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30.03.2012

18:40 Uhr

Streitgespräch

„Kinder kann man nicht kaufen“

VonSven Afhüppe, Dorit Marschall

ExklusivDer ehemalige Wirtschaftsweise Bert Rürup ist überzeugt, dass die „fetten Jahre“ für Deutschland erst noch kommen. Ex-Ministerpräsident Kurz Biedenkopf (CDU) widerspricht: Deutschland stehe vor Herausforderungen.

Kurt Biedenkopf (links) und Bert Rürup vertraten zum Teil grundlegend verschiedene Positionen. Bert Bostelmann für Handelsblatt

Kurt Biedenkopf (links) und Bert Rürup vertraten zum Teil grundlegend verschiedene Positionen.

FrankfurtHandelsblatt: Deutschland wächst kräftig – trotz der Euro-Schuldenkrise. Ist unser Land immun?

Bert Rürup: Die deutsche Volkswirtschaft ist schlicht fit. In keinem anderen Land hat es in den vergangenen zehn Jahren so weitreichende Reformen gegeben. Das Vorurteil, die Politik sei reformunfähig, ist klar widerlegt. Auch die Unternehmen haben sich neu erfunden, wir haben die leistungsfähigste Industrie der Welt und die Gewerkschaften haben dies über eine wachstums- und beschäftigungsfreundliche Lohnpolitik mitgetragen. Zudem sind wir nicht der Versuchung erlegen, den Finanzsektor so auszudehnen wie in Großbritannien oder den USA. Das alles zahlt sich jetzt aus.

Handelsblatt: Herr Rürup, Sie sagen in Ihrem Buch „Fette Jahre“ voraus, dass Deutschland auch in den kommenden Jahren schneller wachsen wird als andere Industrieländer. Wie begründen Sie diese Wunderwelt?

Rürup: Das ist keine Wunderwelt, ich habe nur keine dunkle Brille vor den Augen. In den nächsten acht bis zehn Jahren werden Länder wie Brasilien, Indien und China, aber auch andere aufstrebende Nationen wie Indonesien, die Türkei oder Polen nicht nachlassen, dynamisch zu wachsen. Es ist ein historischer Glücksfall, dass gleichzeitig derart bevölkerungsreiche Länder ihre Volkswirtschaften industrialisieren – für das Exportland Deutschland ist das eine einmalige Chance. Denn die von der deutschen Industrie angebotenen Produkte passen genau zur Nachfrage aus diesen Ländern.

Handelsblatt: Was folgt daraus?
Rürup: Daraus folgt, dass unser Wachstumspfad in den nächsten zehn Jahren höher sein wird als in der vergangenen Dekade. Die Verschiebung der weltwirtschaftlichen Wachstumszentren, der Euro und die sehr intensive Einbindung Deutschlands in den Welthandel eröffnen Wohlstands- und Wachstumschancen, die unsere alternde Gesellschaft sonst nicht hätte.

Kurt Biedenkopf: Diese Aussage ist weder ökonomisch gesichert noch politisch plausibel. Das liegt daran, dass sich die Regierungen in Deutschland mit Reformen ausgesprochen schwergetan haben. Es gab Bundeskanzler, von denen es heißt, sie hätten die notwendigen Reformen ausgesessen. Ich habe hohen Respekt vor der Agenda 2010, aber ein Reformprojekt dieser Dimension war eine Besonderheit und kein politischer Normalfall für Deutschland. Diese Zurückhaltung vieler deutscher Politiker vor umfassenden Reformen muss man berücksichtigen, wenn man Aussagen über die Wachstumschancen unseres Landes für die nächsten 20 Jahre macht. Ich habe zudem Zweifel, ob es überhaupt sinnvoll ist, „fette Jahre“ zu versprechen.

Handelsblatt: Weshalb nicht? Streben nicht alle Volkswirtschaften danach? Wohlstand für alle wollte doch schon Ludwig Erhard.

Biedenkopf: Erhard wollte Wohlstand für alle, aber keine fetten Jahre. Rein ökonomische, materialistische Sichtweisen lehnte er ab. Die Welt ist tatsächlich viel komplexer, als es die Rechenmodelle der Volkswirtschaftslehre zeigen. Ständiges Wachstum setzt nicht nur voraus, dass die Unternehmen leistungsstark bleiben. Die Menschen müssen auch bereit sein, auf Dauer immer anspruchsvolleren und anstrengenderen Tätigkeiten nachzugehen, statt mehr freie Zeit für sich und andere Interessen zu haben. Wirtschaftswachstum ist die Folge einer leistungsfähigen Wirtschaft und ihrer Wirtschaftsverfassung – nicht ihre Bedingung.

Rürup: Das stimmt. Aber ich habe meine Zweifel, dass die Masse der Deutschen so saturiert ist, dass ihnen ein höheres Einkommen gleichgültig ist. Die Menschen in Deutschland haben in den vergangenen Jahren bewiesen, wie leistungsfähig sie sind und dass sie sich selbst und das Land nach vorne bringen wollen. Anders als vor zehn Jahren, als Pessimismus wie Mehltau auf Deutschland lag, sind wir heute viel besser aufgestellt.

Kommentare (13)

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30.03.2012, 19:18 Uhr

100 Prozent Realitätsverlust.
Anders kann ich Herrn Rürup aus meiner Sicht nicht beschreiben.

RD1

30.03.2012, 19:44 Uhr

Sehe ich auch so.

Dieser Träumer von einem Vereinigten Europa. Der muss aufpassen, dass seine Villa im Bürgerkrieg nicht zerstört wird.
Wie kann man nur so realitätsfern sein ?

Oldi

30.03.2012, 20:09 Uhr

Unsere Wirtschaft ist nicht wegen, sondern trotz der Politik gewachsen.

Anfang der 80er hat die Deutsche Vereinigung den Politikern dann Popo gerettet. Dann kam, nach einer kurzen Schwächephase, die Osteuropaerweiterung was Wirtschaftswachstum brachte. Jetzt ist es die Globalisierung.

Wenn wir die Produktpalette betrachten, sind es meistens die traditionellen Bereiche, wo wir noch führend sind. Bei Zukunftstechnologien besetzen wir nur Nischenprodukte.

Volkswirtschaftlich gesehen wird deshalb das Wachstum sich auf einem immer engeren Bereich konzentrieren. Die breite Masse ist der Verlierer.
Die Politik hat hier versagt. Insbesondere in der Bildungspolitik. Dort sind wir im letzten Jahrtausend stecken geblieben.

Das werden wir in den kommenden 20 Jahren zu spüren bekommen!!

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