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19.01.2012

13:20 Uhr

Thomas Mayer

„Ein Schock wie nach der Lehman-Pleite“

VonNorbert Häring

Ohne Schuldenschnitt ist Griechenland pleite - und die Folgen nicht nur für das Land könnten katastrophal sein, warnt der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, im Interview.

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sieht auf Griechenland noch größere Schwierigkeiten zukommen, sollte der Schuldenschnitt nicht gelingen. dpa

Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank, sieht auf Griechenland noch größere Schwierigkeiten zukommen, sollte der Schuldenschnitt nicht gelingen.

Handelsblatt: Stehen die Schuldenverhandlungen vor dem Scheitern?

Thomas Mayer: Zum Ende hin werden solche Verhandlungen, bei denen es für beide Seiten um viel geht, immer kontrovers. Keine Seite will zu früh nachgeben. Aber ein Interesse an einem Scheitern hat auch niemand. Daher bin ich zuversichtlich.

Wie sieht das Szenario aus, vor dem beide Seiten Angst haben?

Wenn Griechenland keinen Schuldenschnitt hinbekommt, wird es sehr schwer zu argumentieren, dass die Regierung langfristig ihre Finanzprobleme lösen kann. Selbst mit dem eingeplanten Schuldenschnitt rechnet der IWF bis 2020 mit einer Schuldenquote von 120 Prozent der griechischen Wirtschaftsleistung. Dann können IWF, EU und EZB die nächste Tranche des Hilfsprogramms nicht mehr auszahlen. Und ohne diese ist Griechenland am 20. März pleite, wenn es 14 Milliarden Euro an Anleihegläubiger zahlen muss.

Die Gläubiger Griechenlands (Stand: Januar 2012)

Kredite

Das Volumen der Kredite beläuft sich insgesamt auf 92 Milliarden und teilt sich folgendermaßen auf:

IWF: 20 Milliarden

Euro-Länder: 53 Milliarden

Sonstige: 19 Milliarden

Staatsanleihen

Gesamt: 260 Milliarden Euro, davon 55 Milliarden Euro bei der EZB

Bei griechischen Banken

40 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei anderen europäischen Banken

40 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei griechischen Sozialversicherungsfonds

30 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei europäischen Versicherungen

15 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Bei Fonds

Bei Investment-, Staats-, Pensions- und Hedgefonds sind es 70 Milliarden Euro (sollen umgeschuldet werden)

Und wenn Griechenland sich gegenüber den Banken einfach für zahlungsunfähig erklärt?

Dann bekommt es weder vom IWF noch von den Banken frisches Geld. Ein Bank-Run und massive Kapitalflucht ins Ausland wären denkbar. Die EZB wäre wohl kaum bereit, diesen Geldstrom ins Ausland über die griechischen Banken mit vielen Milliarden an frischen Euro zu alimentieren. Stattdessen müssten wohl die Banken geschlossen und die Guthaben eingefroren werden.

Ohne Banken geht es aber auf Dauer auch nicht.

Wenn die Banken wieder aufmachten, wären die Guthaben auf eine neue griechische Währung umgestellt.

Wer hat welche Interessen im Fall Griechenland?

Bis wann müssen die Gespräche abgeschlossen sein?

Eigentlich sollten die Gespräche über die Gläubigerbeteiligung schon im vergangenen Jahr abgeschlossen sein. Mittlerweile gilt Mitte Februar als möglicher Termin. Erst wenn die Troika aus IWF, EZB und EU-Kommission weiß, ob der Privatsektor Griechenlands Schulden wirklich um 100 Milliarden Euro reduziert, kann und will sie ihr Urteil fällen, ob das Land weitere Hilfskredite bekommen soll. Die Zeit drängt: Mitte März muss der Euro-Staat Anleihen im Wert von rund 15 Milliarden Euro zurückzahlen.

Welche Hürden sind noch zu überwinden?

Ziel ist es, die Verschuldung Griechenlands bis 2020 auf 120 Prozent von derzeit 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken. Das mit insgesamt 350 Milliarden Euro verschuldete Land und der Internationale Bankenverband sollen bis Anfang kommender Woche ein Rahmenabkommen über den Tausch von Anleihen aushandeln, das allen privaten Haltern griechischer Staatsanleihen vorgelegt wird. Diese entscheiden dann, ob sie sich freiwillig beteiligen. Entscheidend für das Ausmaß der Entschuldung wird für Griechenland die Höhe der Beteiligung sein - und für die privaten Investoren die Bedingungen eines Anleihentausches.

Sind Euro-Partner bereit, mehr Geld auf den Tisch zu legen?

Bankenvertreter und der griechische Finanzstaatsekretär warnen bereits, dass die privaten Investoren nicht die erhofften 100 Milliarden Euro zur Schuldenreduzierung zusammen bekommen. Weil Griechenland dann und wegen der noch schlechteren Wirtschaftsentwicklung mehr als die bisher anvisierten 130 Milliarden Euro bis Ende 2014 für die eigene Finanzierung bräuchte, müssten die Euro-Partner nachlegen. Dies stößt aber gerade in den nördlichen Euro-Staaten auf Ablehnung. In Deutschland haben die FDP und etwa der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende Michael Fuchs Vorbehalte. Dennoch könnte die Summe der Hilfskredite am Ende etwas über den 130 Milliarden Euro liegen, heißt es in EU-Kreisen.

Sind Investoren bereit, mehr Geld auf den Tisch zu legen?

Die Verhandlungen sind ein Pokerspiel. Während Banken auf die Politik verweisen, gibt es umgekehrt die Forderung, auf die Investoren eine größere Last abzuwälzen. Dazu gibt es drei Wege: So könnten private Investoren nicht mehr auf 50, sondern auf 75 oder mehr Prozent ihrer Forderungen verzichten müssen - da die Regelung freiwillig sein soll, ist eine Zustimmung der Investoren hierfür aber illusorisch. Um die Schuldenlast zu minimieren, könnten auch öffentliche Investoren auf einen Teil ihrer Forderung aus griechischen Anleihen verzichten. Drittens könnte die „Freiwilligkeit“ der Vereinbarung aufgehoben werden. Angedacht ist als Variante etwa eine rückwirkende Aufnahme von Umschuldungsklauseln für die alten griechischen Staatsanleihen. Die Folgen sind aber schlecht absehbar, weil dann Kreditversicherungen fällig werden könnten, wenn diese Regelung als „default“, also Insolvenz eingestuft wird.

Welche Akteure haben ein Interess am Scheitern?

Es gibt Akteure, die an einer Rettung Griechenlands aus finanziellen Gründen kein Interesse haben. Analysten schätzen, dass mittlerweile rund die Hälfte der Hellas-Anleihen in Händen privater Gläubiger liegt, die sich bereits einer früheren Umschuldungs-Vereinbarung des Weltbankenverbands IIF mit Griechenland nicht angeschlossen haben. Etwa Hedgefonds dürften Kreditversicherungen (CDS) auf die Anleihen gekauft haben, die bei einem Bankrott fällig würden. Bestimmte Investoren könnten deshalb bei einer Staatspleite wesentlich besser dastehen als bei einer freiwilligen Zustimmung für einen Forderungsverzicht gegenüber Griechenland.

Warum scheut man eine Staatspleite?

Der dritte Weg neben einer größeren Last für die Staaten oder die Investoren wäre tatsächlich, Griechenland für nicht mehr zahlungsfähig zu erklären und eine ungeordnete Insolvenz auszulösen. Sowohl Griechenland als auch die Euro-Partner scheuen diesen Schritt aber, weil er wohl das Ausscheiden des Landes aus der Euro-Zone und ein massives Misstrauen auch gegen andere Euro-Staaten auslösen könnte.

Was wäre die Folge?

Die Griechen würden ärmer, denn die Kaufkraft dieser Währung wäre viel geringer. Für uns wäre das größte Risiko das der Ansteckung. Wenn Bilder von langen Schlangen vor griechischen Banken durch die Welt gehen, könnte dasselbe in anderen Ländern passieren. Ein Land nach dem anderen könnte aus der Währungsunion gedrängt werden, bis nur noch eine Kernunion übrig bleibt.

Wäre das schlimm?

Langfristig ist eine Kernunion besser als eine Weichunion. Aber der Anpassungsprozess wäre extrem schmerzhaft. Der Schock für das Finanzsystem stünde dem Lehman-Schock um nichts nach.

Wie griechische Politiker früher ihren Staat abzockten

Kostenloser Dienstwagen

Ein auf Steuerzahlerkosten geleaster Dienstwagen für jeden der 300 Abgeordneten.

Kein Porto

Befreiung vom Briefporto

Acht kostenlose Telefonanschlüsse

Bis zu acht kostenlose Festnetzanschlüsse für jeden Abgeordneten

Handy-Guthaben

200 Euro im Monat für Handy-Telefonate

Kostenlose Hotel-Unterkunft

Kostenlose Unterkunft in einem Athener Hotel für Abgeordnete aus der Provinz

Freifahrscheine

Freifahrscheine für Busse, Bahnen und Fährschiffe

104 Flugtickets

104 kostenlose Flugtickets im Jahr für Abgeordnete,  deren Wahlkreis weiter als 200 Kilometer von Athen entfernt ist

Sitzungspauschale

150 Euro für jede Teilnahme an einer Ausschusssitzung. Die Unterschrift in der Anwesenheitslistereicht, die tatsächliche Teilnahme wird nicht kontrolliert

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

19.01.2012, 13:40 Uhr

Die Geschichte Griechenlands, der kulturelle Hintergrund, das Spannungsverhältnis zwischen griechischem Wahlvolk und seiner Oberschicht, die mentale Basis der Griechen etc etc --- all das kommt in den Ausführungen von Herrn Mayer nicht vor, obwohl diese Faktoren mächtiger sind, als das Zahlenwerk, mit dem Herr Mayer zweifelsohne hervorragend umzugehen versteht.

Yolanda

19.01.2012, 13:40 Uhr

Besser ein Ende mit Schrecken, als Schrecken ohne Ende. Wenn es so weitergeht, endet der Euro mit dem Bankrott Deutschland. Wenn das mal nicht so gewollt ist.

Delinix1

19.01.2012, 14:04 Uhr

Das hätte ich besser auch nicht sagen können. Danke!Delinix1, Griechenland

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