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08.01.2014

16:13 Uhr

US-Finanzminister Lew bei Schäuble

Mahnungen vom Amtskollegen

Uneinigkeit beim Spitzentreffen der Finanzminister: Der Amerikaner Jack Lew fordert in Berlin mehr Wachstumsförderung und kritisiert die starke Exportorientierung. Der Deutsche Schäuble rüffelt im Gegenzug die USA.

Nicht der gleichen Meinung: Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (rechts) und sein US-amerikanischer Amtskollege Jack Lew. ap

Nicht der gleichen Meinung: Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble (rechts) und sein US-amerikanischer Amtskollege Jack Lew.

BerlinDie neue Koalition in Berlin und die US-Regierung setzen in der Finanzpolitik unterschiedliche Akzente. Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) warnte am Mittwoch nach einem Treffen mit seinem US-Kollegen Jack Lew in Berlin vor neuen Spekulationsblasen. Damit kritisierte er indirekt auch die US-Notenbank Fed, die wegen des schwachen US-Wachstums die Wirtschaft mit billigem Geld flutet. Lew machte den stabilitätsorientierten Deutschen klar, dass sich die USA vom größten Euro-Staat eine stärkere Förderung von Wachstum und Beschäftigung in der Welt wünschen.

Die USA üben seit Jahren immer wieder Kritik an der starken Exportorientierung der deutschen Wirtschaft und fordern von Deutschland beharrlich, auch im Interesse der Weltwirtschaft mehr für das Wachstum im eigenen Land zu tun. Für Aufsehen hatte Ende Oktober ein Bericht aus Lews Ministerium mit dem Vorwurf gesorgt, Deutschland schade mit dieser Politik der wirtschaftlichen Stabilität in Europa und der Welt. Nach jüngsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes stiegen die deutschen Exporte im November den vierten Monat in Folge.

Deutschlands Exportüberschüsse

Seit wann erzielt Deutschland Exportüberschüsse?

Seit 1952. Nur in den ersten Nachkriegsjahren wurde mehr importiert als exportiert. 1950 gab es ein Handelsdefizit von umgerechnet 1,54 Milliarden Euro, das aber schon 1951 auf 76 Millionen Euro schrumpfte. Seither gibt es Überschüsse.

Mit welchen Ländern erzielt Deutschland Überschüsse?

Mit den meisten. Den größten Überschuss erzielt Deutschland im Handel mit Frankreich. Dorthin wurden im vergangenen Jahr Waren im Wert von 39,7 Milliarden Euro mehr exportiert als von dort eingeführt. Auf Rang zwei folgen die USA mit (36,3 Milliarden Euro) und Großbritannien (28,6 Milliarden Euro). Das größte Defizit macht Deutschland im Handel mit dem ölreichen Norwegen (-17,7 Milliarden Euro), gefolgt von den Niederlanden (-15,6 Milliarden) und China (-10,7 Milliarden.)

Wie hoch ist der deutsche Leistungsbilanzüberschuss?

In den ersten acht Monaten 2013 wurden Waren im Wert von 726 Milliarden Euro ausgeführt, aber nur im Wert von 599 Milliarden Euro importiert. Das ergibt einen Exportüberschuss von 127 Milliarden Euro. In die Leistungsbilanz fließen zudem der Austausch von Dienstleistungen mit dem Ausland ein, aber beispielsweise auch Entwicklungshilfe und Vermögenseinkommen. Von Januar bis August summierte sich der Leitungsbilanzüberschuss damit auf rund 115 Milliarden Euro.

Welche Länder haben einen höheren Exportüberschuss?

Derzeit kein anderes, nicht einmal Exportweltmeister China. 2012 lag der deutsche Überschuss mit umgerechnet 238 Milliarden US-Dollar sowohl über dem von China (193 Mrd) als auch dem des ölreichen Saudi-Arabien (165 Mrd). Mit der Erholung der Weltkonjunktur dürfte sich der deutsche Leistungsbilanzüberschuss in diesem Jahr auf die 200-Milliarden-Euro-Marke zubewegen, prognostiziert das Münchner Ifo-Institut. Das wäre ein Rekord.

Warum werden die Überschüsse kritisiert?

Die USA, aber auch der Internationale Währungsfonds zählen sie zu den großen Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft, die für die globale Finanz- und die Schuldenkrise in Europa mitverantwortlich sind. Denn Ländern mit Exportüberschüssen stehen welche mit Defiziten gegenüber, die ihre Importe über Schulden finanzieren müssen. Die EU-Kommission stuft einen Leistungsbilanzüberschuss von mehr als sechs Prozent der Wirtschaftsleistung als stabilitätsgefährdend ein. Bei einer längeren Fehlentwicklung droht sie deshalb mit einem Mahnverfahren, an dessen Ende ein Bußgeld stehen könnte. Im ersten Halbjahr lag der deutsche Überschuss bei 7,2 Prozent.

Was kann dagegen getan werden?

Der IWF und die Industriestaaten-Organisation OECD fordern seit längerem von Deutschland, mehr für die Binnennachfrage zu tun, um die Unwucht zu beheben. Höhere Importe schmelzen nicht nur den deutschen Überschuss, sondern erhöhen die Exporte anderer Länder – die damit ihre Defizite verringern können. Ein Schlüssel dazu können stärkere Lohnerhöhungen sein. „Das stimuliert die Binnennachfrage, wodurch mehr importiert und der Außenhandel wieder mehr ins Gleichgewicht gebracht wird“, sagt der Direktor des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts, Gustav Horn. Steigen die Löhne hierzulande, werden deutsche Produkte teurer – womit die preisliche Wettbewerbsfähigkeit etwa der Euro-Länder steigen würde und dort den Export ankurbeln könnte.

Was sagt die Wirtschaft?

Sie argumentiert ganz anders. Der deutsche Erfolg helfe den Krisenländern. Ihr Argument: Deutsche Exporte bestehen zu rund 40 Prozent aus zuvor importieren Vorprodukten, sagt etwa der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Somit profitiere auch das Ausland. Zudem steigen die deutschen Importe wegen des anziehenden Konsums bereits: Die führenden Wirtschaftsinstitute erwarten sowohl für dieses als auch das kommende Jahr ein höheres Importtempo.

Wird Deutschland immer Überschüsse erzielen?

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) bezweifelt das. Ab 2028 erwartet es keine Exportüberschüsse mehr in Deutschland. Wenige Jahre später sollen Leistungsbilanzdefizite folgen. „Die Ursache dieser Entwicklung ist der demografische Wandel, die Schrumpfung und Alterung der deutschen Bevölkerung“, heißt es in der Studie. Weil es in wenigen Jahren schon weniger Erwerbstätige geben werde, könne auch weniger exportiert werden. Gleichzeitig müsse der Konsum der Älteren durch höhere Importe gedeckt werden.

Lew räumte zwar ein: „Im Verlaufe des vergangenen Jahres haben wir, wie ich denke, sehr konstruktive Bewegungen gesehen, um Haushaltskonsolidierung und Wachstum in das richtige Verhältnis zu bekommen.“ Er betonte aber auch: „Wir haben sehr klar gemacht, dass mehr Binnennachfrage und Investitionen eine gute Sache wären“, gerade auch für Deutschland. Zudem erneuerte Lew sein Plädoyer für Nachbesserungen der Europäer an ihrem Megaprojekt Bankenunion, um sie noch wirkungsvoller zu machen. Es werde sich aber erst in der nächsten Krise zeigen, ob die dickeren Kapitalpuffer tatsächlich reichten, meinte Lew.

Schäuble wiederum wies die altbekannte Kritik seines amerikanischen Gastes an der deutschen Exportstärke zurück. „Wir führen unsere Gespräche nicht, um uns gegenseitig Zensuren zu verteilen, sondern um uns besser zu verstehen.“ Die Eurozone hätte ohne Deutschland ein Handelsdefizit. Spitz fügte der Deutsche hinzu: „Das amerikanische Defizit wird nicht besser, wenn ein europäisches Defizit hinzugefügt wird.“
Lew war aber sichtlich bemüht, nicht den Eindruck eines Streits zwischen den engen Verbündeten aufkommen zu lassen. Man habe nicht immer die gleichen Ansichten, verfolge aber die gleichen Ziele wie Wachstum und Reformen, erklärte Lew, der auf seiner Europa-Reise auch Frankreich und Portugal besuchte. So sollte das geplante Handelsabkommen zwischen Europa und den USA zügig vorangebracht werden, sagte Lew. Die Gespräche dazu waren in den vergangenen Monaten durch den Ausspäh-Skandal um den US-Geheimdienst NSA stark belastet worden.

Von

rtr

Kommentare (24)

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Account gelöscht!

08.01.2014, 16:34 Uhr

lol, rüffeln ist gut.
Da rüffelt die eine Gelddruckmaschine die andere.
Nur mit der richtigen Verteilung haperts, da wird kein Millardär den anderen rüffeln, wozu auch?
Wen mag es eigentlich interessieren ob einige Millarden die den Häuslebauern durch Steuerhinterziehung (waren das nicht Billionen?) Arbeitslosigkeit und "Globalisierung" entzogen worden sind, bei einer Notenbank eingelagert werden und die Verursacher dorthin wandern, wo sie hingehören, in den Knast.
Ob die "Märkte" dann wohl alle zurück zucken, Fabriken schließen, keine Handys mehr verkaufen, und keiner mehr Brot und Autos kaufen will?
Wie schwer muss es sein Spekulanten hinter Gitter zu bekommen?
Rüffeln ... *lol*

mon_yburns@central.banktunnel.eu

08.01.2014, 16:44 Uhr

Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Kommentare sind keine Werbeflächen“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Sarina

08.01.2014, 17:02 Uhr

Warum fragt der Amerikaner nicht einmal, was die Franzosen, die Spanier, die Portugiesen, ... die Gri..... für das Wachstum im Euroraum tun können? Niemand hat in Deutschland etwas dagegen, wenn diese Länder ebenfalls so fleißig, innovativ und qualitativ hochwertig am Weltmarkt agieren - wir halten sie doch nicht davon ab! Nein, statt dessen kompostieren sie vor sich her ....

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