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19.01.2015

08:31 Uhr

Verbraucherpreise

Gefühlte Deflation

Offiziell lag die Inflation in Deutschland im Dezember bei 0,2 Prozent. Doch das Gefühl der Deutschen besagt: Die Preise fallen. Das liegt nicht nur an den günstigen Spritpreisen.

Deflation - wenn alles billiger wird!

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BerlinErstmals seit der Finanzkrise vor fünf Jahren fallen die Preise in der Wahrnehmung der Deutschen - und das kräftig. Die von der Großbank Unicredit ermittelte gefühlte Inflation rutschte im Dezember auf minus 1,2 (November: 0,0) Prozent ab, während die offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes noch einen Preisanstieg von 0,2 Prozent ausweisen.

„Hinter dem stärksten Rückgang seit Oktober 2009 stecken die deutlich billiger gewordenen Kraftstoffe“, sagte der Deutschland-Chefvolkswirt der italienischen Großbank Unicredit, Andreas Rees, am Montag. „Aber auch Lebensmittel sind günstiger geworden.“

Deutsche Konjunktur 2014

Deutsche Wirtschaft trotzt der Katerstimmung

Die deutsche Wirtschaft hat trotz vieler internationaler Krisen 2014 das stärkste Wachstum seit drei Jahren geschafft. Vor allem die Konsumenten sorgten mit ihren Ausgaben für Schwung, aber auch die Firmen wagten wieder mehr Investitionen und exportierten auch spürbar mehr. Im Folgenden eine Übersicht, wie die Konjunktur im Einzelnen lief:

Wirtschaftsleistung

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) gilt als bestes Maß, um die Leistung einer Volkswirtschaft zu messen. Es ist die Summe der im Inland hergestellten Waren und Dienstleistungen. Im vorigen Jahr lag sie bei 2,9 Billionen Euro. Inflationsbereinigt entspricht dies einem Anstieg von 1,5 Prozent zum Vorjahr. Damit kletterte die Wirtschaftskraft rund doppelt so stark wie in der gesamten Euro-Zone, wie der Präsident des Statistischen Bundesamtes, Roderich Egeler, sagte.

Treiber der Wirtschaftsentwicklung

Impulse kamen vor allem vom Produzierenden Gewerbe, den Dienstleistern und der Baubranche. Bei Finanz- und Versicherungsdienstleistern hingegen sackte die Wirtschaftskraft um rund 0,5 Prozent ab. Entscheidender Wachstumsmotor waren die Verbraucher. Sie gaben - dank guter Arbeitsmarktlage, geringer Inflation und niedriger Zinsen - 1,1 Prozent mehr aus als 2013. Damit kurbelte der private Konsum die gesamte Wirtschaft kräftig an. Auch die Investitionen zogen spürbar an. Die Unternehmen gaben für Maschinen, Geräte und Fahrzeuge 3,7 Prozent mehr aus.

Investitionen

Die sogenannte Investitionsquote - also der Anteil von Investitionen am BIP - lag 2014 bei 20 Prozent und verbesserte sich damit kaum. Deutschland steht international in der Kritik, sich mit öffentlichen Investitionen zurückzuhalten.

Arbeitsmarkt

Die Zahl der Beschäftigten kletterte auf 42,7 Millionen und erreichte das achte Jahr in Folge einen neuen Höchststand. Die Zahl der Arbeitslosen sank im Jahresschnitt um 52.000 auf 2,9 Millionen. Dies ist der niedrigste Stand seit 1991.

Einkommen

Das Volkseinkommen - zusammengesetzt aus Arbeitnehmerentgelt und den Unternehmens- und Vermögenseinkommen - stieg insgesamt um 3,6 Prozent auf knapp 2,2 Billionen Euro. Dabei kletterten die Arbeitnehmerbezüge einerseits und die Firmen- und Vermögenseinkommen andererseits fast gleich stark. Die Nettolöhne und -gehälter stiegen insgesamt um 2,4 Prozent und damit etwas weniger als die Bruttolöhne.

Lohnstückkosten

Da die durchschnittlichen Löhne und Gehälter 2014 stärker stiegen als die Arbeitsproduktivität, kletterten die Lohnstückkosten der Unternehmen. Für die Wirtschaft ist dies eine wichtige Kennziffer im internationalen Wettbewerb. Die Lohnstückkosten erhöhten sich um knapp zwei Prozent und damit weniger als in den beiden Vorjahren.

Finanzen

Der deutsche Staat hat 2014 das dritte Jahr in Folge schwarze Zahlen geschrieben. Bund, Länder, Kommunen und Sozialversicherung nahmen zusammen 11,9 Milliarden Euro mehr ein als sie ausgaben. Die Summe entspricht einem Überschuss von 0,4 Prozent des BIP. "Seit der deutschen Vereinigung hat es nur im Jahr 2000 einen höheren Überschuss gegeben", sagte Statistikamt-Chef Egeler. Nur die Länder hätten noch ein Defizit verzeichnet.

Sowohl Benzin und Diesel als auch Nahrungsmittel werden von den Verbrauchern regelmäßig gekauft. Ihnen fallen Preisveränderungen bei dieses Produkten daher viel stärker auf als bei selten gekauften Waren wie Möbel und Computer. Unicredit gibt ihnen daher ein stärkeres Gewicht: In die Berechnung für die gefühlte Inflation fließen die Kraftstoffpreise mit zehn Prozent und Nahrungsmittel mit 27 Prozent ein - im amtlichen Warenkorb hingegen nur mit rund vier beziehungsweise gut zehn Prozent.

„Für die Konjunktur sind das gute Nachrichten“, sagte Rees zum Preisrutsch. „Ein Teil des gesparten Geldes wird zwar sicherlich im Sparstrumpf verschwinden, aber es wird auch mehr ausgegeben. Zusammen mit der Rekordbeschäftigung und steigenden Löhnen sind das sehr gute Voraussetzungen dafür, dass der Konsum auch in diesem Jahr die Wachstumsstütze Nummer eins bleibt.“

Schon 2014 hatten die kauffreudigen Verbraucher die deutsche Wirtschaft gegen internationale Krisen wie den Konflikt mit Russland abgeschirmt. Dadurch wuchs Europas größte Volkswirtschaft um 1,5 Prozent und damit etwa doppelt so stark wie die Euro-Zone insgesamt.

Kraftstoffe wie Benzin und Diesel kosteten im Dezember durchschnittlich 12,1 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Grund dafür ist der Preisrutsch an den internationalen Ölmärkten. Ein Barrel ist derzeit nur noch knapp halb so teuer wie im vergangenen Sommer.

Von

rtr

Kommentare (3)

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Herr richard roehl

19.01.2015, 08:50 Uhr

Sorry aber wie misst man gefühlte Inflation? Ich weiß, das steht im Artikel, aber besser doch, man hätte die Leute mal befragt, denn dann wäre das Ergebnis ein ganz anderes gewesen

Herr Michael Rensler

19.01.2015, 09:25 Uhr

Warum wäre das Gefühl dann ein anderes gewesen?
Für mich sind zumindest Dinge aus dem täglichen Bedarf letztes Jahr nicht teurer geworden.
Gefühlt geht es einen natürlich jedes Jahr schlechter, alles andere wäre auch nicht typisch deutsch :).

Herr Teito Klein

19.01.2015, 10:18 Uhr

Draghi sieht Deflation ante Portas
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Die Inflation sei auf den niedrigsten Stand seit Jahren.
Offiziel soll sie bei 0,2% liegen. Rechntet man den Benzinpreis heraus, liegt sie bei 0,8%.
Draghi will sie auf mindestens 2% herauftreiben. Das ist aber nicht Aufgabe der EZB. Ihre Aufgabe ist es, für Preisstabilität zu sorgen, d.h. eine Inflation von 0,00%.
Eine weitere Aufgabe der EZB ist die Währungsstabilität. Auch das hintertreibt Draghi mit seiner lockeren Geldpolitik und den Ankaufsprogramm von Schrottpapieren (QE).

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