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02.07.2015

19:28 Uhr

Vollbeschäftigung in USA in Sicht

Naht die Zinswende?

Seit Monaten schon rätseln Anleger: Wann wird Fed-Chefin Janet Yellen den US-Leitzins anheben? Die guten Arbeitsmarktdaten aus den USA verleiten Experten zu immer neuen Prognosen: Nun soll es Anfang 2016 so weit sein.

Wann wird Fed-Chefin Janet Yellen die Leitzinsen anheben? AFP

US-Währungshüterin

Wann wird Fed-Chefin Janet Yellen die Leitzinsen anheben?

WashingtonDie US-Wirtschaft nähert sich der Vollbeschäftigung und bereitet damit den Boden für eine Zinswende. Die Arbeitslosenquote fiel im Juni auf 5,3 Prozent und damit auf das niedrigste Niveau seit rund sieben Jahren, wie das Arbeitsministerium am Donnerstag. mitteilte. Die Zahl der neuen Stellen stieg allerdings nur um 223.000 und damit weniger stark als von Experten erwartet. Dass der Zuwachs in den beiden Vormonaten um insgesamt 60.000 Stellen geringer ausfiel als zunächst geschätzt, gilt als weiterer Wermutstropfen: „Doch auch wenn die Job-Zahlen eher durchwachsen sind, wird die Notenbank Federal Reserve die Zinsen wohl im September anheben“, meint Starinvestor und Allianz -Chefwirtschaftsberater Mohamed El-Erian.

Viele Börsenhändler rechnen mittlerweile jedoch erst für Anfang 2016 damit, dass die Notenbanker um Fed-Chefin Janet Yellen die Zinszügel anziehen. Grund zur Skepsis ist, dass der jüngste Rückgang der Arbeitslosenquote einen Haken hat: Denn er signalisiert keinen stärkerer Stellenaufbau. Die Haushaltsumfrage, aus der die Arbeitslosenquote berechnet wird, ergab einen Abbau von 56.000 Stellen: „Das zeigt, dass weniger Personen am Arbeitsmarkt teilnehmen und sich arbeitslos melden“, erläutert Ökonomin Christiane von Berg von der BayernLB. Auch die für die Fed wichtige Lohndynamik enttäuschte nach Ansicht der Ökonomin. So stagnierten die durchschnittlichen Wochenlöhne zum Vormonat. Diese Zahlen deuten somit nicht auf einen steigenden Inflationsdruck hin. Genau diesen wünscht sich die Fed aber, die von der angestrebten Teuerungsrate von 2,0 Prozent zuletzt noch ein gutes Stück entfernt war.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

Obwohl die Wirtschaft zu Jahresbeginn geschrumpft war, hält Fed-Vizechef Stanley Fischer sie mittlerweile für stark genug für eine baldige Zinswende. Der Leitzins liegt in den USA seit dem Höhepunkt der globalen Finanzkrise Ende 2008 auf dem Rekordtief von null bis 0,25 Prozent. Auch wenn die Währungshüter nun mit Macht auf die Zinswende zusteuern, könnte eine Eskalation der Griechenland-Krise einen Kurswechsel erzwingen, meint VP-Bank-Chefvolkswirt Thomas Gitzel: „Sei es, weil der US-Dollar deutlich aufwertet oder weil es zu Verwerfungen an den globalen Finanzmärkten kommt.“

Von

rtr

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