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28.01.2009

07:01 Uhr

Wirtschaftsweisen

Ein Handballer im Olymp der Ökonomen

VonDorit Marschall

Christoph Schmidt ist ein echter Störenfried - jedenfalls im Adenauer'schen Sinn: "Erhard, woll'n Se sich 'ne Laus in'n Pelz setzen?" hatte der ehemalige Bundeskanzler seinen Wirtschaftsminister 1963 warnend gefragt, als dieser die Schaffung eines Sachverständigenrats vorschlug.

Der neue Wirtschaftsweise: Prof Christoph Schmidt, Präsident des RWI in Essen. Foto: PR Ulrich Baatz

Der neue Wirtschaftsweise: Prof Christoph Schmidt, Präsident des RWI in Essen. Foto: PR

FRANKFURT. Schmidt, damals noch ein Kind, gehört ab März dem inzwischen längst etablierten ökonomischen Beratergremium an. Dabei wird sich der Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) nicht scheuen, gegenüber der Bundesregierung auch unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Schließlich ist eine der großen Stärken des Ökonomen, die Folgen wirtschaftspolitischer Entscheidungen mit Hilfe möglichst detaillierter Daten zu untersuchen. Schnelle und vor allem ideologiegestützte Prognosen sind seine Sache nicht.

Schmidt ersetzt im "Rat der Weisen" Bert Rürup, der als neuer Chefvolkswirt zum Finanzdienstleister AWD wechselt. Seine künftigen Kollegen im Kreis der Sachverständigen sind Beatrice Weder di Mauro, Wolfgang Franz, Wolfgang Wiegard und Peter Bofinger, dessen Amtszeit das Kabinett gerade um weitere fünf Jahre verlängert hat.

Vor allem das Bundeswirtschaftsministerium soll sich für Schmidt ausgesprochen haben, ist aus Regierungskreisen zu hören. Unter den Weisen selbst dürfte die Ernennung für etwas Unruhe sorgen. Denn in Schmidts breitem Kompetenzfeld gehört die Arbeitsmarktanalyse zu einem seiner Steckenpferde. Dieses Thema wird aber bislang vor allem von Franz beackert. Das Terrain muss daher neu abgesteckt werden.

Mit der Berufung in den Olymp der Ökonomen gelingt Schmidt noch einmal, was er schon 2002 mit seinem Sprung an die Spitze des RWI geschafft hatte. Als er damals Präsident der kleinen Essener Denkfabrik wurde, hatte ihn zunächst keiner auf der Rechnung. Mit einem Doktortitel der Eliteuniversität Princeton war der damals 40-Jährige zwar in der akademischen Szene anerkannt, in der wirtschaftspolitischen Beratung aber ein unbeschriebenes Blatt. "In der Zwischenzeit habe ich mich sehr verändert", sagt er dem Handelsblatt. Sein Ziel sei es immer mehr, Forschung und wissenschaftliche Beratung miteinander zu vereinen.

Wer Schmidts Laufbahn verfolgt, findet hierfür einige Beispiele. Die Nähe zur Politik ist ihm wichtig. Auch gestern tummelte sich das designierte Ratsmitglied in Berlin, um im Bundesministerium für Bildung und Forschung ein Konzept zur Evaluierung des Spitzencluster-Programms vorzustellen.

Was bringt etwas, was nicht? Diese Frage treibt Schmidt um, da scheut er keinen Streit. So schaltete er sich beispielsweise in die Debatte über Mindestlöhne ein, indem er den Autoren einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung einen "gewaltigen Denkfehler" vorwarf. Das strenge Urteil: große methodische Schwächen und ein Aussagegehalt nahe null.

Penibel in der Sache, konsequent in der Umsetzung - so kennt man Schmidt. "Er ist jemand, der sehr genau weiß, was er will", heißt es in Essen. Als er dort seinen neuen Posten als Institutspräsident antrat, blieb beim RWI kein Stein mehr auf dem anderen - und längst nicht alle Forscher an ihren bis dahin angestammten Plätzen.

"Ohne gesundes Ego kann man ein solches Haus kaum leiten", sagen Schmidts Kollegen in Essen. Manchmal sei der Chef etwas "übereuphorisch". Die Zusammenarbeit aber sei überaus kollegial.

Als Handballer weiß Schmidt, dass Erfolg nur im Team zu haben ist. Als er das Institut völlig umkrempelte, löste er das Haus von alten, hierarchischen Strukturen und schaffte kleine, flexible Arbeitsgruppen, die themenspezifisch und fachübergreifend arbeiten. Insofern mag Schmidt sich zwar als Laus im Berliner Pelz entpuppen - aber im positiven Sinne.

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