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26.07.2017

12:55 Uhr

Unsicherheit vor EU-Austritt

Brexit schwächt britische Wirtschaft

Händler, Hotels und Restaurants sind derzeit die wenigen Hoffnungsträger der britischen Wirtschaft. Insgesamt ist die Konjunktur auf der Insel so schwach wie seit fünf Jahren nicht mehr. Ökonomen fürchten den Brexit.

Die britische Wirtschaft wächst nur noch langsam. Reuters

Ungemütliche Stimmung auf der Insel

Die britische Wirtschaft wächst nur noch langsam.

LondonDie britische Wirtschaft kommt wegen der Verunsicherung durch den geplanten EU-Austritt nicht richtig in die Gänge. Angetrieben von den Dienstleistern legte das Bruttoinlandsprodukt zwischen April und Juni um 0,3 Prozent zu, wie das Statistikamt am Mittwoch in London mitteilte. Ökonomen hatten dieses Ergebnis vorausgesagt, nachdem es zu Jahresbeginn nur zu 0,2 Prozent gereicht hatte. „Die Wirtschaft hat in der ersten Jahreshälfte eine beträchtliche Verlangsamung durchlebt“, fasste Statistikamt-Sprecher Darren Morgan zusammen. Einen schlechteres Ergebnis in den ersten sechs Monaten gab es zuletzt 2012.

„Die enormen Unsicherheiten über den weiteren Verlauf der Brexit-Verhandlungen, in die die britische Delegation sichtlich geschwächt und konzeptlos hineingestolpert ist, lasten auf der wirtschaftlichen Aktivität“, sagte NordLB-Ökonom Jens Kramer. Die EU ist der wichtigste britische Exportmarkt. Ohne Einigung auf ein Freihandelsabkommen drohen Zölle und andere Hürden. Großbritannien hinkt derzeit dem Aufschwung in der Euro-Zone hinterher. Experten gehen davon aus, dass deren größte Volkswirtschaft Deutschland im zweiten Quartal erneut ein Plus von 0,6 Prozent geschafft hat, während die Währungsunion insgesamt auf 0,5 Prozent kommen dürfte.

Industrie: Brexit könnte deutsche Lieferketten sprengen

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Zölle und weitere Kosten könnten nach dem Brexit deutschen Lieferketten schaden und die Preise nach oben treiben, stellt eine Studie fest. Die Industrie sei besonders gefährdet. Helfen könne nur ein Freihandelsabkommen.

Getragen wurde das britische Wachstum im Frühjahr von den Dienstleistern, während die Industrie und die Baubranche schwächelten. Die Geschäfte von Einzelhändlern, Hotels und Restaurants legten jeweils zu. „Das ungewöhnlich warme Wetter im April und Juni sowie die späten Osterfeiertage dürften dazu beigetragen haben“, sagte Ökonom James Smith von der Großbank ING. Auch die von Steuervorteilen profitierende Filmindustrie legte merklich zu.

„Unsere Wirtschaft wächst seit viereinhalb Jahren kontinuierlich“, sagte Finanzminister Philip Hammond. „Darauf können wir stolz sein, aber wir sind nicht selbstgefällig.“ Die Produktivität müsse wieder stärker zulegen, um höhere Löhne und einen steigenden Lebensstandard zu schaffen.

Das Programm der britischen Regierung zum Brexit

27 geplante Entwürfe

Die britische Regierung stellte im Juni ihr Programm für die kommenden zwei Jahre vor. Acht der 27 geplanten Gesetze betreffen den EU-Austritt. Die Entwürfe im Einzelnen:

Quelle: dpa

Aufhebung des EU-Rechts

Das Gesetz soll EU-Vorschriften in britisches Recht übertragen. Der Trick: Etwa 20 000 EU-Vorschriften werden in einem Schwung in nationales Recht überführt. Nach und nach können die Gesetze dann geprüft und gegebenenfalls vom Parlament verworfen werden. Die Vorschriften betreffen quasi alle Lebensbereiche von Arbeitszeiten bis hin zu Energiesparmaßnahmen.

Zölle und Steuern

Großbritannien soll nach dem Brexit ein unabhängiges Zoll- und Steuerwesen bekommen, das für zukünftige Handelsverträge angepasst werden kann. Das Gesetz soll es dem Land ermöglichen, die Einfuhr und Ausfuhr von Waren zu kontrollieren, eigene Zölle festzusetzen sowie Mehrwertsteuern und Luxussteuern zu ändern. Um Kontinuität für Unternehmen zu gewährleisten, soll das neue Gesetz aber in weiten Teilen auf bestehendem EU-Recht basieren.

Handel

Das Gesetz soll es Großbritannien ermöglichen, nach dem Brexit unabhängig Handel treiben zu können. Es soll den Status das Landes als „führende Handelsmacht“ zementieren. Britische Unternehmen sollen vor unfairen Handelspraktiken geschützt werden.

Einwanderung

Großbritannien soll die Einwanderung aus EU-Staaten selbst kontrollieren. Damit kann es die Zahl der EU-Einwanderer reduzieren, gleichzeitig aber weiterhin „die Klügsten und Besten“ aufnehmen. Dafür wird das EU-Recht zur Freizügigkeit aufgehoben. Ziel ist eine „faire und nachhaltige“ Einwanderungspolitik.

Fischerei

Großbritannien regelt den Zugang zu seinen Hoheitsgewässern selbst und kontrolliert damit seine eigene Fischereipolitik, einschließlich Fangquoten. Damit sollen Fischbestände geschützt und erhöht und die Zukunft britischer Fischer gesichert werden.

Landwirtschaft

Großbritannien schafft ein neues System zur Unterstützung der britischen Landwirtschaft und des Naturschutzes. Es soll Stabilität für britische Landwirte sichern und zu einer höheren Produktion und mehr Exporten beitragen. Die Landwirtschaft soll damit wettbewerbsfähiger werden.

Atomare Sicherheit

Mit der EU verlässt Großbritannien auch die europäische Atomgemeinschaft Euratom. Ihre Aufgaben sollen von der nationalen Atomregulierungsbehörde (Office for Nuclear Regulation) übernommen werden. Das Gesetz soll die Rolle Großbritanniens als verantwortungsvolle Atommacht bestätigen und die Atomenergie zur nationalen Stromversorgung sichern.

Internationale Sanktionen

Entscheidungen über Nicht-UN-Sanktionen werden wieder von Großbritannien selbst getroffen. Das Gesetz soll die Rolle Großbritanniens als permanentes Mitglied des UN-Sicherheitsrats und „Weltmacht“ stärken. Das Land soll internationale Sanktionen auf unilateraler oder multilateraler Ebene verhängen und aufheben können, um Bedrohungen durch Terrorismus, Konflikte oder die Weitergabe von Atomwaffen zu bekämpfen.

Das britische Pfund hat nach dem Votum für einen EU-Austritt vor gut einem Jahr deutlich an Wert verloren. Das lässt die Inflation hochschießen, weil viele Waren importiert werden müssen und diese durch die Abwertung teurer werden. Das verringert wiederum die Kaufkraft der Verbraucher. Das insgesamt schwache Wachstum macht eine baldige Zinserhöhung durch die Zentralbank trotz höherer Preissteigerungen unwahrscheinlich: Nur zwei der 80 von Reuters befragten Ökonomen gehen davon aus, dass die Bank of England im August ihren Leitzins anheben wird. Ein höherer Zins macht das Pfund attraktiver und kann die Inflation bremsen.

Der Internationale Währungsfonds hat gerade erst seine Wachstumsprognose für Großbritannien gesenkt. In diesem Jahr wird nur noch mit einem Plus von 1,7 Prozent gerechnet, nachdem im April noch 2,0 Prozent vorausgesagt wurden. 2018 sollen es sogar nur 1,5 Prozent sein.

Folgen des Brexit

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rtr

Kommentare (3)

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Herr Günther Heck

26.07.2017, 14:02 Uhr


Die Briten scheinen mir ein cleverers Völkchen zu sein.HB schreibt es anders. Warum auch immer.

Britisches Wirtschaftswachstum leicht beschleunigt

Das britische Wirtschaftswachstum hat sich im zweiten Vierteljahr wie erwartet im Quartalsvergleich leicht beschleunigt.

Französisches Verbrauchervertrauen eingebrochen

Herr Piet Vrolijk

26.07.2017, 14:59 Uhr

Man wird warten müssen um wirklich zu sehen was die langfristigen Folgen von die Brexit sein werden.
Heute ich alles ein Lesen in die Kaffeesatz. Im ersten Schritt sind die Folgen von die Brexit für die Briten in jeden Fall negativ.
Und erst in 5 oder 10 Jahren wird man die wirkliche Folgen kennen. Es ist und bleibt eine Experiment mit eine ungewisse Ausgang.

Herr Hans-Jürgen Lorenz

27.07.2017, 13:02 Uhr

Weder ist klar, wie der brexit ausgehen wird, noch sind erste Anzeichen einer Erholung oder Abschwächung der britischen Wirtschaft vorhersehbar. Noch gelten die Regeln der EU und man kann wirtschaften wie bisher. Trotz allem sind schon jetzt definitif einige Milliarden für den britischen Hazushalt gestrichen, es werden eher mehr statt weniger.

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