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25.07.2012

10:36 Uhr

Wirtschaftsstimmung

Ifo-Geschäftsklima fällt zum dritten Mal in Folge

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft wird immer schlechter. Der Ifo-Geschäftsklima-Index ist zum dritten Mal in Folge gefallen - und das auf den tiefsten Stand in mehr als zwei Jahren.

Ifo-Index: Trübe Stimmung in der Wirtschaft

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MünchenDer Ifo-Geschäftsklima-Index ist im Juli den dritten Monat in Folge von 105,2 auf 103.3 Punkte gefallen und hat damit den tiefsten Stand in mehr als zwei Jahren erreicht, wie das Ifo-Institut am Mittwoch in München mitteilte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Ökonomen hatten mit einem Rückgang auf 104,7 Punkte gerechnet.
Sowohl die aktuelle Lage als auch die Aussichten für das kommende halbe Jahr werden von den Unternehmen schlechter bewerten als zuletzt. Die Zuspitzung der Euro-Schuldenkrise und die Abkühlung der Weltwirtschaft belasteten die Unternehmen. Sowohl bei der aktuellen Geschäftslage als auch bei den Aussichten erwarten Volkswirte einen Dämpfer. "Die Eurokrise belastet zunehmend die Konjunktur in Deutschland", erklärte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn.

In der Industrie hat sich das Geschäftsklima stark eingetrübt. Besonders die aktuelle Geschäftslage wird von den Unternehmen erheblich ungünstiger eingeschätzt. „Die Kapazitäten werden von den Unternehmen klar weniger ausgelastet“, sagte Sinn.

Auch im Großhandel und auf dem Bau trübte sich die Stimmung ein. Einziger Lichtblick im Juli war der Einzelhandel. Hier stieg das Geschäftsklima weiter - die Kaufleute beurteilten sowohl ihre Lage als auch die Aussichten besser als im Vormonat.

Der Teilindex zur Bewertung der Geschäftslage fiel von 113,9 auf 111,6 Punkte. Der Teilindex für die Bewertung der Erwartungen im kommenden halben Jahr fiel von 97,2 auf 95,5 Punkte.

Die größten Inflationsrisiken für Deutschland

Lohn-Preis-Spirale

Wegen der guten Konjunktur haben die Gewerkschaften kräftige Lohnerhöhungen durchgesetzt: Die Chemie-Beschäftigten bekommen 4,5 Prozent, die Metaller 4,3 Prozent mehr Geld, mit einer Laufzeit von rund einem Jahr. Die Beschäftigten bei Bund und Kommunen handelten ein Plus von 6,3 Prozent für zwei Jahre aus. Unternehmen und Staat werden versuchen, die höheren Personalkosten aufzufangen, indem sie ihre Preise beziehungsweise Gebühren und Abgaben anheben. Verteuert sich die Lebenshaltung dadurch merklich, werden die Gewerkschaften in der nächsten Lohnrunde einen Ausgleich verlangen. Es droht eine Spirale, bei der sich Löhne und Preise gegenseitig nach oben schaukeln.

Lockere EZB-Geldpolitik

Bei ersten Anzeichen für eine Lohn-Preis-Spirale müsste die EZB ihre Zinsen anheben. Mit teurerem Geld kann sie Konsum und Investitionen drosseln, was die Nachfrage und damit den Preisauftrieb dämpfen könnte. Aus Rücksicht auf die schwere Wirtschaftskrise in Ländern wie Spanien wird die Zentralbank ihren Leitzins aber wohl noch längere Zeit auf dem Rekordtief von einem Prozent lassen - oder sogar weiter senken. Die extrem niedrigen Zinsen aber können den Konsum im prosperierenden Deutschland weiter befeuern und die Preise anheizen.

Schwacher Euro

Wegen der eskalierenden Schuldenkrise steht der Euro unter Abwertungsdruck. Mit rund 1,25 Dollar ist er so billig wie seit Sommer 2010 nicht mehr. Das Problem: Deutschland als rohstoffarmes Land muss Öl, Metalle und andere Materialien im Ausland kaufen. Auf dem Weltmärkten werden die Rohstoffe überwiegend in Dollar abgerechnet. Ein schwächerer Euro macht damit deutsche Importe teurer.

Enorme Liquidität

Zusätzliche Gefahren gehen von der Politik der Europäischen Zentralbank aus, den Finanzhäusern billiges Geld in Hülle und Fülle zur Verfügung zu stellen. Allein Ende 2011 und Anfang 2012 hat sie mehr als eine Billion Euro zum Zins von aktuell einem Prozent für drei Jahre in den Finanzsektor gepumpt. Zieht die Kreditvergabe an die Unternehmen erst einmal an, kann das viele Geld schnell in Inflation münden.

Für die Erhebung befragt das Ifo-Institut monatlich etwa 7.000 Firmen. Der Indikator des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) fiel von Juni bis Juli um 2,7 Punkte auf minus 19,6 Punkte zurück. “Sollte die Währungsunion zusammenbrechen, dann kann auch der starke Arbeitsmarkt die Wirtschaft in Deutschland nicht mehr retten”, sagte Ökonom Alexander Koch von der UniCredit Group in München. Derzeit sei die Wirtschaftsentwicklung nicht sehr unsicher, aber es komme auf den Fortgang der Krise an, sagte er. In den letzten vier Monaten hatte der Leitindex DAX zehn Prozent verloren.

Die deutschen Unternehmen bekämen nicht nur die Euro-Schuldenkrise zu spüren, heißt es in einem Ausblick der Dekabank. Auch viele globale Frühindikatoren gingen nach unten und zeigten, dass das Sicherheitsnetz der deutschen Firmen „löchriger geworden ist“. Commerzbank und Postbank rechnen ebenfalls mit einem trüberen Geschäftsklima. Immerhin sei die derzeitige Lage der deutschen Unternehmen aber noch „auf einem recht hohen Niveau“, hieß es bei der Postbank.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Moody's Investors Service hatte erst in der Nacht zum Dienstag den Rating-Ausblick für Deutschland auf “negativ” nach unten korrigiert. Das heißt, eine mögliche Abstufung der Bonitätsnoten rückt näher. Zur Begründung verwies auch die Ratingagentur auf die steigende Unsicherheit bei der europäischen Staatsschuldenkrise.

Das sind die wettbewerbsfähigsten Volkswirtschaften der Welt

Platz 1

Hongkong

Platz 2

USA

Platz 3

Schweiz

Platz 4

Singapur

Platz 5

Schweden

Platz 6

Kanada

Platz 7

Taiwan

Platz 8

Norwegen

Platz 9

Deutschland

Platz 10

Katar

Quelle

IMD-„World Competitiveness Ranking“ 2012.

Die Schweizer Business-School IMD veröffentlich seit 1989 jährlich ihr Wettbewerbsranking. Dazu befragen die Wissenschaftler mehr als 4200 internationale Geschäftsleute. Die Länder werden nach über 300 Kriterien bewertet.

















Kommentare (13)

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JohannesKirk

25.07.2012, 10:38 Uhr

Wie das Zitat von Sinn weitergehen könnte: "Die Eurokrise belastet zunehmend die Konjunktur in Deutschland", erklärte Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn."

Fiktive Fortsetzung: "Und ich wirke daran kräftig mit."

Ist das ein Wunder, wenn von diversen Gruppierungen alles nur noch schlecht geredet, und an einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung gearbeitet wird?

Die Wirtschaft basiert 'auch' auf viel Psychologie, und wenn alle nur schwarz sehen, wird sich über kurz oder lang auch schwarz einstellen.

Ludwig500

25.07.2012, 11:21 Uhr

Zum Ausgleich gibt es die Stellungnahme von Soros´ Auftragsökonomen. Oder wollen Sie mir erklären, dass die objektiv sind?

Account gelöscht!

25.07.2012, 11:33 Uhr

Das Problem ist so ziemlich ähnlich der Presselandschaft. Schlechte Nachrichten bringen mehr Leser. Leser bringen Geld, und je mehr selbsternannte Experten man zu Wort kommen läßt, die speziell das deutsche Sicherheitsbedürfnis berühren, umso mehr Leser. Angst ist wichtig, aber nie ein guter Ratgeber.
Angst tunnelt auf bestimmte Sichtweisen, und das kann man gut steuern. Und wer am meisten zu verlieren hat, hat die meiste Angst. Wer hat am meisten zu verlieren? Die mit dem dicksten Konto, mit den vermeintlich dicksten Ideen, und seien sie noch so kriminell, Hauptsache man erreicht sein Ziel, Geld. Die Masse selbst hat diese Möglichkeiten kaum, zumindest deutlich weniger. Und wenn, gibt es ja noch die Notstandsgesetze.
Wir haben ein Verteilungsproblem, kein Schuldenproblem, die könnten mit "Schnipp Schnapp" und gutem Willen schon lange beseitigt sein. Denn je mehr Schulden, umso mehr verdienen die Leute, die sowieso schon gut gepolstert sind.
Je mehr man die Angst um den Arbeitsplatz und um das Häuschen schürt, je korrupter können Politik und Finanzwirtschaft agieren. Weltweit im übrigen, Deutschland ist da auch nur ein Mosaikstein im Gefüge.
Wäre alles "gerecht" verteilt, gäbe es keine Schwellenländer, aber sicher weniger Leute die 32 Billionen irgendwo bunkern können, und andere verhungern oder werden systematisch vergiftet.

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