Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2011

15:15 Uhr

Wirtschaftswachstum 2012

Bundesregierung vor drastischer Senkung der Wachstumsprognose

Nachdem die Wirtschaftsforschungsinstitute ihre Erwartungen für 2012 reihenweise nach unten korrigiert haben, zieht jetzt die Bundesregierung nach. Ihre neue Prognose soll von deutlich niedrigerem Wachstum ausgehen.

Die Schornsteine einer Chemiefabrik. dpa

Die Schornsteine einer Chemiefabrik.

BerlinDie Bundesregierung steht vor einer kräftigen Senkung ihrer Wachstumsprognose für das kommende Jahr. „Wir liegen im Wesentlichen auf der Linie der Institute“, sagte ein mit den Zahlen vertrauter Regierungsvertreter der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag. Diese hatten ihre Prognose vergangene Woche drastisch von 2,0 auf 0,8 Prozent gesenkt. Von dieser Zahl werde die Bundesregierung nur geringfügig abweichen, hieß es. Die neue Prognose wird offiziell am Donnerstag vorgestellt und bildet die Basis für die Steuerschätzung im November.

Die Regierung geht bislang von einem Wachstum von 1,8 Prozent aus. Für dieses Jahr erwartet sie bisher 2,6 Prozent, die Institute rechnen mit 2,9 Prozent. Wegen der Schuldenkrise schätzen Börsenexperten die Aussichten für die deutsche Wirtschaft inzwischen so pessimistisch ein wie seit Beginn der weltweiten Finanzkrise vor drei Jahren nicht mehr.

Das Barometer für die ZEW-Konjunkturerwartungen fiel im Oktober unerwartet deutlich um 5,0 auf minus 48,3 Punkte und damit den achten Monat in Folge. „Ein noch niedrigerer Wert wurde zuletzt im November 2008 verzeichnet“, teilte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) zu seiner Umfrage unter 300 Anlegern und Analysten mit. Damals hatte die Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers eine globale Rezession ausgelöst.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

Die Börsenexperten sorgen sich dem ZEW zufolge darum, „dass die schwelende Staatsschuldenkrise deutsche Unternehmen und Konsumenten dazu veranlassen könnte, Investitionen und Konsumausgaben aufzuschieben“. Auch die aktuelle Lage wurde deshalb schlechter bewertet. Die als Rückgrat der Wirtschaft geltenden Maschinenbauer dringen deshalb auf eine rasche Lösung der Schuldenkrise.

„Ein stabiler und verlässlicher Euro ist für uns als Exportindustrie essenziell“, sagte der Präsident des Branchenverbandes VDMA, Thomas Lindner. „Wir brauchen einen klaren Masterplan, was wann und wie passiert.“ Die Unternehmen sähen die Kapriolen an den Finanzmärkten mit Sorge, erklärte der VDMA-Chef. „Es wäre schon tragisch, wenn die Realwirtschaft, die das letzte Mal Opfer der Verschuldungs- und Finanzkrise war, noch einmal im Höhenflug gestoppt würde.“ Die Gefahr einer Ansteckung sei durchaus gegeben.

Die Bundesregierung sieht aber keinen Anlass für Schwarzmalerei. „Der deutsche Aufschwung ist nach wie vor intakt“, sagte Wirtschaftsstaatssekretär Bernhard Heitzer. Allerdings spüre die exportabhängige Industrie Gegenwind, weil die Weltkonjunktur einen Gang zurückgeschaltet habe. Das merkt auch Exportweltmeister China: Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt wuchs im dritten Quartal mit 9,1 Prozent so langsam wie seit über zwei Jahren nicht mehr. Die Konjunktur kühlte sich damit bereits das dritte Quartal in Folge ab.

Experten zufolge steht die deutsche Wirtschaft vor einem schwierigen Winter. „Wir werden kaum über Stagnation hinauskommen“, sagte Postbank-Ökonom Heinrich Bayer. Allerdings sei die Stimmung derzeit schlechter als die tatsächliche Lage. „Die Konjunkturdelle wird deshalb nicht in eine Rezession münden“, sagte der Experte.

Von Reuters befragte Analysten erwarten für das vierte Quartal nur ein Mini-Wachstum von 0,1 Prozent. Zum Jahresauftakt 2012 wird es demnach mit 0,2 Prozent nur einen Tick stärker ausfallen.

Von

rtr

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Liberoo

18.10.2011, 16:31 Uhr

Ganz großes Kino! Wie fast bei jedem dieser monatlichen Spielchen hätte ich auch genau das gleiche aus der Hüfte geschossen.

Arbeitet lieber an zukunftsfähigen Modellen um dem Volke zu dienen als die Prognosen der sogenannten Experten nachzuquasseln, liebe Abgeordnete.

Account gelöscht!

18.10.2011, 16:59 Uhr

Dieser Aussage ist nichts hinzuzufügen.
Danke

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×