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16.06.2011

11:31 Uhr

Teuerung im Mai

Eurozone importiert die Inflation

Die Teuerungsrate in der Euro-Zone ist im Mai erstmals seit knapp einem Jahr leicht gefallen. Sie bleibt aber mit 2,7 Prozent auf hohem Niveau - und aus den Schwellenländern droht Europa Unheil an der Preisfront.

Einkauf in einem Supermarkt. Quelle: ap

Einkauf in einem Supermarkt.

BrüsselDie Angaben des Statistikamts Eurostat zeigen, dass der weltweite Anstieg der Inflationsraten auch vor den Toren der Europäischen Währungsunion nicht Halt macht. Die Verbraucherpreise stiegen nur noch um 2,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, teilte das Statistikamt Eurostat am Donnerstag in Brüssel mit. Im April hatte es mit 2,8 Prozent noch den stärksten Anstieg seit zweieinhalb Jahren gegeben. Trotz des ersten Rückgangs seit August 2010 blieb die Teuerungsrate deutlich über der Marke von zwei Prozent, bis zu der die Europäische Zentralbank (EZB) von stabilen Preisen spricht. Um die Inflation einzudämmen, hat sie für Juli eine Zinserhöhung signalisiert. In Deutschland ist die Rate mit 2,3 Prozent noch unterdurchschnittlich.

Bereits im April hatte die EZB ihren Leitzins von 1,0 auf 1,25 Prozent angehoben und damit zum ersten Mal seit knapp drei Jahren ihre Geldpolitik gestrafft. Verglichen mit dem Vormonat blieben die Preise stabil. Während Lebensmittel 0,5 Prozent mehr kosteten als im April, gaben wie nach den Osterferien üblich die Preise für Reisen nach.

Im Vergleich zu Großbritannien oder den USA, ganz zu schweigen von China oder Indien, nimmt sich die Inflation im Euro-Raum zwar nicht besonders furchterregend aus. Doch anders als ihre Kollegen in London und Washington nehmen die Notenbanker der EZB die Inflationsgefahr sehr ernst. Am 7. Juli dürften sie bereits zum zweiten Mal seit Beginn der wirtschaftlichen Erholung ihren Leitzins auf dann wohl 1,5 Prozent anheben. Die EZB sehe die Preisstabilität in Gefahr und werde alles tun, damit die steigenden Rohstoffpreise nicht in die Inflationserwartungen einflössen, sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet erst am Montag wieder. Die Befürchtung der EZB: Wenn die Inflation erst einmal zu steigenden Löhnen geführt hat, kann nur noch eine Rezession die Inflationsspirale unterbrechen.

Das Gespenst der Inflation

China: Kampf gegen Überhitzung der Wirtschaft

Aus China kommen alarmierende Nachrichten. Das Statistikamt verkündet einen weiteren Anstieg der Teuerungsrate im Mai um 0,2 Prozentpunkte auf 5,5 Prozent. Die Notenbank erhöhte als Sofortreaktion auf die Inflationsgefahr den Mindestreservesatz der Banken, um Geld zu verknappen. „Für die Regierung hat es nun Priorität, die Preise zu dämpfen“, sagte ein Sprecher Statistikamts. In China hat die steigende Teuerung eine Reihe von Ursachen. Die Nahrungsmittelpreise sind um zwölf Prozent gestiegen, vor allem für Schweinefleisch müssen Verbraucher deutlich mehr bezahlen als bisher. Zugleich zogen die Erzeugerpreise im Jahresvergleich stärker an als erwartet. „Der Inflationsdruck bleibt auf breiter Front bestehen“, sagt Ökonom Zeng Hongyu von Guoyuan Securities in Peking. Kurzfristig werde sich die Lage nicht bessern, da eine Kombination aus Dürre und Überflutungen die Lebensmittelpreise weiter treibe. Auch die Arbeitskosten steigen rasant an. Da der staatlich festgelegte Kreditzins in China nun unter der Inflation liegt, droht der Wirtschaft zudem weiterhin Überhitzung – „Negativzins“ nennen Wirtschaftswissenschaftler diesen Zustand. fmk

Indien: Neun Zinserhöhungen reichen nicht aus

Der Regen brachte nur kurze Hoffnung. In vielen Teilen Indiens setzte der Monsun in diesem Jahr bereits früher ein als vorhergesagt. Er sollte nicht nur das in der Sonne brütende Indien abkühlen, sondern auch die Inflation. In einem Land, in dem es außerhalb der Regenzeit fast keinen Niederschlag gibt, entscheidet die Wassermenge während des Monsuns über den Ertrag der Landwirte – und damit über die in Indien so wichtigen Lebensmittelpreise.

Doch die am Dienstag veröffentlichten Zahlen zerstörten die Hoffnungen auf ein Ende der Preisspirale. Der Großhandelspreisindex zeigte für Mai eine Teuerungsrate von 9,1 Prozent, nach 8,7 Prozent im April. Dabei hat Indiens Notenbank den Leitzins seit März 2010 schon neunmal angehoben, von damals fünf auf 7,25 Prozent. Experten rechnen für morgen bereits mit der nächsten Erhöhung um mindestens 25 Basispunkte.

Die Teuerungsrate wird für Indien zum Fluch. Das Wirtschaftswachstum von zuletzt 8,5 Prozent scheint so kaum wiederholbar, weil weitere Zinsanstiege die indische Wirtschaft spürbar bremsen werden. Notenbankchef Duvvuri Subbarao betonte kürzlich, dass er durchaus bereit sei, Wachstum zu opfern, um die Inflation unter Kontrolle zu bekommen.

Doch dafür könnten ein höherer Leitzins und Regenfälle im Monsun zu wenig sein. Denn die Inflationssteigerung im Mai kam trotz niedrigerer Teuerungsraten für Lebensmittel und Kraftstoff zustande.

Vielmehr machte die Inflation der Herstellerpreise einen Sprung von 6,2 Prozent im April auf 7,3 Prozent im Mai. Als Nettoimporteur von Rohöl droht Indien damit dreifach Gefahr: durch anhaltend hohe Rohstoffpreise, durch schlechter als erwartet ausfallende Ernten sowie rapide steigende Löhne im produzierenden Gewerbe, die im Mai zu einem der Haupttreiber der bedrohlichen Preisspirale geworden sind. stm

Brasilien: Geldzuflüsse treiben Real in die Höhe

Die größte Volkswirtschaft Lateinamerikas versucht alles, um die grassierende Inflation in den Griff zu bekommen. Im Mai ist die Teuerungsrate um 6,6 Prozent gestiegen, auch im Vormonat lag die auf das ganze Jahr berechnete Rate schon bei 6,5 Prozent. Vor diesem Hintergrund hat Brasiliens Notenbank allein in diesem Jahr schon viermal den Leitzins erhöht, zuletzt in der vergangenen Woche um 0,25 Punkte auf 12,25 Prozent.

Flankierend hat die Regierung unter anderem die Steuern auf Finanztransaktionen erhöht, um die Flut ausländischer Gelder einzudämmen, die wegen der hohen Zinsen nach Brasilien fließen. Darüber hinaus kündigte die Regierung an, die Staatsausgaben um umgerechnet 22 Milliarden Euro zu verringern, um ein Überhitzen der Wirtschaft zu verhindern.

Doch die geldpolitischen Instrumente erzielen derzeit ebenso wenig den gewünschten Effekt wie die administrativen Maßnahmen. Denn solange die Zinsen in den großen Industriestaaten auf einem Rekordstand liegen, werden Investoren ihr Geld weiter in Länder umschichten, in denen sie wie in Brasilien eine höhere Rendite erzielen.

Nicht zuletzt treibt der massive Geldzufluss auch den brasilianischen Real in die Höhe und belastet damit die eigene Exportwirtschaft. Gleichzeitig wachsen die Importe etwa aus China derzeit schneller als die Ausfuhren, weil die wachsende Mittelschicht Brasiliens zunehmend konsumorientiert ist. So importiert das Land auch Inflation, beispielsweise aus China.

Analysten erwarten aber, dass die Zentralbank das hohe Wirtschaftswachstum von zuletzt 7,5 Prozent zugunsten der Inflationsbekämpfung opfern wird. Sie sagen weitere Erhöhungen der Leitzinsen voraus. Die Zentralbank rechnet daher in diesem Jahr nur noch mit einem Wachstumsplus von vier bis 4,5 Prozent. ebe/ke

Großbritannien: Grabenkämpfe innerhalb der Notenbank

Die britische Notenbank bekommt die Inflation nicht in den Griff. Im Mai sind die Verbraucherpreise in England gegenüber dem Vorjahresmonat erneut um 4,5 Prozent gestiegen. Seit Dezember 2009 liegt die Teuerung nun schon über dem Stabilitätsziel von zwei Prozent, das die Regierung der Zentralbank vorgegeben hat.

Obwohl Notenbankchef Mervyn King erwartet, dass die Inflation 2011 bis auf fünf Prozent anziehen wird, schreckt der geldpolitische Rat der Bank of England (BoE) mehrheitlich davor zurück, den Leitzins von 0,5 Prozent zu erhöhen. Der Grund: Die Währungshüter fürchten, dass sie die ohnehin fragile Erholung der Konjunktur mit einer Erhöhung endgültig abwürgen könnten.

Die von King repräsentierte Mehrheitsmeinung ist aber selbst in der Notenbank heftig umstritten. Kritiker fürchten, dass die Inflationserwartung aus dem Ruder läuft und die zögerliche Haltung der Notenbank zu einer Welle von Preiserhöhungen und aggressiven Lohnforderungen führt, die am Ende in eine gefährliche Inflationsspirale münden können. Selbst BoE-Chefvolkswirt Spencer Dale räumt ein, dass die Inflationserwartungen der Bürger „ein Grund zur Besorgnis“ seien.

Sein Kollege Martin Weale geht noch einen Schritt weiter. Der Notenbanker fordert eine sofortige Zinserhöhung. Nur so könne die BoE beweisen, dass sie den Kampf gegen die Inflation nicht aufgegeben habe.

Laut Ariel Bezalel, Fondsmanager beim Vermögensverwalter Jupiter, sind für die Teuerung hingegen Faktoren verantwortlich, die die BoE nicht beeinflussen könne: die Mehrwertsteuererhöhung Anfang des Jahres, die Abwertung des Pfunds und die steigenden Rohstoffpreise. Bezalel rechnet deshalb damit, dass die Notenbank in diesem Jahr nicht mehr den Leitzins erhöhen wird – schon um einen Rückfall des Landes in die Rezession zu verhindern. mm

USA: Tiefe Kluft zwischen Bürgern und Notenbank

Seit Monaten spüren die Amerikaner, dass die Preise im Land steigen: beim Tanken sowieso, aber auch beim Einkaufen im Supermarkt, bei der Miete und bei Kleidung. Der Index der Konsumentenpreise lag im April um 3,2 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Heute werden die Zahlen für den Monat Mai veröffentlicht. Analysten erwarten erneut einen leichten Anstieg, obwohl die Benzinpreise in den vergangenen Wochen etwas zurückgegangen sind.

In den USA ist wegen der Teuerung eine Debatte über die Betrachtungsweise entstanden: Misst man das, was die Verbraucher tatsächlich ausgeben – oder lässt man bestimmte Preise außen vor? Ben Bernanke, der Chef der US-Notenbank Federal Reserve, versteift sich auf die zweite Variante und konzentriert sich auf die sogenannte Kern-Inflation. Lässt man die volatilen Energie und Nahrungsmittel außen vor, ist die Kern-Inflation im April nur um 1,3 Prozent gestiegen, nicht um 3,2 Prozent. Der jüngste Anstieg sei zwar besorgniserregend. Er sei jedoch nur vorübergehend, versicherte Bernanke, der den Leitzins auf die Spanne zwischen null und 0,25 Prozent gesenkt hat – und ihn offenbar auch noch weiter auf diesem historischen Tief lassen will.

Wie sehr sich die Ansichten der Bürger und Notenbanker unterscheiden, zeigt ein aktuelles Beispiel aus Queens. William Dudley, Chef der regionalen Notenbank in New York, hatte kürzlich versucht, die Sichtweise seines Chefs Bernanke am Beispiel des neuen Apple-Computers „iPad“ anschaulich zu machen: „Heute kann man ein iPad 2 kaufen, das genauso viel kostet wie das iPad 1, aber doppelt so viel kann“, erklärte Dudley. Das müsse man bei der Betrachtung von Inflation auch bedenken.

Sein Beispiel kam in dem New Yorker Arbeiterviertel jedoch nicht gut an. Ein aufgebrachter Zuhörer entgegnete Dudley: „Ein iPad kann ich aber nicht essen!“ asd

Ob das Zinsmanöver der EZB aussichtsreich ist, solange die US-Notenbank nicht mitmacht, ist unter Experten umstritten. Während die Mehrzahl der deutschen und viele europäische Bankvolkswirte die EZB-Linie stützen, vertritt Patrick Artus, Chefvolkswirt der französischen Investmentbank Natixis, eine andere Meinung: Weil der Inflationsdruck von der weltweiten Rohstoffnachfrage herrühre, könne die EZB nichts dagegen tun, argumentiert Artus. Die Anhebung des Leitzinses werde lediglich dafür sorgen, dass Europa weniger stark wachsen werde als außereuropäische Staaten.

Kommentare (2)

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DerBlondeHans

16.06.2011, 13:17 Uhr

Und was schwadronierte der hochwertige "Wirtschaftsweise" BOFINGER vor kurzen noch?? "Es ist doch neurotisch, von Inflation zu reden!" Und der fodert die Euro-Bonds.
Ein Schwachmat erster Güte. Und ein bedeutender Hinweis darauf, was von den parteigebundenen "Wirtschaftsweisen" zu halten ist. Glaubwürdigkeit sieht anders aus!

bommel35

16.06.2011, 15:32 Uhr

aha. habe ich das richtig verstanden. die ezb verfolgt das ziel, dass die löhne in europa nicht ansteigen dürfen, sonst dreht sich die inflationsspirale. sehr klug. die löhne bleiben stabil, aber die weltmarktpreise durchbrechen neue höhen. somit verarmt der normalbürger noch mehr und die großaktionäre reiben sich die hände. echt irrational und sehr gefährlich, was die ezb da treibt. erst griechenland ruinieren und nun ganz europa ausbluten lassen, nur damit die armen großkopferten nicht so viel lohnkosten abdrücken müssen. eine schande ist das.

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