Bankkonten, von privaten Banken geschaffen, nicht von der staatlichen Zentralbank"
Der Author kennt den Unterschied von Geld- UND Kreditschöpfung wohl nicht. Eine Zentralbank schafft Geld, die Privatbanken multiplizieren es mit der KREDITSCHÖPFUNG. Zwar schöpfen die Privatbanken absolut mehr Kredit als die Zentralbank Geld schöpft, die Zentralbank sitzt aber am lägerem Hebel. Wenn sie nämlich 1 Euro Geld schöpft, können die Privatbanken zB 10 Euro Kredite schöpfe, aber wenn die Zentralbank 1 Euro wieder einzieht, müssen 10 Euro Kredit verschwinden. Das "Übel" geht immer von der Zentralbank aus.

Unfug No 2:
"Es gibt in Wahrheit kein Geldschöpfungsmonopol der Zentralbanken"

Siehe Nr.1.
Nochmal zum mitschreiben:
DIe Zentralbanken >>HABEN<< das Geldschöpfungsmonopol. Geschäftsbanken haben das >>Kreditschöpfungsmonopol<<.

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