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02.09.2011

13:55 Uhr

Trichet unter Druck

Experten drängen EZB zur Zinssenkung

Immer lauter werden die Stimmen, die Notenbankchef Jean-Claude Trichet eine Senkung des gerade erst angehobenen Leitzins empfehlen. Der Druck auf die Europäische Zentralbank wächst.

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet steht am Ende seiner Amtszeit noch einmal massiv unter Druck. Reuters

EZB-Präsident Jean-Claude Trichet steht am Ende seiner Amtszeit noch einmal massiv unter Druck.

FrankfurtZu groß seien mittlerweile die Konjunkturrisiken und die Inflationsgefahren seien inzwischen zu vernachlässigen, argumentieren die Experten. Prominenteste Befürworter einer EZB-Kurswende: der Internationale Währungsfonds (IWF) und Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stieglitz. Wie also werden Trichet & Co. kommenden Donnerstag entscheiden?

„Wir bezweifeln, dass die EZB diesem Ruf folgen wird“, sagt Commerzbank-Ökonom Michael Schubert, der seit vielen Jahren die Geldpolitik der EZB analysiert. Die Begründung: „Im Unterschied zur US-Notenbank behält sie sich außergewöhnliche Maßnahmen nur für Extremsituationen vor. So steht es zwar auch für uns außer Frage, dass die EZB die Zinsen senken würde, falls die Staatsschuldenkrise wieder eskaliert. Aber wird eine solche systemgefährdende Eskalation wie von uns erwartet vermieden, dürfte bei der EZB eher die Sorge über die Risiken einer zu expansiven Geldpolitik überwiegen.“

Mit anderen Worten: Trichet wird nach der vorletzten Sitzung des EZB-Rats unter seiner Führung eine Zinspause verkünden und die noch vor gar nicht allzu langer Zeit fest für das vierte Quartal eingeplante Erhöhung des Leitzinses von 1,5 auf 1,75 Prozent auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschieben. So sehen es auch die 75 Teilnehmer einer Reuters-Umfrage. Kein einziger befragter Ökonom erwartet eine Zinsänderung im September.

Trichets Nachfolger, der Italiener Mario Draghi, hat dann ab November alle Möglichkeiten. Wenn nötig, kann Draghi dann auch die Zinsen wieder senken. Im Gegensatz zu anderen Notenbanken wie der Federal Reserve oder der Bank von England hat die EZB dank der beiden Zinserhöhungen im April und Juli Spielraum und muss nicht zu alternativen Mitteln greifen - abgesehen von den natürlich weiterhin höchst umstrittenen Staatsanleihekäufen, mit denen die Währungshüter seit gut eineinhalb Jahren klamme Euro-Staaten päppeln.

Nun also erst einmal eine Zinspause. Was sind die Gründe? Andrew Bosomworth vom weltgrößten Anleihehändler Pimco nennt vor allem die wieder dunkleren Konjunkturwolken und die fragile Lage der Banken. Sein Rezept für die EZB: „Weiterhin Liquidität ohne Grenzen für die Banken und Absenken des Leitzinses auf ein Prozent im Laufe des vierten Quartals.“ Elga Bartsch von Morgan Stanley geht nicht ganz so weit und fordert eine Leitzinssenkung um einen viertel Prozentpunkt auf 1,25 Prozent. „Die EZB sollte das September-Treffen des Rats dazu nutzen, das klare Signal zu senden, dass ihre Einschätzung des weiteren geldpolitischen Kurses sich komplett gedreht hat.“ Das mag für die Mehrheit des EZB-Rats gelten. Dass Bundesbank-Präsident Jens Weidmann sich dem anschließt, darf bezweifelt werden.

Fakt ist, dass die Inflation in den 17 Ländern der Euro-Zone zwar immer noch über der Zielmarke der EZB von „knapp unter zwei Prozent“ liegt, sich aber zuletzt abschwächte. Auch stand Europas Wachstumsmotor Deutschland zuletzt nicht mehr so unter Dampf wie noch im Frühjahr. Die Schuldenkrise in Europa ist nach wie vor nicht gelöst und unter den Banken regiert gegenseitiges Misstrauen und Angst. Dazu kommt dann auch noch, dass die Weltwirtschaft ins Stottern geraten ist - allen voran die weltgrößte Volkswirtschaft USA, wo sich eine weitere geldpolitische Lockerung durch die Notenbank anzudeuten scheint. Eine explosive Mischung: Trichet ist kurz vor Ende seiner Amtszeit nicht zu beneiden.

 

Von

rtr

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