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11.02.2014

17:55 Uhr

Wirtschaftsprognosen

OECD gesteht Fehler bei Bewertung der Krise ein

Nach eigenem Eingeständnis hat die OECD das Ausmaß der internationalen Wirtschaftskrise unterschätzt. Sie habe zwar die Wachstumsprognosen während der Krise nach unten korrigiert, aber nicht in ausreichendem Maße.

Die OECD unterschätzte vor allem die Auswirkungen der Krise auf Länder, die Ereignissen im Ausland besonders ausgesetzt sind. dpa

Die OECD unterschätzte vor allem die Auswirkungen der Krise auf Länder, die Ereignissen im Ausland besonders ausgesetzt sind.

ParisDie Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat nach eigenem Eingeständnis das Ausmaß der internationalen Wirtschaftskrise in den Jahren von 2007 bis 2012 unterschätzt. Bei Ausbruch der Krise habe sie zwar die Wachstumsprognosen nach unten korrigiert, aber nicht in ausreichendem Maße, schreibt die Organisation in einem am Dienstag in Paris veröffentlichten Bericht zu der Krise. Tatsächlich habe das Wachstum in den von der OECD beobachteten Ländern im fraglichen Zeitraum durchschnittlich 1,4 Prozentpunkte unter den Prognosen gelegen.

Die „größten Fehler“ seien bei den Voraussagen für die angeschlagenen Länder der Euro-Zone gemacht worden, erklärt die OECD, deren Wirtschaftsprognosen zu den weltweit am meisten beachteten gehören. Außerdem sei der für 2010 bis 2012 wiederholt angekündigte Konjunkturaufschwung ausgeblieben.

Unterschätzt wurden dem Bericht zufolge besonders die Auswirkungen der Krise auf Länder, die Ereignissen im Ausland und Erschütterungen anderer Wirtschaftsnationen besonders ausgesetzt sind - entweder wegen einer starken Abhängigkeit vom Außenhandel, oder wegen eines großen Anteils ausländischer Investoren am Kapital ihrer Banken.

So stehen die Euro-Sorgenländer da

Frankreich

Deutschlands wichtigster Handelspartner wächst nicht mehr: Das Bruttoinlandsprodukt schrumpfte im Sommer überraschend um 0,1 Prozent. Die EU-Kommission traut dem Nachbarn nur einen blutleeren Aufschwung zu. 2014 soll es nur zu einem Plus von 0,9 Prozent reichen, was etwa halb so viel ist wie in Deutschland. "Steigende Arbeitslosigkeit und Steuererhöhungen wirken sich negativ auf die Einkommen aus", befürchtet die Kommission, was wiederum den Konsum bremst. Obwohl das Wachstum 2015 auf 1,7 Prozent anziehen soll, dürfte die Arbeitslosenquote bis dahin auf 11,3 Prozent zulegen.

Italien

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Währungsunion schrumpfte im Sommer nun schon das neunte Quartal in Folge und steckt damit in der längsten Rezession seit Ende des Zweiten Weltkrieges. Während die Industrie zulegte, gingen die Geschäfte der Dienstleister und Landwirte zurück. Zwei Rezessionsjahren dürfte eine kraftlose Erholung folgen: 2014 wird ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet, das sich 2015 auf 1,2 Prozent erhöhen soll. Eine steigende Exportnachfrage dürfte die Unternehmen zwar zu mehr Investitionen ermutigen, erwartet die EU-Kommission. Die Arbeitslosenquote soll aber im kommenden Jahr weiter steigen.

Spanien

Die viertgrößte Volkswirtschaft der Euro-Zone hat sich im Sommer aus der Dauer-Rezession befreit. Anziehende Exporte und der boomende Tourismus ließen das Bruttoinlandsprodukt um 0,1 Prozent wachsen. Zuvor war es neun Quartale in Folge geschrumpft. 2014 könnte die spanische Wirtschaft nach zwei Rezessionsjahren in Folge erstmals wieder wachsen. Die EU-Kommission erwartet ein Plus von 0,5 Prozent, das sich 2015 auf 1,7 Prozent erhöhen soll. "Die großen Anpassungen werden die Erholung einschränken", befürchtet die Kommission. Das reicht nicht, um die Arbeitslosigkeit kräftig zu drücken. Die Quote soll von 26,6 Prozent in diesem Jahr lediglich auf 25,3 Prozent im übernächsten Jahr fallen.

Griechenland

Im Frühjahrsquartal – neuere Daten liegen noch nicht vor – ging es um 3,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bergab. Das am schwersten von der Schuldenkrise betroffene Land wird aber für 2014 ein kleines Comeback zugetraut: Das Bruttoinlandsprodukt soll dann erstmals seit sechs Jahren wieder wachsen, wenn auch nur um 0,6 Prozent. Das reicht nicht annähernd aus, um den für 2013 erwarteten Einbruch von 4,0 Prozent auszugleichen. "2015 dürfte die Erholung an Kraft gewinnen, wenn die Investitionen zum Motor der Belebung werden", erwartet die EU-Kommission, die dann mit einem Plus von 2,9 Prozent rechnet. Allerdings bleibt die Arbeitslosigkeit hoch. Sie soll von rund 27 Prozent auf 24 Prozent im Jahr 2015 sinken.

Irland

Von allen Krisenländern steht Irland am besten da. Bereits im Frühjahr wurde die Rezession abgeschüttelt mit einem Wachstum von 0,4 Prozent. 2013 soll die Wirtschaft das dritte Jahr in Folge zulegen, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Das Tempo dürfte sich 2014 auf 1,7 Prozent und 2015 sogar auf 2,5 Prozent beschleunigen. Sowohl Konsum als auch Exporte dürften immer besser in Schwung kommen. Bis 2015 soll die Arbeitslosenquote auf 11,7 Prozent fallen, nachdem sie 2012 noch bei 14,7 Prozent lag.

Portugal

Das kleine Land ist von Juli bis September bereits das zweite Quartal in Folge gewachsen - und zwar um 0,2 Prozent. 2014 soll nach drei Minus-Jahren wieder ein Plus folgen: Dann dürfte ein Wachstum von 0,8 Prozent herausspringen, das sich 2015 auf 1,5 Prozent nahezu verdoppeln soll. "Die Exporte sind der Wachstumstreiber, während die Binnennachfrage 2014 wieder anziehen wird", prophezeit die EU-Kommission. 2015 soll die Arbeitslosenquote mit 17,3 Prozent einen Tick unter den diesjährigen Wert fallen.

Zypern

Der Inselstaat steckt noch mitten im Abschwung: Im dritten Quartal 2013 brach die Wirtschaftsleistung mit 0,8 Prozent so stark ein wie in keinem anderen Euro-Land. Um 8,7 Prozent soll das Bruttoinlandsprodukt im gesamten Jahr 2013 zurückgehen. 2014 wird ein weiteres Minus von 3,9 Prozent erwartet. "Die zyprische Volkswirtschaft sieht sich starkem Gegenwind ausgesetzt", so die Kommission. Sowohl der Konsum als auch die Exporte dürften sinken. Erst 2015 wird wieder mit einem Wachstum gerechnet, das aber mit 1,1 Prozent dünn ausfallen soll. Die Arbeitslosenquote dürfte 2014 auf 19,2 Prozent hochschnellen und erst 2015 wieder leicht auf 18,4 Prozent nachgeben.

Insgesamt sei bei den Prognosen die wachsende Globalisierung der Realwirtschaft und des Finanzsektors nicht ausreichend beachtet worden, räumt die OECD in dem Bericht mit dem Titel „post mortem“ ein. Dadurch sei etwa die Auswirkung der Probleme im Bankensektor oder der Zinsänderungen auf dem Schuldenmarkt unterschätzt worden.

Mittlerweile schenkten alle Institutionen, die Wirtschaftsprognosen erstellen, den Fluktuationen auf dem Geldmarkt mehr Aufmerksamkeit, versichert die Organisation. Sie hätten zur Kenntnis genommen, dass die gegenseitige Abhängigkeit zwischen den Märkten, der Realwirtschaft und der Stimmung unter den Akteuren in der Wirtschaft stärker sei als früher angenommen.

Heute stützt sich die OECD nach eigenen Angaben mehr als früher auf „empirische Daten“, die sie bei ihren Kontakten mit Unternehmen sammele. Diese Daten könnten zur Frühwarnung hinsichtlich der wirtschaftlichen Aktivität dienen. Der in Paris ansässigen Organisationen gehören derzeit 34 Länder an.

Von

afp

Kommentare (1)

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Account gelöscht!

12.02.2014, 15:24 Uhr

OECD gesteht Fehler bei Bewertung der Krise ein.
Ich dachte immer, diese Organisation hat die Weisheit mit Löffeln gefressen! Als auch ihr darf man nichts mehr glauben.
Ich hoffe nur, unser allseits geschätzte Herr Finanzminister Schäuble hat dies auch zur Kenntnis genommen.
Alle seine Einschätzungen basieren auf den Meldungen der OECD und anderer, und somit alle falsch.

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