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08.06.2012

12:16 Uhr

Stimmt es, dass...

Sind die USA das Land der Träume?

VonNorbert Häring

Die OECD Live Index-Studie hat überraschende Ergebnisse hervorgebracht: Die USA erhalten die Note „sehr gut“. Dabei zeichnen sich besonders im Gesundheitsbereich deutliche Missstände ab. Haben die USA die Note verdient?

Norbert Häring

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt.

FrankfurtDie Industrieländerorganisation OECD hat einen Better Live Index entwickelt: einen Index für das bessere Leben. Daraus sollen wir, jenseits von einfachen Vergleichen des Durchschnittseinkommens, erkennen können, wo man am besten lebt.
Das ist an sich ein löbliches Unterfangen. Allerdings sind die Ergebnisse überraschend, die uns präsentiert werden. Was zunächst einmal nichts Schlechtes ist. Allerdings ist die Methodik der Untersuchung in vielen Fällen zumindest fragwürdig.
So schneiden beispielsweise die USA nicht nur insgesamt sehr gut ab. Sie liegen auch im Bereich Gesundheit in der Spitzengruppe - deutlich vor Deutschland. Dieses gute Abschneiden widerspricht nicht nur verbreiteten Vorurteilen, sondern auch den harten Fakten. Nach den OECD-Daten ist in den USA ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung fettleibig: ein trauriger Rekord unter den Industrienationen. An Aids leiden 45-mal mehr Menschen als in Deutschland, der dritthöchste Wert der OECD-Länder.

Auch die Lebenserwartung ist mit 78 Jahren unterdurchschnittlich und zwei Jahre geringer als in Deutschland. Bei der Säuglingssterblichkeit liegen die USA zwischen der Slowakei und Chile, knapp doppelt so hoch wie Deutschland. Pro 1 000 Einwohner gibt es deutlich weniger Ärzte und Krankenhausbetten als bei uns. Warum also ist der Indikatorwert der USA in Sachen Gesundheit so hoch?
Das liegt am subjektiven Gesundheitsempfinden und den Ausgaben für das Gesundheitswesen. Bei beidem liegen die USA mit Abstand an der Spitze. So erfreuen sich nach eigenen Angaben über 90 Prozent guter Gesundheit, im OECD-Schnitt sind es knapp 70, in Deutschland nur 64. Danach müssten also zwei Drittel der fettleibigen Amerikaner und 100 Prozent der übrigen Bevölkerung gesund sein. Und die Ausgaben für das Gesundheitswesen sind vor allem wegen der extrem hohen Gehälter der Ärzte und der hohen Gewinne der Gesundheitskonzerne so hoch. Indem sie das positiv einfließen lässt, erhebt die OECD die Ineffizienz eines überteuerten Gesundheitssystems zur Tugend.

Kommentare (3)

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Account gelöscht!

08.06.2012, 16:57 Uhr

Bei Umfragen kommt immer das raus, was ich möchte. Der Kreis der Befragten und die Fragestellung ist entscheidend.

Tatsache ist, daß die USA bei über 20% Arbeitslosigkeit ist, wenn ehrlich gerechnet wird, über 48 Millionen, also mehr als die Hälfte der Bevölkerung Deutschland, bekommt Essensmarken, aufgrund hoher privater Verschuldung und Verlusten bei Wert der Häuser, die während des Boos als ATM genutzt wurden, ist auch die Lage der Rentner schlecht.

Für viele ist der amerikanische Traum jetzt ein Albtraum

Wagner

09.06.2012, 00:42 Uhr

In diesem Zusammenhang lohnt sich die Lektüre des Artikels der Wirtschaftswoche vom 22.08.10:
http://www.wiwo.de/erfolg/laechle-oder-stirb-die-diktatur-des-positiven-denkens/5672230.html
„Lächle oder stirb - Die Diktatur des positiven Denkens“
Untertitel: Die amerikanische Bestseller-Autorin Barbara Ehrenreich über die Ideologie des positiven Denkens, die die Wirtschaft zerstört und die Welt verdummt.

Account gelöscht!

10.06.2012, 12:15 Uhr

Von den 343 Mio Euro Jahresbudget der in Paris ansässigen OECD zahlte die USA knapp 1/4, Japan ca 18% und Deutschland ca 10%.

Nachdem die OECD in der Vergangenheit mit recht eigenwilligen Statistiken aufgefallen war, hat die USA auf diplomatischem Wege nachdrücklich darauf hingewiesen, dass sie von dieser Art kreativer Datenerhebung und -interpretation nicht viel halten.

Beim "Better Life Index" - ein Jahr vor den Wahlen in USA veröffentlicht, ist man den Hauptgeldgeber nun entgegengekommen. Das Timing stimmt also.
Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Aber mal im Ernst: welcher halbwegs gebildete Mitteleuropäer hält solche "Rankings" für a) wissenschaftlich und b) glaubwürdig?

Das einzig Ärgerliche daran ist, dass wir Deutschen so viel rein zahlen.

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