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02.03.2014

11:41 Uhr

Ukraine-Eskalation

Ökonomen fürchten Konjunktur-Rückschlag

VonDietmar Neuerer

ExklusivEin drohender russischer Militäreinsatz auf der Krim könnte schwere wirtschaftliche Verwerfungen nach sich ziehen – nicht nur für die Ukraine. Deutsche Ökonomen halten auch globale Rückschläge für möglich.

Erstmals ist es auch in der ost-ukrainischen Stadt Charkow zu Ausschreitungen gekommen. Der Konflikt mit Russland lähmt die Wirtschaft, die Folgen sind unabsehbar. AFP

Erstmals ist es auch in der ost-ukrainischen Stadt Charkow zu Ausschreitungen gekommen. Der Konflikt mit Russland lähmt die Wirtschaft, die Folgen sind unabsehbar.

BerlinFührende Ökonomen in Deutschland warnen angesichts eines drohenden russischen Militäreinsatzes gegen die Ukraine vor unabsehbaren wirtschaftlichen Folgen. „Geopolitische Unsicherheiten vor der eigenen Haustür und ein potenzieller politischer Konflikt mit Russland bedeuten für die EU auch wirtschaftliche Unsicherheiten“, sagte der Chefvolkswirt der Dekabank, Ulrich Kater, Handelsblatt Online.

Abgesehen von der Sicherheit der Gaslieferungen aus Russland über die Ukraine, sei die Ungewissheit groß, welche Weiterungen das Vorgehen Russlands im Osten Europas noch haben werde. „Eine generelle Verunsicherung der wirtschaftlichen Erwartungen kann im Extremfall die konjunkturelle Entwicklung insgesamt belasten“, warnte Kater. Aber noch bestünden gute Hoffnungen, dass der Konflikt politisch eingedämmt werden könne.

Darauf hofft auch der Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn. Denn die politische Eskalation in der Ukraine, „die jeder Vernunft Hohn spottet, hat auch ökonomisch fatale Konsequenzen für die Menschen in der Ukraine“, sagte Horn Handelsblatt Online. Die Institutionen seien nur noch begrenzt funktionsfähig. „Sollten die Auseinandersetzungen die Grenze zum Kriegerischen überschreiten, droht der finanzielle Kollaps“, warnte der IMK-Chef.

Der Konflikt auf der Krim

Kurz nach dem Umsturz

26. Februar: Wenige Tage nach dem Umsturz in der ukrainischen Hauptstadt Kiew geraten auf der Krim Anhänger und Gegner einer Annäherung an Russland aneinander. Tausende Krimtataren demonstrieren gegen eine Abspaltung der autonomen Republik. Prorussische Demonstranten fordern die engere Anbindung an Moskau.

Bewaffnete besetzen Parlament

27. Februar: Bewaffnete besetzen Regionalparlament und Regierungsgebäude in der Hauptstadt Simferopol - um die russische Bevölkerung auf der Krim zu verteidigen, wie sie sagen. Das prorussische Krim-Parlament spricht sich für eine Volksbefragung über die Autonomie der Region aus und setzt die Regierung ab.

„Militärische Invasion“

28. Februar: Eine bewaffnete prorussische Gruppe besetzt kurzzeitig den Flughafen der Hauptstadt. Das ukrainische Parlament appelliert an Moskau, alles zu unterlassen, was die territoriale Einheit des Landes gefährde. Nach ukrainischen Berichten sind auf der Krim russische Militärmaschinen mit rund 2000 Soldaten gelandet. Interimspräsident Alexander Turtschinow spricht von einer „militärischen Invasion“ unter dem Deckmantel einer Übung.

Putin bereitet Militäreinsatz vor

1. März: Der russische Föderationsrat stimmt auf Bitten von Kremlchef Wladimir Putin einem Militäreinsatz auf der Krim zu. Der moskautreue neue Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow hatte Russland zuvor um Beistand gebeten.

„In einer solchen unübersichtlichen Situation können der IWF oder die EU wenig ausrichten, ein Staatsbankrott wäre dann unvermeidlich.“ Horn befürchtet dann globale Verwerfungen. „Aus europäischer und globaler Sicht verstärkt sich damit die ohnehin vorhandene Unsicherheit, die derzeit immer noch eine erhebliche Bürde für einen stabilen globalen Aufschwung ist.“

Der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, hält die direkten ökonomischen Auswirkungen zwar für überschaubar, da die Exportbeziehungen in die Ukraine nicht so groß seien . Jedoch kann das Sentiment der Investoren getrübt werden und damit die Lage an den Finanzmärkten belasten, sagte Bielmeier Handelsblatt Online.

Vor negativen Auswirkungen auf die globale Wirtschaft warnt auch Christian Dreger, Forschungsdirektor im Bereich International Economics am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). „Die Krise in der Ukraine beeinträchtigt die Integration der Weltwirtschaft“, sagte Dreger Handelsblatt Online. „Insbesondere dürfte das Verhältnis zwischen Russland und der EU bei einer weiteren Zuspitzung erheblich belastet werden.“ Es komme nun darauf an, die Ukraine „möglichst rasch“ politisch und wirtschaftlich zu stabilisieren. Dazu könne die EU beitragen. „Allerdings kann eine Lösung nicht ohne Russland erreicht werden“, sagte Dreger.

Der Wormser Wirtschaftsprofessor Max Otte sprach von einer „wirklich besorgniserregenden Lage. „Die Einschnürung Russlands durch den Westen hat das Potenzial zu einer ganz, ganz großen Krise, die weit über das ökonomische hinausgeht, sagte Otte Handelsblatt Online. Wenn das allerdings verhindert werden könne, „dann ist die kritische Situation oder sogar die Insolvenz eines ökonomisch unbedeutenderen Landes am Rande Europas nichts Neues und würde auch für die Weltwirtschaft keine allzu großen Auswirkungen haben.

Angesichts eines drohenden russischen Militäreinsatzes auf der Krim hatte der ukrainische Übergangspräsident Alexander Turtschinow am Samstag die Kampfbereitschaft der Armee angeordnet. In einer im Fernsehen übertragenen Rede an die Nation sagte Turtschinow, es gebe einen Aktionsplan für den Fall einer Aggression Moskaus. Zudem werde der Schutz von Atomkraftwerken, Flughäfen und weiterer Einrichtungen im Land verstärkt.

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