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02.09.2011

15:22 Uhr

US-Arbeitslosenzahlen

Eiszeit auf dem US-Jobmarkt

VonNils Rüdel

Keine neuen Jobs, die Arbeitslosenquote unverändert: Der US-Jobmarkt kam auch im August nicht in Gang. Die Unternehmen scheinen kein Vertrauen in die Lage der US-Wirtschaft zu haben. Die Angst vor der Rezession wächst. 

Plakate am US Chamber of Commerce in Washington, DC. AFP

Plakate am US Chamber of Commerce in Washington, DC.

WashingtonDer amerikanische Jobmarkt kommt einfach nicht in Gang. Die Zahl der Arbeitplätze blieb im August überraschend unverändert. Dabei hatten Ökonomen zumindest mit einem kleinen Plus gegenüber Juli von rund 60.000 Arbeitsplätzen gerechnet. Auch die Arbeitslosenquote verharrte im August bei 9,1 Prozent, wie das US-Arbeitsministerium am Freitagmorgen mitteilte.

Der Arbeitsmarkt stagniert, denn offenbar glauben die Unternehmen nicht an eine Besserung der wirtschaftlichen Lage. „Wenn die Aussichten unsicher sind, stellen Firmen nicht ein“, sagte Ellen Zentner, leitende Volkswirtin bei Nomura Securities International Inc. in New York., der Nachrichtenagentur Bloomberg „Warnungen, dass wir uns am Rande einer Rezession befinden oder bereits drin sind, sind nicht völlig unberechtigt.“

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Eine Rezession in den USA wird immer wahrscheinlicher, weil die Angst vor einer Rezession das Geschäftsleben lähmt. Die Hauptschuldigen sitzen in Washington. Sie müssen jetzt handeln.

Daher waren die August-Zahlen mit besonderer Spannung erwartet worden, sie gelten als wichtiger Indikator für die große Frage, ob die US-Wirtschaft in eine zweite Rezession rutscht. Die Jobzahlen zeigen, wie die Wirtschaft wirklich die zähen Verhandlungen um die Anhebung der Schuldengrenze und die Marktverwerfungen nach der Herabstufung Amerikas durch Standard & Poor`s Anfang des Monats verdaut hat. Offenbar nicht gut.

Die Anleger reagierten am Freitag unmittelbar: Der Dax brach um bis zu 3,8 Prozent auf 5510 Zähler ab. Vor Veröffentlichung der Statistik hatte bereits 2,7 Prozent niedriger notiert. Als sicher geltende Bundesanleihen Schweizer Franken wurden stärker nachgefragt. Der Dollar hielt sich mit 1,4255  gegenüber dem Euro einigermaßen stabil.

Fragen und Antworten zur Herabstufung der USA

Weshalb haben die USA ihre Top-Bonität verloren?

S&P war unzufrieden mit den von der Regierung beschlossenen Sparmaßnahmen. Die Demokratische Partei von Präsident Barack Obama und die oppositionellen Republikaner hatten sich zuletzt zwar auf eine Anhebung der Schuldengrenze geeinigt, aber laut S&P keine ausreichenden Maßnahmen zur Begrenzung der Schuldenlast beschlossen. Während der Finanzkrise nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers unterstützte die US-Regierung die Wirtschaft mit milliardenschweren Hilfsprogrammen. Die Schuldenlast und die Defizite im Staatshaushalt sind daher deutlich gestiegen. Nun erschwert das schwache Wirtschaftswachstum die Reduzierung der Haushaltsdefizite. Der scharfe politische Streit zwischen Demokraten und Republikaner mache die US-Politik ineffektiv und unvorhersehbar, begründet S&P ihre Entscheidung. Während die Demokraten auch Steuern anheben wollen, lehnen die Republikaner dies kategorisch ab.

Wie reagiert die internationale Politik?

Vorerst mit Schweigen. Die USA äußern sich nicht direkt zu der Herabstufung, von der EU ist auch nichts zu hören. Auch Berlin gibt sich wortkarg. Hinter den Kulissen geht es aber kräftig zur Sache. Die Notenbankchefs wollten bei einer Telefonkonferenz beraten, wie sich die Herabstufung auf die Märkte auswirken wird. Angeblich wollten die G7-Finanzminister eine verbale Beruhigungspille für die Märkte ausarbeiten.

Geht die Talfahrt an den Finanzmärkten weiter?

Das ist sehr schwer vorherzusagen. An den Märkten wurde eine Herabstufung durch S&P in den vergangenen Tagen schon erwartet - es gab eine Vorwarnung der Ratingagentur. Zudem haben die USA noch bei den beiden anderen Ratingagenturen Moody's und Fitch die Bestnote „AAA“. Niemand muss also US-Anleihen verkaufen. Zudem haben große Anleger wie China und Japan kaum eine wirkliche Alternative zum großen und liquiden US-Markt. „Den amerikanischen Anleihemarkt dürfte dies mittelfristig wenig beeindrucken“, erwartet Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank im Gespräch mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“. Er verweist auf Japan, das mit einem schlechteren Rating und einem höheren Schuldenstand sich problemlos an den Märkten refinanzieren kann. „Aber natürlich ist dieser Schritt für die Anleihemärkte eine weitere Belastung.“ Tatsächlich könnte der Zeitpunkt aber kaum ungünstiger sein. Die doppelte Schuldenkrise in den USA und Europa hat an den Aktienmärkten in den vergangenen Tagen zu schweren Kurseinbrüchen geführt. Zudem signalisierten einige Konjunkturdaten, dass die USA in die Rezession zurückfallen könnte. Und was bedeutet das für die globale Konjunktur? Die Weltwirtschaft könnte belastet werden, falls nun die Zinsen in den USA merklich steigen würden. Dies könnte die sowieso schon schwächelnde US-Konjunktur belasten und die Weltwirtschaft unter Druck bringen. Allerdings dürfte die US-Notenbank in einem solchen Fall erneut massiv US-Anleihen kaufen, und so die Wirtschaft stützen. Ein Zusammenbruch der Kreditversorgung wird weder in den USA noch in Europa befürchtet. Die Notenbanken können aus ihren Erfahrungen aus der Lehman-Krise schöpfen und würden die Märkte ausreichend mit Liquidität versorgen. So hat die Europäische Zentralbank (EZB) den Banken bereits am vergangenen Donnerstag zusätzliche Liquidität angeboten. Eine deutliche Abschwächung der Weltwirtschaft ist aber angesichts der hohen Unsicherheit nicht unwahrscheinlich. Dies würde einen Abbau der hohen Schulden erschweren.

Ist mein Erspartes sicher?

Ja, sollte es nicht zu dem eher unwahrscheinlichen Zusammenbruch des Weltfinanzsystem kommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte zuletzt die Garantie der Regierung für alle Sparguthaben bestätigt. Allerdings dürfte jetzt die EZB bei einer Zuspitzung der Krise die Zinsen nicht mehr weiter anheben. Dies hätte beispielsweise auch Auswirkungen auf die Zinsen des Sparbuchs.

Die USA wurden erstmals seit 1941 abgestuft. War die Lage damals schlimmer?

Nein, denn die USA erhielten auch damals schon Bestnoten für ihre Kreditwürdigkeit. Standard & Poors entstand 1941 aus den beiden Agenturen Standard Statistics und Poor’s Publishing. Beide Unternehmen hatten die USA zuvor stets mit ihren jeweiligen Bestnoten bewertet.

Bei der jüngsten Herabstufung auf AA+ handelt es sich also um ein wahrhaft historisches Ereignis: Noch nie zuvor haben die Vereinigten Staaten ihre Topbewertung verloren.

Die Entwicklung am Arbeitsmarkt ist entscheidend für die Konsumausgaben, die wiederum rund zwei Drittel der Wirtschaftsleistung in den USA ausmachen. Der Konsum leidet auch unter der schwachen Lohnentwicklung: Die Stundenlöhne fielen im August um durchschnittlich 0,2 Prozent.

Die neuen Zahlen sind der letzte große Zustandsbericht über die US-Wirtschaft vor dem Treffen der Notenbank am 20. und 21. September. Bei der Versammlung, die um einen  Tag verlängert wurde, beraten die Offiziellen über weitere Schritte zur Ankurbelung der US-Wirtschaft. Es wird erwartet, dass die Fed umso eher bereit sein wird, erneut helfend einzugreifen, je schlechter die Arbeitslosenzahlen im August ausfallen. Bereits auf der vergangenen Fed-Sitzung, so zeigen Protokolle, wurde heftig darum gerungen, ob die Notenbank ein weiteres Programm zum Ankauf amerikanischer Staatsanleihen auflegen sollte.

Ein kleines Zeichen der Hoffnung für den Jobmarkt hatte es am Donnerstag gegeben, als das Arbeitsministerium die neuesten Daten über die Zahl der Amerikaner, die sich arbeitslos meldeten, veröffentlichte. Sie ging in der vergangenen Woche weiter zurück, von 421.000 auf 409.000. Trotzdem verharrt die Arbeitslosenquote um die neun Prozent. „Der Arbeitsmarkt ist eingefroren“, kommentiert die „Washington Post“. Zwar würden die Leute nicht in großem Ausmaß ihre Jobs verlieren. Es kämen aber auch keine dazu.

Dass sich daran bald etwas ändern wird, glaubt noch nicht einmal die Regierung. Ihren jüngsten Prognosen nach werde sich die Arbeitslosenquote auch im kommenden Jahr um die neun Prozent bewegen. Es ist das Jahr des Präsidentschaftswahlkampfes.

Für den in den Umfragen ohnehin schwer angeschlagenen US-Präsidenten Barack Obama eine schwere Last. Der Wahlkampf dreht sich schon jetzt fast ausschließlich um Jobs. Deshalb will der Präsident bald aus der Defensive kommen: In einer großen Rede vor dem Kongress am 8. September will er seine Pläne verkünden, „wie wir Amerika zurück an die Arbeit bekommen“.  Die Schritte würden die Arbeitslosenquote unter neun Prozent drücken, sagte der Sprecher des Weißen Hauses, Jay Carney. Genauer festlegen wollte er sich allerdings nicht.

Kommentare (4)

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USASkeptiker

02.09.2011, 15:50 Uhr

Wen wundert das:
die hohe Arbeitslosigkeit ist strukturell bedingt und kann nicht durch Geldspritzen der FED beseitigt werden (das nutzt nur den Banken, die mit billigem Geld dann in anderen Ländern die Inflation anheizen)

Die USA sind eine (größtenteils deindustrialisierte )Diensleistungsgesellschaft. Diese Dienste können von einer noch überschuldeten Gesellschaft nicht mehr in Asnpruch genommen werden. Die Hightechindustrie (Software, Biotech) schaft zwar hohe Gewinnmargen (s. Apple), aber nur wenige Arbeitsplätze; ein Vergleich mit Ölstaaten drängt sich hier auf: Reichtum für wenige, jedoch kaum Arbeitsplätze.

Wachstum wäre nur über Exportsteigerung möglich (s. Deutschland), aber hier fehlt es einfach an konnkurenzfähigen Produkten, die die Schwellenländer benötigen.

irgenwann muss man akzeptieren, dass man als Gesllschaft ein falsches Wirschaftsmodell hat und der Umbau Jahre dauern wird.

man kann nur hoffe, dass die Gläubiger wie China den USA einmal auf die Finger klopfen und deren Harakirigeldpolitik, die nichts bringt, außer Inflation, unterbindet.

Pendler

02.09.2011, 17:33 Uhr

Nichts ist so ehrlich, wie Geld
Denn am Geld erkennt man wirklich, was los ist.
Geld mach ehrlich
macht die Schöne schöner
macht den Schurken sichtbar.

Darum wird Geld fast mehr gehasst, als die Ehrlichkeit.

Und wie es aussieht, die USA sind ohne Ziele
haben sich aus dem Orbit zurück gezogen
und leben wie die Neandertaler

Krieg und Wohlfahrtsspiele
Aber dennoch die Helden der Teaparty lassen hoffen
Evtl wird es bei uns die FDP

TOUSPOURUN

02.09.2011, 18:00 Uhr

Jay Carney, klingt nach Karneval.

Das Problem der USA in sechs Wörtern ist:
Princeton Harvard Yale, Bullets Bombs and Banks

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