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22.08.2011

15:17 Uhr

Türkische Konjunktur

Ökonomen senken Wachstumsprognosen für Türkei

VonGerd Höhler

Noch darf sich die Türkei über ein Turbowachstum freuen. Doch Ökonomen erwarten ein Abkühlung der Konjunktur und senken für 2012 schon ihre Prognosen.

Tayyip Erdogan: Der türkische Ministerpräsident neigt angesichts des "Wunders am Bosporus" gern zu Superlativen. Reuters

Tayyip Erdogan: Der türkische Ministerpräsident neigt angesichts des "Wunders am Bosporus" gern zu Superlativen.

AthenDas "Wunder am Bosporus" verleitet den türkischen Ministerpräsidenten Tayyip Erdogan zu Superlativen: "Wir sind die Nummer eins in der Welt." Elf Prozent Wirtschaftswachstum erzielte die Türkei allein im ersten Quartal 2011 und ließ damit selbst China und Argentinien hinter sich. Doch in diesem Tempo dürfte es nicht weitergehen. Erste Alarmzeichen bezeugen, was auch die US-Bank Morgan Stanley für das nächste Jahr erwartet: Die türkische Konjunktur wird sich abkühlen, die Analysten senkten ihre Wachstumsprognose für die Türkei von 4,5 auf 3,5 Prozent.

Viele Anleger haben schon Furcht vor einer drohenden Überhitzung der türkischen Konjunktur. Im Juli erreichte das türkische Leistungsbilanzdefizit mit 10,2 Milliarden Dollar einen neuen Rekord und übertraf selbst die Erwartung der Analysten. Die hatten mit 9,5 Milliarden Dollar gerechnet. Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet für das Gesamtjahr ein Leistungsbilanzdefizit von 10,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Bisher hatte die Türkei keine Schwierigkeiten, den Fehlbetrag zu finanzieren, genug sogenanntes "heißes Geld" strömte ins Land. Doch dieses Spekulationskapital kann sehr schnell wieder abfließen, wenn die Risikobereitschaft der Anleger zurückgeht. Die Kursverluste der Lira und die Talfahrt des Leitindexes der Istanbuler Börse zeigen, dass dieser Prozess bereits begonnen hat. Die Lira verlor seit Jahresbeginn gegenüber dem Euro 23 Prozent, der Index 21 Prozent.

Ungeachtet der Warnzeichen verspricht Erdogan seinen Landsleuten "dauerhafte Stabilität und kontinuierliches Wachstum". Seit seinem Amtsantritt vor acht Jahren hat sich das Pro-Kopf-Einkommen verdreifacht. Die Türkei rangiert unter den größten Wirtschaftsnationen auf Platz 17. Bis 2023 will Erdogan sein Land unter die ersten zehn führen. Dazu müsste die Türkei kontinuierliche Wachstumsraten von deutlich über fünf Prozent erwirtschaften. Erreichen will die Regierung das mit niedrigen Zinsen: Erdogan strebt nach eigenen Worten einen Zins von "praktisch null" an.

Davon ist man noch weit entfernt: Ende Juli senkte die Zentralbank den Leitzins von 6,25 auf 5,75 Prozent. Der Schritt kam überraschend, weil viele Ökonomen dafür plädieren, dem Markt mit einer Zinserhöhung Liquidität zu entziehen, statt das Wachstum mit billigem Geld weiter anzufeuern.

"Die Türkei erinnert an die EU-Südländer vor der Finanzkrise", warnt Christian Schulz, Ökonom der Berenberg Bank. Die Parallelen sind groß: Ein Boom bei der Binnennachfrage, ein steigendes Leistungsbilanzdefizit, gepaart mit hoher Kreditaufnahme der privaten Haushalte und hoher Inflation. Doch das Land könne gut durch die globale Schwächeperiode kommen, sofern die Abkühlungsmaßnahmen von Regierung und Zentralbank keine harte Landung produzieren, sagt Schulz. Allerdings könnte die starke Binnennachfrage einen ansteigenden Verlust an Wettbewerbsfähigkeit verdecken.

Tatsächlich kämpft die Türkei mit erheblichen Strukturproblemen. Vereinfacht gesagt konsumieren die Türken zu viel auf Kredit, sparen zu wenig und exportieren nicht genug. Die Industrie importiert zu viele Rohstoffe und Vorprodukte. Der Istanbuler Ökonomieprofessor Emre Alkin sagt, die Türkei müsse "Kosten senken, mehr produzieren, weniger importieren und sich in der Wertschöpfungskette nach oben bewegen."

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