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22.06.2012

10:27 Uhr

Weltwirtschaft

Schlechte Aussichten für die Exporteure

VonDorit Marschall

Die Weltwirtschaft gerät unter Druck. Mehr und mehr leidet die deutsche Industrie unter den Problemen ihrer Absatzmärkte. Vor allem die Industrieunternehmen sind betroffen.

Container im Hamburger Hafen: Die Exporte in die Schwellenländer schwächen sich ab. dapd

Container im Hamburger Hafen: Die Exporte in die Schwellenländer schwächen sich ab.

Die Weltwirtschaft gerät immer mehr unter Druck. Dadurch wird auch die lange Zeit robuste deutsche Wirtschaft immer verwundbarer. Dieses beunruhigende Signal ging gestern von einem international viel beachteten Frühindikator aus: dem Einkaufsmanagerindex, der auf einer monatlichen Umfrage unter rund tausend Unternehmen in Deutschland beruht. Er sank nach vorläufigen Zahlen im Juni von 49,3 auf 48,5 Punkte - und liegt damit auf dem tiefsten Wert seit drei Jahren. Der Teilindex für die Industrie sackte sogar auf 44,7 Punkte ab. Das gab der Informationsdienstleister Markit bekannt.

Die exportorientierte deutsche Wirtschaft hat bisher die Rezession in Südeuropa durch höhere Ausfuhren in Schwellenländer kompensiert, doch nun häufen sich auch dort die schlechten Nachrichten. Der chinesische Einkaufsmanagerindex fiel im Juni auf ein Sieben-Monats-Tief. Die Wirtschaft in Indien und Brasilien schwächt sich deutlich ab.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Auch in den USA bleibt die Erholung schleppend. Die US-Notenbank Fed reduzierte ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr um einen halben Prozentpunkt auf 1,9 bis 2,4 Prozent. Hier fiel der Einkaufsmanagerindex um 1,1 auf 52,9 Punkte und damit auf den schlechtesten Wert seit Juli 2011.

Die Rezession in Europa und die weltweite Konjunkturabkühlung erhöhen den Druck auf die Europäische Zentralbank (EZB). Viele Ökonomen rechnen damit, dass die EZB bei ihrer nächsten Sitzung am 5. Juli die Zinsen senken und womöglich frisches Geld ins Bankensystem schleusen wird.

Immerhin verharrte der Einkaufsmanagerindex für die ganze Euro-Zone im Juni auf dem Dreijahrestief von 46 Punkten. Volkswirte werteten das als kleines Hoffnungszeichen. "Die Unternehmer im Euro-Land sind scheinbar nicht so leicht zu erschüttern", kommentierte Deka-Bank-Ökonom Christian Melzer.

Die Aussichten mögen sich zwar nicht weiter verschlechtert haben, die Zeichen stehen jedoch auf Rezession. "Das ist ein besorgniserregender Abschwung, und er springt von den Peripherieländern auf Deutschland über", warnt Markit-Chefvolkswirt Chris Williamson. "Er wird tiefer und breiter." Er folgert aus den Ergebnissen, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zu Ende gehenden zweiten Quartal im Euro-Raum um 0,6 Prozent geschrumpft sein dürfte. Im ersten Quartal hatte es stagniert.

Zahlen zum deutschen Außenhandel

Exporte insgesamt

1,06 Billionen Euro (+11,4 Prozent)

Exporte in EU-Länder

627 Milliarden Euro (+9,9 Prozent)

Exporte in Drittländer

433 Milliarden Euro (+13,6 Prozent)

Importe insgesamt

902,0 Milliarden Euro (+13,2 Prozent)

Importe aus EU-Ländern

572,6 Milliarden Euro (+13,8 Prozent)

Importe aus Drittländern

329,4 Milliarden Euro (+12,0 Prozent)

Außenhandelsbilanz

Überschuss von 158,1 Milliarden Euro (Vorjahr: 154,9 Mrd Euro)

Die Sorge der Ökonomen ist, dass die Unternehmen aus Angst vor einer weiteren Eskalation der Euro-Krise die Investitionen stoppen. Das sogenannte Investbarometer der staatlichen Förderbank KfW untermauert diese Befürchtungen: Ihm zufolge sind die Investitionen der deutschen Unternehmen im ersten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal gesunken. Die abnehmende Exportdynamik und die Verunsicherung durch die Euro-Krise hätten sich stärker als erwartet ausgewirkt, sagte KfW-Chefvolkswirt Norbert Irsch.

Trotz des schwachen Jahresstarts rechnet die KfW aber für das gesamte Jahr noch mit einem Investitionszuwachs um 1,6 Prozent - nach 7,6 Prozent Zuwachs im vergangenen Jahr.

Das sind die wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt

Platz 1

Hongkong

Platz 2

USA

Platz 3

Schweiz

Platz 4

Singapur

Platz 5

Schweden

Platz 6

Kanada

Platz 7

Taiwan

Platz 8

Norwegen

Platz 9

Deutschland

Platz 10

Katar

Quelle

IMD-„World Competitiveness Ranking“ 2012.

Die Schweizer Business-School IMD veröffentlich seit 1989 jährlich ihr Wettbewerbsranking. Dazu befragen die Wissenschaftler mehr als 4200 internationale Geschäftsleute. Die Länder werden nach über 300 Kriterien bewertet.

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