Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

03.11.2013

10:14 Uhr

Top-Ökonom teilt aus

Paul Krugman, übernehmen Sie

VonAxel Postinett

US-Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman schaltet sich in die Debatte um den deutschen Exportüberschuss ein – und verteidigt die Kritik daran. Deutschland schade dem Wachstum der Weltwirtschaft.

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman: Der Ökonom springt der US-Regierung wegen der Kritik am deutschen Exportüberschuss zur Seite. Imago

Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman: Der Ökonom springt der US-Regierung wegen der Kritik am deutschen Exportüberschuss zur Seite.

San FranciscoÜblicherweise ist China in den Halbjahresberichten des US-Finanzministeriums die böse Macht, die die Weltmärkte durch angeblich manipulative Währungspolitik schädigt. Aber im jüngsten Bericht war Deutschland dran: Seine Exportstärke und die damit verbundenen exzessiven Leistungsbilanzüberschüsse führten zu deflationären Tendenzen im Euroraum und weltweit. Deutschland müsse das heimische Wachstum stärken und die Exportabhängigkeit verringern. Der Bericht platzte mitten die erhitzte Diskussion um die Bespitzelung der Bundeskanzlerin und vieler anderer Spitzenpolitiker weltweit durch den US-Geheimdienst. Entsprechend scharf war die Reaktion aus dem politischen Berlin auf den Bericht. Der Überschuss sei Ausdruck der hohen Nachfrage nach deutschen Qualitätsprodukten. Den Amerikanern wurde empfohlen, vielleicht mal ihre eigene Wirtschaftssituation zu analysieren. Auch Wirtschaftsexperten wie Michael Bräuninger vom HWWI halten die Vorwürfe für falsch. So etwas käme immer aus Staaten mit hohen Leistungsbilanzdefiziten, die weit mehr importierten als exportierten, erklärte er in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

Deutschlands Exportüberschüsse

Seit wann erzielt Deutschland Exportüberschüsse?

Seit 1952. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es ein Handelsdefizit von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro schrumpfte. Seither gibt es Überschüsse.

Mit welchen Ländern erzielt Deutschland Überschüsse?

Mit den meisten. Den größten Überschuss erzielt Deutschland im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro). Das größte Defizit macht Deutschland im Handel mit dem ölreichen Norwegen (-17,7 Milliarden Euro), gefolgt von den Niederlanden (-15,6 Milliarden) und China (-10,7 Milliarden.)

Wie hoch ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

In den ersten acht Monaten 2013 wurden Waren im Wert von 726 Milliarden Euro ausgeführt, aber nur im Wert von 599 Milliarden Euro importiert. Das ergibt einen Exportüberschuss von 127 Milliarden Euro. In die Leistungsbilanz fließen zudem der Austausch von Dienstleistungen mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Von Januar bis August summierte sich der Leitungsbilanzüberschuss damit auf rund 115 Milliarden Euro.

Welche Länder haben einen höheren Exportüberschuss?

Derzeit kein anderes, nicht einmal Exportweltmeister China. 2012 lag der deutsche Überschuss mit umgerechnet 238 Milliarden US-Dollar sowohl über dem von China (193 Mrd) als auch dem des ölreichen Saudi-Arabien (165 Mrd). Mit der Erholung der Weltkonjunktur dürfte sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in diesem Jahr auf die 200-Milliarden-Euro-Marke zubewegen, prognostiziert das Münchner Ifo-Institut. Das wäre ein Rekord.

Warum werden die Überschüsse kritisiert?

Die USA, aber auch der Internationale Währungsfonds zählen sie zu den großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft, die für die globale Finanz- und die Schuldenkrise in Europa mitverantwortlich sind. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Die EU-Kommission stuft einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Im ersten Halbjahr lag der deutsche Überschuss bei 7,2 Prozent.

Was kann dagegen getan werden?

Der IWF und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern seit längerem von Deutschland, mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die Unwucht zu beheben. Höhere Importe schmelzen nicht nur den deutschen Überschuss, sondern erhöhen die Exporte anderer Länder – die damit ihre Defizite verringern können. Ein Schlüssel dazu können stärkere Lohnerhöhungen sein. „Das stimuliert die Binnennachfrage, wodurch mehr importiert und der Außenhandel wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht wird“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Steigen die Löhne hierzulande, werden deutsche Produkte teurer – womit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit etwa der Euro-Länder steigen würde und dort den Export ankurbeln könnte.

Was sagt die Wirtschaft?

Sie argumentiert ganz anders. Der deutsche Erfolg helfe den Krisenländern. Ihr Argument: Deutsche Exporte bestehen zu rund 40 Prozent aus zuvor importieren Vorprodukten, sagt etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Somit profitiere auch das Ausland. Zudem steigen die deutschen Importe wegen des anziehenden Konsums bereits: Die führenden Wirtschaftsinstitute erwarten sowohl für dieses als auch das kommende Jahr ein höheres Importtempo.

Wird Deutschland immer Überschüsse erzielen?

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bezweifelt das. Ab 2028 erwartet es keine Exportüberschüsse mehr in Deutschland. Wenige Jahre später sollen Leistungsbilanzdefizite folgen. „Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Weil es in wenigen Jahren schon weniger Erwerbstätige geben werde, könne auch weniger exportiert werden. Gleichzeitig müsse der Konsum der Älteren durch höhere Importe gedeckt werden.

Das lässt nun wieder Paul Krugman keine Ruhe. In scharfem Ton springt der renommierte US-Ökonom seiner Regierung zur Seite. Die deutsche Kritik an dem Bericht sei schlicht „bizarr“, schreibt er in einem Kommentar in der New York Times. Die Ansicht, Deutschland sei nicht verantwortlich für seine „unangemessenen“ Überschüsse, hält er für falsch. Auch er sei einmal „auf diesen Trick“ hereingefallen, doziert er, aber dann habe er seinen Fehler eingesehen. Die deutschen Sparmaßnahmen hätten zu einer allgemeinen Verschärfung der Situation in der Eurozone beigetragen. Als Beispiel führt er Spanien an: Der Abbau der Leistungsbilanzdefizite finde einseitig nur zu Lasten der schwachen Länder mit schrumpfenden Wirtschaften und hoher Arbeitslosigkeit statt. Deutschland trage nichts dazu bei. Man könne sogar die Sache so sehen, argumentiert er, dass Deutschland innerhalb des Euros eine Art gigantischer Währungsinterventionen über Target 2 (Trans-European Automated Real Time Gross Settlement Express Transfer System, ein Zahlungssystem der europäischen Zentralbanken) vornehme. So werde die „Schatten-Deutsche Mark“ niedrig gehalten.

Kommentare (23)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

eli

04.11.2013, 08:29 Uhr

Dämmert es Merkel, Schäuble und Co bald, welchen Irrsinn sie da aufführen. Der Euro gehört weg, 2010 wäre der richtige Zeitpunkt gewesen. Doch da war man ja lieber in der Vergangenheit beim Kranzniederlegen.

Rene

04.11.2013, 08:46 Uhr

Bla bla bla...
Von den Amerikanern sollte man sich in Sachen Wirtschaftspolitik nun wirklich nichts sagen lassen.

Ratlos

04.11.2013, 08:56 Uhr


Erstaunlich, darüber habe ich schon vor ca. 4 Wochen in den "Blogs" gelesen. Nun, meine Damen und Herren, etwas wird passieren müssen und wird passieren? Der IWF gibt die Marschrichtung vor, die US-Amerikaner haben dies sicherlich gut vorbereitet und kommen jetzt massiv aus den "Löchern" (vgl. Krugman z.B. Handelsblatt).

Nun eine echte Bitte an alle Fachleute: Die Implementierung einer solchen Maßnahme kann doch kaum im jetzigen Währungsraum funktionieren - zu unterschiedlich sind die jeweiligen Ausgangssituationen der Länder. Zwingt uns der IWF letztlich nicht zum Austritt aus dem Währungsverbund? Dann kann über Auf- und Abwertung recht simpel reguliert werden...die deutschen Produkte sind dann einfach zu teuer...usw

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×