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29.01.2005

16:40 Uhr

Treffen in Wien

Opec-Minister sind schweigsamer als üblich

VonThomas Wiede (Handelsblatt)

Das Opec-Treffen hat mit seinem traditionellen Ankunftsreigen der Minister des Öl-Kartells begonnen. Wenn sie, die für mehr als ein Drittel der globalen Rohölproduktion sorgen, in ihren Luxushotels rund um die prächtige Ringstraße in Wien eintreffen, beginnt ein Spiel mit fest etablierten Regeln: In den Lobbys warten die Medien und die Herrn des Öls geben den Journalisten zwischen Drehtür und Aufzug mal mehr mal weniger Auskunft über ihre Sicht des Marktes.

Raffinerie in Saudi Arabien. Foto: dpa

Raffinerie in Saudi Arabien. Foto: dpa

WIEN. Das Spiel hat einen klaren Zweck: Die „Preis-Falken“ und die „Preis-Tauben testen im Vorfeld des formalen Treffens die Märkte. Wenn der wichtigste Minister, der Saudi Ali al-Naimi sagt, „die Weltwirtschaft kann mit einem Ölpreis von 50 Dollar leben“, dann tickert das Minuten später über die Nachrichtenagenturen. Der Minister kann dann, wenn er sich in einer der großzügigen Suiten im Grand Hotel Wien (2300 Euro für die Nacht) mit anderen Delegationen trifft, verfolgen, wie die Händler an den Ölbörsen in London oder New York über seine Äußerung denken, wie der Markt der Öl-Futures reagiert. Das gibt ihm dann Argumente in der Diskussion mit den Kollegen.

Doch vor dem Treffen am Sonntag im verschneiten Wien, läuft das Spiel ein wenig anders. Es ist Wochenende, die Märkte sind geschlossen – die Minister sind daher schweigsamer als üblich. Vor allem der Saudi al-Naimi hält sich zurück. Er, der morgens um sieben gerne mit einer Gruppe Journalisten über die Ringstraße joggen geht und dabei die eine oder andere Bemerkung über die Förderquoten fallen lässt (die sofort in Mobiltelefone weitergeflüstert werden) sorgt vor diesem Treffen für eine leichte Nervosität bei den Journalisten und Analysten. Lässt das Kartell doch noch eine Bombe platzen?

Möglich wäre das: „Die Opec versucht immer stärker mit ihren Entscheidungen Marktbewegungen vorweg zu greifen“, sagt Leo Drollas, Vize-Chef des Londoner Center for Global Energy Studies (CGES). Doch dabei liege es nicht immer richtig. Das Ziel sei, Angebot und Nachfrage möglichst deckungsgleich zu halten. Den Ministern steckt der „Schock von Jakarta“ von 1997 noch in den Knochen. Auf ihrem Treffen damals hatten die Minister beschlossen, ihre offiziellen Quoten der tatsächlichen Überproduktion anzugleichen und verkannten vollkommen die Ausmaße der sich anbahnenden Asienkrise. Die Folgen waren für die Länder, deren Haushalte am Tropf des Ölexports hängen, übel: Aufgrund des Überangebots stürzte der Ölpreis auf 10 Dollar für das Barrel (159 Liter) ab. Die reichen Ölländer gerieten in Finanzprobleme.

Der Versuch, Angebot und Nachfrage vorausschauend in Einklang zu bringen, klingt daher vernünftig, kann aber auch fatale Folgen haben: „Die Ölmärkte werden heute von anderen Faktoren getrieben als noch vor fünf Jahren“, sagt Öl-Experte Drollas.

Klingt gut, heißt gar nichts

Die Nachfrage entwickele sich nicht mehr nur mit dem auf und ab der Jahreszeiten und dem Bedarf an Heizöl, der Faktor Asien trete immer stärker in den Vordergrund, sagt Drollas. Wenn China und Indien in diesem Jahr niedrigere Grenzen für den Schwefelgehalt im Diesel beschließen, hat das nichts mit dem Wetter zu tun, es steigert aber die Nachfrage nach leichteren Ölen. Das Gros der zusätzlichen Produktion, die Saudi-Arabien im vergangenen Jahr auf den Markt gebracht hat, sind aber schwer und damit schwefelhaltig. Obwohl genug Rohöl auf dem Markt ist, muss es nicht das richtige sein.

Befinden sich Angebot und Nachfrage im Einklang, können sich auch die Lager langfristig nicht so weit aufbauen, um eventuelle Engpässe bei der Förderung, sei es durch Naturkatastrophen, Terroranschläge oder ähnlichen Unbill auszugleichen. Die Ölhändler pflegen daher ihre Grundnervosität und der Markt bleibt volatil. Denn selbst wenn vor allem die Saudis noch zusätzliche Reserven aktivieren können, brauchen die per Schiff mindestens sechs Wochen, um bei den Kunden zu sein.

Die Frage, die sich die Minister stellen werden, lautet nun: Wie wird sich die Nachfrage im Frühjahr entwickeln? Müssen wir jetzt gegensteuern? Ein hochrangiges Mitglied einer Opec-Delegation erwartet dies nicht: „Die Entscheidung über eine Senkung der Quoten wird verschoben“, sagt er bei einer Tasse Tee dieser Zeitung.

Dennoch: Entgegen aller Erwartungen haben sich die Lager im vierten Quartal wegen des milden Winterstarts stärker erholt als üblich. Die Minister des Kartells, die außer Saudi-Arabien und Kuwait nach wie vor so viel Öl pumpen wie sie nur können, könnten dies als ein Indiz dafür sehen, dass es bald zu einem kritischen Überangebot kommen könnte. Saudi-Arabien braucht in diesem Jahr einen durchschnittlichen Ölpreis von 35 Dollar pro Barrel für Opec-Öl, hat das CGES errechnet, um seinen Haushalt im Lot zu halten.

Die Opec wandelt also auf einem schmalen Grad und muss ihre Entscheidung fein austarieren. Ein Weg könnte sein, so murmelt es in den Wiener Hotelhallen, dass das Kartell nur an die Mitglieder appelliert, sich an die Quoten zu halten. Das klingt gut und heißt gar nichts, denn es gibt keine Instrumente, um die Länder dazu zu zwingen. Doch die Bobachter sind vorsichtig: Die Opec ist immer für eine Überraschung gut.

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