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22.06.2012

11:15 Uhr

Stimmt es, dass...

Straft Schlecker die Ökonomen Lügen?

VonNorbert Häring

Kaum eine Schlecker-Frau hat bisher einen neuen Job gefunden. Schuld daran ist der unflexible Arbeitsmarkt, auf dem Entlassungen teuer sind. Der Wettbewerb spielt auf diesem Markt eben nur eine begrenzte Rolle:

Norbert Häring

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt.

Die erste Entlassungswelle bei der insolventen Drogeriemarktkette Schlecker gab es im März. Mitte Juni hatte weniger als ein Fünftel der Freigesetzten einen neuen Job. Viele von diesen mussten geringere Arbeitszeiten und Einkommen oder längere Anfahrtswege zum Arbeitsplatz in Kauf nehmen.
Was lehrt uns das? Der Arbeitsmarkt ist ein Markt auf dem der Wettbewerb nur eine begrenzte Rolle spielt. Die betroffenen Frauen können sich keine ähnlich einträgliche "Anschlussverwendung" sichern, wie Philip Rösler das ausdrückt, indem sie die gleiche Arbeit wie die Mitarbeiterinnen von dm für etwas weniger Lohn machen oder indem sie ihre Arbeitskraft den Einzelhändlern in ihrer Nachbarschaft billig anbieten.

Die weitaus meisten Stellen sind besetzt. Wenn eine frei wird, dann nicht unbedingt in erreichbarer Entfernung zum Wohnsitz der eigenen Familie und auf einem passenden Qualifikationsniveau. Andere Drogeriemärkte nutzen auch nicht die Gelegenheit, neue Märkte zu eröffnen. Sie freuen sich vielmehr, dass sie wegen des weggefallenen Konkurrenten ihre eigenen Märkte besser auslasten und eventuell höhere Preise durchsetzen können.
Nun könnte man sagen - und die tonangebenden Ökonomen tun das auch -, solche Probleme resultierten daraus, dass der Arbeitsmarkt zu unflexibel ist, dass Entlassungen zu teuer und Sozialleistungen zu hoch sind. Deshalb gehört die Flexibilisierung der Arbeitsmärkte auch zu den mit größtem Nachdruck an Länder wie Spanien und Griechenland gerichteten Forderungen.

Allein, es handelt sich hier um einen Glaubenssatz, dem jede empirische Basis fehlt. In vergleichenden Untersuchungen stellt sich heraus, dass der deutsche Arbeitsmarkt ähnlich stark reguliert ist wie der spanische. Die Arbeitslosigkeit ist ein Drittel so hoch wie dort. Selbst in den USA, deren Arbeitsmarkt zu den am wenigsten regulierten der Welt gehört, zeigen Studien, dass Arbeitnehmer, die aufgrund von Werksschließungen ihren Arbeitsplatz verlieren, auch zwei Jahre danach noch zu einem hohen Prozentsatz ohne Arbeit, in unfreiwilliger Teilzeit oder zu deutlich geringeren Löhnen beschäftigt sind.

Wenn es regional oder landesweit an Nachfrage nach bestimmten Arbeitskräften mangelt, hilft Deregulierung nicht. Mehr Wettbewerb im Athener Taxifahrergewerbe wird Griechenlands Misere weder beseitigen, noch lindern.
Ebenso wenig werden Arbeitsmarktreformen in Spanien in der Mitte einer tiefen und langen Rezession die extrem hohe Arbeitslosigkeit mindern. Jedenfalls dann nicht, wenn die Konkurrenten um Direktinvestitionen eher Billiglohnländer wie Bulgarien sind als Hochlohnländer wie Deutschland.

Kommentare (9)

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hieros

22.06.2012, 11:42 Uhr

Die verbeamteten Wirtschaftsprofessoren müssen ja
auch erheblich um ihren Job kämpfen.

fjv2

22.06.2012, 11:50 Uhr

Unwort des Jahres: Schecker-Frau

Account gelöscht!

22.06.2012, 11:59 Uhr

Die Bezeichnung Arbeitsmarkt ist im Grunde falsch, denn wir haben hier keinen Platz, an dem gleichberechtigte Bedigungen - eine Voraussetzung für einen Markt - herrschen. Die Anbieter von Arbeit haben eindeutig den Vorteil. Es wäre die Aufgabe der Politik, dieses Ungleichgewicht auszugleichen. Da aber die deutsche Wirtschaft nachweislich von diesem Ungleichgewicht profitiert - sie kann die Löhne drücken, sich von sozialen und finanziellen Verpflichtungen befreien, etc. - wird sich wohl auch in Zukunft wenig daran ändern.

Eine gute Möglichkeit, dieses Ungleichgewicht ein wenig auszugleichen, wäre ein bedingungsloses Grundeinkommen. Wenn die Arbeitnehmer nicht mehr gezwungen wären, um fast jeden Preis eine Arbeit anzunehmen, wäre der Arbeitsmarkt insgesamt fairer.

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