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20.02.2012

15:23 Uhr

Wie Wirtschaft funktioniert

Tickt in Deutschland eine demografische Zeitbombe?

VonNorbert Häring

Der demografische Wandel ist oft Anlass für Katastrophenszenarien, dabei steigt nicht nur das Durchschnittsalter, sondern auch die Produktivität. Er hat auch eine positive Seite, die meist unbeachtet bleibt.

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buches „So funktioniert die Wirtschaft“ (Haufe). An dieser Stelle erläutert er täglich grundsätzliche Fragen zum wirtschaftlichen Geschehen. Bernd Roselieb für Handelsblatt

Norbert Häring ist Handelsblatt-Korrespondent in Frankfurt und Autor des Buches „So funktioniert die Wirtschaft“ (Haufe). An dieser Stelle erläutert er täglich grundsätzliche Fragen zum wirtschaftlichen Geschehen.

Weil wir immer weniger Kinder in die Welt setzen, schrumpft die deutsche Bevölkerung und wird immer älter. Das wird fast nur mit negativen Ausdrücken belegt wie Demografieproblem oder in der alarmistischen Variante: demografische Zeitbombe. Seit mindestens dreißig Jahren hören wir solche Warnungen, aber bisher ist die Katastrophe ausgeblieben. Es tickt und tickt und tickt immer weiter.

Das hartnäckige Ausbleiben der Katastrophe lässt sich einfach erklären. Es klingt zunächst einmal schlimm, wenn der Anteil der Menschen im erwerbsfähigen Alter bis 2060 von 60 Prozent auf 50 Prozent sinkt, während gleichzeitig der Anteil der über 65-jährigen von einem Fünftel auf ein Drittel steigt. Für die wenigen Aktiven kaum noch zu stemmen?

Der Kontrast mit der Situation bei Einführung der Rentenversicherung Ende des 19. Jahrhunderts ist eindrucksvoll. Ein 50-jähriger Mann erreichte damals im Durchschnitt gerade so das Rentenalter von 70 Jahren. Auch im Jahr 1957, als das heutige Umlageverfahren mit einem Beitragssatz von 14 Prozent eingeführt wurde, war die Rentenbezugszeit noch viel kürzer als heute. Inzwischen läuft diese auf zwanzig Jahre zu, und wir können uns die Rentner immer noch leisten. Neben dem Durchschnittsalter steigt nämlich auch die Produktivität, und zwar schneller als die Lebenserwartung.

Wenn die preisbereinigte Wirtschaftsleistung pro Beschäftigtem aufgrund des Produktivitätsfortschritts in den nächsten 48 Jahren nur um ein bescheidenes Prozent pro Jahr steigt, ergibt das eine Zunahme von 60 Prozent, bei 1,5 Prozent pro Jahr sogar 100 Prozent. Die 50 Prozent Aktiven im Jahr 2060 können dann ohne Mehrarbeit eine Wirtschaftsleistung erbringen, die um ein bis zwei Drittel höher ist als die der heute aktiven 60 Prozent. Weil Arbeitskräfte knapper werden, dürfte zusätzlich die Arbeitslosigkeit sinken und die Erwerbsbeteiligung steigen.

Allein in den letzten zehn Jahren ist die durchschnittliche Lebensarbeitszeit der Deutschen wegen der steigenden Erwerbsbeteiligung von Frauen und der höheren Lebenserwartung um zweieinhalb Jahre auf 34,3 Jahre gestiegen. Der Ausbildungsstand der Arbeitskräfte dürfte sich ebenfalls verbessern.

Wohnen wird billiger, wenn wir weniger werden, allgemein sinken die Überfüllungskosten. Doch der ganz große Gewinn des Geburtenrückgangs in den Industrieländern liegt darin, dass wir eine Chance haben, den Heimatplaneten für unsere Enkel lebenswert zu erhalten. Sieben Milliarden Menschen mit steigendem Energieverbrauch drohen die Klimaerwärmung anzuheizen. Wenn wenigstens die Bevölkerung der Industrieländer mit ihrem weit überdurchschnittlichen Energieverbrauch sinkt, entschärft das die Lage beträchtlich.

Kommentare (10)

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20.02.2012, 16:01 Uhr

Produktivität ist der eine Schlüssel zur sicheren Finanzierung einer gesetzlichen Rente, die Verbreiterung der Basis auf alle Einkommensarten der andere Schlüssel. Dadurch ist eine sichere gesetzliche Altersversorgung auf einem Niveau möglich, welches Altersarmut ausschließt und ein deutlich höheres Versorgungsniveau realisiert, als dies seit den letzten Renten(senkungd)reformen vorgesehen ist.
Leider scheint in der Politik niemand zu begreifen, das wir in 30 Jahren gleichzeitig
- weniger Menschen in Deutschland sind,
- die aufgrund der gestiegene Produktivität
- ein höheres Volkseinkommen erwirtschaften werden.
Ergo: das erwirtschaftete Pro-kopf-Einkommen wird höher liegen als heute. Wenn die Renten in 30 Jahren niedriger sein sollen, so ist dies eine rein verteilungspolitische Entscheidung, keine wirtschaftliche Notwendigkeit wegen demografischer Entwicklungen.
So es denn dem Herrn gefällt, Hirn regnen zu lassen, merken dies dann auch politische Entscheidungsträger.

Steinweg

20.02.2012, 16:22 Uhr

Eine haemische Betrachtung. Wenn man die Aenderung der Abgaben-Rate gerade bei kleinen und mittleren Einkommen i.V.m. der staendigen Weiterverschuldung des Staates bei immer hoeheren Staats-Einkuenften sich vor Augen haelt. Die schaffende Generation braucht sich nur ordentlich einzuschraenke und wenn sie nichts erbt, alle Hoffnung fahren lassen.

vegan

20.02.2012, 16:26 Uhr

Man muss nur alle Nahrungsmittel schön biologisch anbauen und schon verhungern 2/3 der Menschheit und die Elite hat dann deutlich mehr Platz.

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