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06.06.2012

07:02 Uhr

Tag des Zinsentscheids

Bange Blicke auf EZB-Chef Draghi

Spanien erhält keine Kredite mehr und die Konjunktur im Euroraum bricht immer stärker ein. Jetzt ruhen viele Hoffnungen auf der Europäischen Zentralbank - und einer weiteren Senkung des Leitzinses. Der Druck ist groß.

Letzte Rettung EZB? Vor allem in den notleidenden Eurostaaten sind die Hoffnungen auf ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank groß.  - dpa

Letzte Rettung EZB? Vor allem in den notleidenden Eurostaaten sind die Hoffnungen auf ein Eingreifen der Europäischen Zentralbank groß.  -

Anleger und Volkswirte in aller Welt richten gespannt den Blick auf die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank. Möglicherweise macht die EZB am heutigen Mittwoch einen weiteren Schritt hin zu einer Senkung der Leitzinsen auf ein historisches Tief machen. Das erwarten Experten. Denn die Staatsschuldenkrise verschärft sich, und droht, das weltweite Wachstum zu bremsen.

Viele Beobachter halten es zwar auch für möglich, dass EZB-Präsident Mario Draghi keine Zinssenkung bekannt geben wird. Nach der Verschärfung der Eurokrise und dem Kursverfall an den Börsen wird ein solcher Schritt aber nicht mehr ausgeschlossen. Außerdem spekulieren die Experten, ob die Notenbanker auf anderem Wege Geld in das System pumpen werden.

Die Instrumente der EZB

Senkung des Leitzinses unter ein Prozent

Aktuell steht der Leitzins der EZB bei einem Prozent. Die Notenbank kann natürlich jederzeit an dieser in normalen Zeiten wichtigsten Stellschraube drehen. Es wäre ein historischer Schritt: Noch nie seit Bestehen der Währungsunion lag der Schlüsselzins für die Versorgung des Finanzsystems mit frischer Liquidität niedriger. Allerdings nimmt der Spielraum der EZB mit jeder weiteren Leitzinssenkung ab - schließlich rückt damit die Nulllinie unausweichlich immer näher. Fachleute erwarten, dass die Zentralbank mit weiteren Zinssenkungen so lange wartet wie nur möglich, um für den Fall echter Verwerfungen an den Finanzmärkten, wie sie etwa bei einem Austritt der Griechen aus der Euro-Zone drohen würden, noch Munition zu haben.

Absenken des Einlagezinssatzes auf Null

Um den Geldmarkt wiederzubeleben und die Banken zu ermuntern mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf zu geben, könnte die EZB den so genannten Einlagezinssatz auf null Prozent kappen. Dieser Zins liegt aktuell bei 0,25 Prozent. Das bedeutet, dass Banken, die keiner anderen Bank mehr trauen, immerhin noch ein paar Euro dafür bekommen, wenn sie überschüssige Liquidität bei der EZB parken. Bei einem Einlagezinssatz von einem Prozent entfiele der Anreiz dies zu tun. Doch ob die Banken der EZB den Gefallen tun oder das Geld dann lieber horten, ist fraglich. Aktuell parken sie jedenfalls knapp 800 Milliarden Euro in Frankfurt.

Weitere Langfrist-Refinanzierung der Banken

Im Dezember und im Februar ist es der EZB gelungen, mit zwei jeweils drei Jahre laufenden Refinanzierungsgeschäften die Gemüter der Banker wenigstens für eine Zeit lang zu beruhigen. Damals sicherten sich die Geldhäuser insgesamt rund eine Billion Euro bei der Zentralbank zum Billigtarif von nur einem Prozent. Einige Experten glauben, dass weitere langlaufende Geschäfte dieser Art das durch die Unsicherheit über die Zukunft der Euro-Zone untergrabene Vertrauen wieder zurückbringen könnten. Die Banken, die sich um den Jahreswechsel bei der EZB bedient haben, sind allerdings ohnehin bis mindestens Ende 2014 abgesichert. Außerdem kann jede Bank darüber hinaus bei ein wöchentlichen Hauptrefinanzierungsgeschäften der Notenbank aus dem Vollen schöpfen.

Verlängerung der Vollzuteilung durch die Banken

Diese im Fachjargon Vollzuteilung genannte Freigiebigkeit der Zentralbank dürfte angesichts der nicht enden wollenden Krise noch lange fortbestehen. Es ist nämlich davon auszugehen, dass der EZB-Rat diese formal im Juli auslaufende Politik bis auf weiteres verlängern wird. Damit bleibt es dabei, dass alle solventen Institute in der Euro-Zone immer soviel Liquidität in Frankfurt ordern können, wie sie wollen - vorausgesetzt, sie können im Gegenzug genug Sicherheiten stellen.

Weitere Erleichterungen durch das Bankensystem

Damit diese den Banken nicht ausgehen, kann die EZB weitere Erleichterungen bei den Anforderungen an solche Sicherheiten beschließen. Sie kann dabei auch selektiv nach Ländern vorgehen, um etwa gezielter spanischen Banken zu helfen. Allerdings sind Erleichterungen bei den Sicherheiten immer auch ein Politikum, weil dadurch die Risiken steigen, die die Zentralbank durch die Refinanzierung in ihrer Bilanz ansammelt. Im Fall der Fälle müssten diese von den Steuerzahlern der Mitgliedsländer getragen werden.

Erneuter Start der Staatsanleihenkäufe

Die EZB hat seit Mai 2010 Staatsanleihen hoch verschuldeter Euro-Länder für mehr als 200 Milliarden Euro gekauft. Das im Fachjargon SMP (Securities Markets Programme) genannte Programm ist wegen seiner möglichen Nebenwirkungen in Deutschland und einigen anderen nord- und mitteleuropäischen Ländern umstritten. Es ruht seit drei Monaten, kann allerdings jederzeit wieder vom EZB-Rat in Kraft gesetzt werden. Ob es allerdings noch seine erhofften positiven Wirkungen am Bondmarkt entfalten kann, ist unklar. Wegen der Erfahrungen bei der Umschuldung Griechenlands im Frühjahr dürften wenige private Investoren wie Banken oder Versicherungen der EZB folgen und wieder in den Markt gehen, weil sie fürchten, dass die Zentralbank erneut einen Sonderstatus als Gläubiger durchsetzen könnte, wie sie es im Fall Griechenland getan hat.

Zusätzlicher Kauf anderer Wertpapiere

Theoretisch kann die EZB neben Staatsanleihen auch alle andere Arten von Wertpapieren kaufen und auf diese Weise Geld schaffen: zum Beispiel Bankschuldverschreibungen, Aktien und Unternehmensanleihen. Während der Ankauf von Bank-Bonds eine durchaus denkbare Möglichkeit wäre, Liquidität bei den Banken zu schaffen, scheinen andere Wege wenig erfolgversprechend. So könnte die EZB wohl schlecht erklären, warum sie etwa Aktien von Banken kauft, nicht aber von Auto- oder Chemiekonzernen. Oder sie setzt sich dem Verdacht aus, der einen Bank mehr Aktien abzukaufen als anderen oder zum Beispiel spanische Institute vor deutschen oder österreichischen Banken zu bevorzugen.

Vorerst rechnet die Mehrheit der von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragten Volkswirte damit, dass die EZB die Leitzinsen bei ihrem feiertagsbedingt vorgezogenen Treffen bei 1 Prozent unverändert belassen wird. Von 44 befragten Ökonomen sagen 32 keine Bewegung der Zentralbank voraus. Elf rechnen mit einem Zinsschnitt von einem viertel Prozentpunkt, und einer sogar mit einem Schnitt von einem halben Prozentpunkt.

Dass die EZB schon im Juni weitere Schritte ergreift, hält auch eine die Mehrheit von der Nachrichtenagentur Reuters befragten Analysten und Ökonomen für unwahrscheinlich. Die Begründung: Dafür sei es zu früh, weil die Euro-Zone mit den zweiten Wahlen in Griechenland Mitte Juni vor der entscheidenden Weichenstellung in der Krise stehe. Doch die Front bröckelt.

Hilfen der EZB

Staatsanleihekäufe

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat seit Mai 2010 auf dem Sekundärmarkt - also von der Finanzbranche - Staatsanleihen oder Peripherieländer Griechenland, Irland, Portugal, Spanien und Italien im Wert von 214 Milliarden Euro gekauft und damit die Risikoprämien für Bonds dieser Länder gesenkt.

Dreijahrestender

Im Dezember und Februar haben die Frankfurter Währungshüter den Bankensektor mit mehr als einer Billion Euro geflutet. Der Zins auf die Kredite beträgt ein Prozent bei einer Laufzeit von drei Jahren. Die Banken investierten die Gelder teilweise in höher verzinste Anleihen.

Sicherheiten

Die Anforderungen an die Sicherheiten, die von Banken für EZB-Kredite von der Notenbank zu hinterlegen sind, wurden im Verlauf der Krise sukzessive gesenkt und erhöhten so die Liquidität der Banken im Euro-Raum.

Angesichts der wachsenden Probleme in Spanien und der Spekulationen, dass Griechenland aus der Eurozone ausscheiden könnte, nimmt der Druck auf die EZB erheblich zu, die Zinsen zu senken und weitere Liquiditätsmaßnahmen zur Unterstützung der Banken einzuleiten. Der Verbleib Griechenlands in der Währungsunion hängt vom Ausgang der Parlamentswahl am 17. Juni ab, die spanische Bank Bankia meldete zudem einen Kapitalbedarf von 19 Milliarden Euro bei der Regierung in Madrid an. Und selbst in wirtschaftlich so starken Ländern wie Deutschland deuten sich konjunkturelle Schwierigkeiten an, während der Gros der Eurozone unter schlechten Arbeitsmarktzahlen leidet.

Zudem dürfte die EZB ihre Wachstumsprognosen senken. Das könnte in den kommenden Monaten zusammen mit neuen Hiobsbotschaften aus den Problemländern der Euro-Zone als Argument für weitere Krisenmaßnahmen genutzt werden. Eine oder sogar mehrere Zinssenkungen könnten dann nur noch eine Frage der Zeit sein.

Kommentare (52)

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Account gelöscht!

06.06.2012, 07:19 Uhr

Natürlich wird die EZB den Leitzins senken. Es geht nur noch darum Zeit zu schinden. Die Märkte in Asien reagieren schon positiv darauf. Als nächstes dürfte dann die FED mit QE3 kommen.

Die großen Gewinner werden dann höchstwahrscheinlich Gold und Silber sein.

Schlaumeier

06.06.2012, 07:29 Uhr

Investitionen werden getätigt, wenn sie wirtschaftlich sinnvoll sind (außer in Südeuropa). Dort wird in lauter überflüssige Projekte investiert, oder alles versoffen und verfressen (Griechenland). Was eine Zinssenkung wirtschaftlich bringen soll, kann denn ja auch kein Ökomon erklären. Es geht ja nur noch um Banken- und Staatenrettung weltweit (incl. oder besonders USA).
Das Weltfinanzsystem fährt nun mal gegen die Wand. Und das ist gut so, denn so kann es nicht weiter gehen. Der Zeitpunkt steht nur noch nicht fest. Also RESTART kommt (hoffentlich bald).

Account gelöscht!

06.06.2012, 07:32 Uhr

Weiter so... meine Euros und co. stecken in Edelmetallen und Dingen die ich ggf. verhökern kann. Mir kommts vor als würde ich einen üblest schlechten Film ansehen, von dem mir jemand zuvor das Drehbuch bereits geschickt hätte.

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