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22.01.2014

15:07 Uhr

Umfrage

Mehrheit vertraut amtlicher Preis-Statistik nicht

Die Deutschen ärgern sich an der Supermarktkasse über stark steigende Preise. Der amtlichen Inflations-Statistik vertrauen sie kaum noch. Gefühle und Wirklichkeit können allerdings weit auseinanderdriften.

Werden Lebensmittel immer teurer oder ist es nur ein Gefühl? Fachleute weisen auf das Phänomen der „gefühlten Inflation“ hin. dapd

Werden Lebensmittel immer teurer oder ist es nur ein Gefühl? Fachleute weisen auf das Phänomen der „gefühlten Inflation“ hin.

Hamburg/ FrankfurtNach Ansicht einer Mehrheit der Deutschen steigen die Verbraucherpreise schneller als in der offiziellen Statistik festgehalten. In einer am Mittwoch vom Magazin „Stern“ veröffentlichten Forsa-Umfrage äußerten 58 Prozent der Befragten das Gefühl, dass im vergangenen Jahr die Preise stärker gestiegen seien, als es die amtlich festgestellte Inflationsrate von 1,5 Prozent ausdrückt. Nur 35 Prozent gaben an, dass sich ihr persönlicher Eindruck mit der tatsächlichen Teuerungsrate deckt.

Am häufigsten (80 Prozent) hätten sich die Menschen über höhere Kosten fürs Wohnen (Miete, Wasser, Strom, Gas), für Verkehr und für Lebensmittel geärgert. Knapp die Hälfte habe die Sorge geäußert, wegen der steigenden Preise weniger Geld zum Leben zu haben.

Die Inflationsrate wird über einen Warenkorb ermittelt, für den das Statistische Bundesamt monatlich über 300.000 Einzelpreise für verschiedene Produkte und Dienstleistungen feststellt. Nach ihrer wirtschaftlichen Bedeutung gewichtet, fließt die Preisentwicklung dann in den Verbraucherpreisindex ein, dessen Veränderung auch Inflationsrate genannt wird.

Fachleute weisen auf das Phänomen der „gefühlten Inflation“ hin, die stärker an Produkten und Dienstleistungen hängt, die häufiger gekauft und meist bar bezahlt werden. Dies trifft etwa auf Lebensmittel, Treibstoffe oder Friseurbesuche zu. Kaum registriert werden hingegen Zahlungen, die regelmäßig und automatisch abgebucht werden wie etwa die Kaltmiete, die bei vielen Mietern kaum oder nur in sehr geringem Umfang steigt. Im Warenkorb des Bundesamtes macht sie aber mehr als ein Fünftel (21 Prozent) aus.

Inflationsrisiken

Lohn-Preis-Spirale

Wegen der guten Konjunktur haben die Gewerkschaften kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt: Die Chemie-Beschäftigten bekommen 4,5 Prozent, die Metaller 4,3 Prozent mehr Geld, mit einer Laufzeit von rund einem Jahr. Die Beschäftigten bei Bund und Kommunen handelten ein Plus von 6,3 Prozent für zwei Jahre aus. Unternehmen und Staat werden versuchen, die höheren Personalkosten aufzufangen, indem sie ihre Preise beziehungsweise Gebühren und Abgaben anheben. Verteuert sich die Lebenshaltung dadurch merklich, werden die Gewerkschaften in der nächsten Lohnrunde einen Ausgleich verlangen. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln.

Lockere EZB-Geldpolitik

Bei ersten Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale müsste die EZB ihre Zinsen anheben. Mit teurerem Geld kann sie Konsum und Investitionen drosseln, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird die Zentralbank ihren Leitzins aber wohl noch längere Zeit auf dem Rekordtief von einem Prozent lassen - oder sogar weiter senken. Die extrem niedrigen Zinsen aber können den Konsum im prosperierenden Deutschland weiter befeuern und die Preise anheizen.

Schwacher Euro

Wegen der eskalierenden Schuldenkrise steht der Euro unter Abwertungsdruck. Mit rund 1,25 Dollar ist er so billig wie seit Sommer 2010 nicht mehr. Das Problem: Deutschland als rohstoffarmes Land muss Öl, Metalle und andere Materialien im Ausland kaufen. Auf dem Weltmärkten werden die Rohstoffe überwiegend in Dollar abgerechnet. Ein schwächerer Euro macht damit deutsche Importe teurer.

Enorme Liquidität

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der Europäischen Zentralbank aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. Allein Ende 2011 und Anfang 2012 hat sie mehr als eine Billion Euro zum Zins von aktuell einem Prozent für drei Jahre in den Finanzsektor gepumpt. Zieht die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal an, kann das viele Geld schnell in Inflation münden.

Nach einer Beispielrechnung der Großbank Unicredit können Gefühl und Wirklichkeit weit auseinanderdriften. Beim Vergleich eines nur mit häufig und typischerweise bar bezahlten Gütern gefüllten Warenkorbs ergab sich im Dezember 2010 eine fast doppelt so hohe Preissteigerung wie in dem realistisch zusammengesetzten Korb. 2013 haben sich insbesondere Lebensmittel stark verteuert. Sie machen im Warenkorb aber nur 9,1 Prozent aus. Sinkende Treibstoffpreise haben laut Bundesamt die Preissteigerung gedämpft.

Nach einer YouGov-Umfrage im Auftrag der Vermögensverwaltung M&G sind aber die Inflationsängste der Deutschen in den vergangenen Monaten zurückgegangen. Im November erwarteten die Befragten noch eine Inflationsrate von 2,1 Prozent nach 2,5 Prozent im Februar. Die Europäische Zentralbank sieht die angestrebte Preisstabilität bei einem Wert von knapp unter 2 Prozent gewährt. Die Bundesbank erwartet für dieses Jahr zunächst 1,3 Prozent und für 2015 dann 1,5 Prozent.

Von

dpa

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

22.01.2014, 15:35 Uhr

Statistik und Wirklichkeit können allerdings auch weit auseinanderdriften.

Europaeer

22.01.2014, 16:02 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Franz

22.01.2014, 17:18 Uhr

Es ist für mich völlig klar,das die offiziell berechnete Inflationsrate NICHT der Realität entspricht,da hierbei Produkte enthalten sind,die nur selten oder wenig gekauft werden (z.B. Fernseher).Eine reale Inflationsrate sollte die am häufigsten Produkte, sowie Wohn- und Nebenkosten enthalten,sprich alle normalen Kosten,die jeder Haushalt zahlen muss.Allein auf Grund der exorbitanten Erhöhung der Energiekosten und einiger Lebensmittel, wird die Inflationsrate dann wesentlich höher liegen.
Was sind denn die meisten Kosten eines Haushaltes?
Richtig, zuerst die Miet- und Nebenkosten, dann Lebensmittel,die Fahrtkosten zu Arbeit,Kleidung, Telefon+Internet und sonstige Verträge.Für viel mehr hat die Mehrheit der Bevölkerung kein Geld mehr (was bis Ende der 1980er Jahre anders war).
Weil das jedoch so nicht in der offiziellen Inflationsrate berücksichtigt wird,empfinden viele Menschen die jetzige Infllationsrate als Mogelpackung, genau wie die offizielle Arbeitslosenquote, bei der nur etwa 40 % als offiziell arbeitslos betitelt werden und der Rest NICHT. Zitat BIAJ für Dezember 2013:"(BIAJ) 5,144 Millionen „Arbeitslosengeld-Empfänger/innen“ (SGB III und SGB II) im Dezember 2013, darunter 4,358 Millionen erwerbsfähige Leistungsberechtigte (Arbeitslosengeld II-Empfänger/innen). 5,092 Millionen Arbeitsuchende, darunter 2,873 Millionen registrierte Arbeitslose, davon etwa 923.000 (32,1 Prozent) bei den 156 Arbeitsagenturen registriert und 1,949 Millionen (67,9 Prozent) bei den im Dezember 2013 noch 410 Jobcentern...". Offiziell werden dazu NUR die 2,873 Mio. oder unter 3 Mio. registrierte Arbeitslose für Dezember 2013 genannt, obwohl die Anzahl der Arbeitsuchenden 5,092 Mio. beträgt.

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