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08.12.2014

11:42 Uhr

Wirtschaft Japan

Rezession stärker als angenommen

Japan ist tiefer in die Rezession gerutscht als bisher angenommen. Nach einer Anhebung der Mehrwertsteuer schrumpfte die Wirtschaft zwei Quartale in Folge. Regierungschef Abe könnte seine Politik dennoch fortsetzen.

Japans Premier Shinzo Abe kämpft um Zustimmung für seine Wirtschaftspolitik. AFP

Japans Premier Shinzo Abe kämpft um Zustimmung für seine Wirtschaftspolitik.

TokioJapans Wirtschaft ist im dritten Quartal unerwartet tief in die Rezession gerutscht. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der drittgrößten Volkswirtschaft der Welt sank zwischen Juli und September in Folge einer Anhebung der Mehrwertsteuer um eine hochgerechnete Jahresrate von 1,9 Prozent. Dies gab die Regierung am Montag in Tokio bekannt.

Zunächst hatten Statistiker einen Rückgang der Wirtschaftsleistung des Landes um 1,6 Prozent errechnet, nachdem das BIP bereits im Vorquartal geschrumpft war. Viele Ökonomen in Japan hatten mit einer Korrektur nach oben gerechnet. Im laufenden Quartal wird nun ein Anziehen der Konjunktur erwartet.

Die revidierten BIP-Zahlen überschatten den wirtschaftspolitischen Kurs von Ministerpräsident Shinzo Abe. Das Scheitern von „Abenomics“, wie seine Politik genannt wird, sei nun für jeden ersichtlich, hieß es aus der Opposition. Dennoch dürfte Abe die von ihm auf den 14. Dezember vorgezogene Wahl zum mächtigen Unterhaus des Parlaments gewinnen.

Er profitiert davon, dass das Oppositionslager zersplittert und unvorbereitet ist. Jüngsten Umfragen zufolge werden die regierenden Koalitionsparteien ihre bisherige Zwei-Drittel-Mehrheit im Unterhaus verteidigen oder sogar ausbauen können. Abe hatte angesichts des unerwarteten Abrutschens in eine Rezession eine für 2015 geplante weitere Anhebung der Mehrwertsteuer verschoben und zugleich die Neuwahlen ausgerufen.

Das japanische Experiment

Was bedeutet „Abenomics“?

Begrifflich lehnt sich das Konzept an die Wirtschaftspolitik von US-Präsident Ronald Reagan in den 1980er Jahren an („Reaganomics“). Reagan versuchte seinerzeit, mit massiven Steuersenkungen die Wirtschaft anzukurbeln. Das Konzept ging zwar insoweit auf, als das Wachstum anzog. Zugleich gingen aber die Steuereinnahmen stark zurück und die Schulden Amerikas stiegen rapide an.

Ähnliche Gefahren sehen Beobachter für Japan: Das Konzept von Premier Abe zielt darauf ab, mit staatlichen Konjunkturprogrammen und einer von der Notenbank initiierten Geldflut die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Als Wachstumsbremse gelten insbesondere die seit Jahren sinkenden oder zumindest stagnierenden Binnenpreise. Sie halten Verbraucher und Unternehmen von Konsum und Investitionen ab, weil diese ständig auf noch geringere Preise spekulieren.

Was genau machen Staat und Notenbank?

Die Regierung hat Anfang des Jahres ein riesiges Konjunkturpaket aufgelegt, das sich umgerechnet auf weit über 100 Milliarden Euro beläuft. Das Geld soll unter anderem in die öffentliche Infrastruktur fließen, die Regierung erhofft sich davon mehr als eine halbe Million neue Arbeitsplätze. Die Notenbank Japans unterstützt den Kurs mit einer aggressiven Geldpolitik. Japans Notenbankchef Haruhiko Kuroda will die umlaufende Geldmenge mit massiven Wertpapierkäufen bis Ende 2014 verdoppeln. Das soll die Konjunktur beleben und zudem die Wachstumsbremse „Deflation“ lösen.

Wirken die "Abenomics"?

Anfangs ja. Der Binnenkonsum legte zunächst deutlich zu, die für Japan wichtigen Exporte stiegen. Während der höhere private Verbrauch eine Folge der neuen Wirtschaftspolitik sein könnte, haben die Ausfuhren von dem Sinkflug des japanischen Yen profitiert. Doch inzwischen ist der Effekt verpufft. Im dritten Quartal 2014 schrumpfte die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt überraschend um 0,4 Prozent.

Ist das Konzept langfristig tragbar?

Die „Abenomics“ bergen viele Risiken: Konjunkturprogramme kosten Geld. Schon jetzt weist Japan die mit Abstand höchste Staatsverschuldung aller Industrienationen auf. Noch steckt Japan indes nicht in der Falle, weil die Schulden zu einem Großteil von heimischen Banken, Versicherungen und Pensionsfonds finanziert worden sind. Weil deren Vermögen aber begrenzt ist, dürfte das Land immer stärker auf ausländische Geldgeber angewiesen sein. Sollten diese höhere Zinsen verlangen, würden die Schulden Japans weiter steigen - ein Teufelskreis. Darüber hinaus fragt sich, ob die Geldflut der japanischen Notenbank das Wachstum nachhaltig belebt oder sich als Strohfeuer erweist. Zumal der Wachstumsschub über den schwachen Yen zu Lasten anderer Länder geht, weil sich deren Exporte verteuern. Das könnte politische Konflikte provozieren.

Drohen Europa japanische Verhältnisse?

Europa hat ähnliche Probleme wie Japan, etwa hohe Staatsschulden oder eine alternde Bevölkerung. In Ländern wie Spanien, Italien, Portugal oder Griechenland hat man versucht, die Krise mit einer Kombination aus Sparpolitik und Wirtschaftsreformen zu überwinden. Beides aber belastet die konjunkturelle Entwicklung. Eine Reihe von Experten fordert, dass die Europäische Zentralbank Geld drucken soll ähnlich wie die Bank of Japan.

Er sieht jedoch weiterhin eine Mischung aus extrem lockerer Geldpolitik, schuldenfinanzierten Konjunkturspritzen und Reformen als den einzigen Weg aus der Deflation – einer gefährlichen Spirale aus schrumpfenden Preisen und schwachem Wachstum, die Japan seit Jahren zu schaffen macht. Doch selbst die Unternehmen scheinen skeptisch zu sein. Ihre Investitionen gingen im Berichtsquartal stärker zurück als gedacht, nämlich um 0,4 statt 0,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal. Die privaten Konsumausgaben, die in Japan zu rund 60 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes beitragen, stiegen auch nach den revidierten Daten um lediglich 0,4 Prozent.

Für die kommenden Monate sind Ökonomen in Japan jedoch weiterhin etwas optimistischer und rechnen mit einem Wachstum im laufenden sowie im kommenden Quartal. Auch ein Sprecher der Regierung erklärte, die Wirtschaft des Landes bleibe auf einem „moderaten Erholungskurs“.

Von

dpa

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