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28.05.2012

14:31 Uhr

Wirtschaftsweiser Feld

„Typisches Lamentieren“

VonLars P. Feld

Thilo Sarrazin scheut in seinem neuen Buch steile Thesen nicht. Er verdammt die gesamte Rettungspolitik der Europäer der letzten beiden Jahre. Hat er recht mit seiner Kritik? Nein.

Der Wirtschaftsweise Lars Feld. PR

Der Wirtschaftsweise Lars Feld.

FreiburgEr hat es wieder getan. Dieses Mal schreibt Thilo Sarrazin gegen die seines Erachtens unsinnige Rettungspolitik in der Euro-Zone an. Und erneut scheut er steile Thesen nicht. Weder Deutschland noch der Rest der Euro-Zone hätten vom Euro profitiert. Daher sei er für die europäische Integration nicht zwingend erforderlich. Den Euro deswegen gleich abschaffen will Sarrazin zwar nicht. Aber er verdammt die gesamte Rettungspolitik der Europäer der vergangenen beiden Jahre.

Trotz der im Buch enthaltenen Provokationen empfiehlt es sich, in der Auseinandersetzung mit einer solch kenntnisreichen Analyse, wie Sarrazin sie hier vorlegt, sachlich und nüchtern zu bleiben und die vorgebrachten Argumente in Ruhe zu wägen. Dabei müssen zwei zentrale Fragen beantwortet werden: Ist Sarrazins Analyse der verfehlten Rettungspolitik und der ökonomischen Sinnhaftigkeit der Europäischen Währungsunion richtig? Welche alternativen Lösungswege zeigt Thilo Sarrazin auf?

Gastkommentar: Sarrazin provoziert Eskalation der Euro-Krise

Gastkommentar

Sarrazin provoziert Eskalation der Euro-Krise

Thilo Sarrazin verbreitet mit seinem Anti-Euro-Buch falsche Botschaften. Damit trägt er in der gegenwärtigen krisenhaften Situation zu möglicherweise verheerenden ökonomischen und politischen Entscheidungen bei.

Sarrazins Argumente und empirische Belege können leider nicht überzeugen. Dies gilt für die Behauptung, Deutschland habe vom Euro nicht profitiert und die hochverschuldeten Länder hätten sogar Nachteile. Aus der schlichten Betrachtung der Zuwachsraten des Bruttoinlandsprodukts, der Beschäftigungsentwicklung und der Entwicklung des Außenhandels leitet Sarrazin ab, Europa brauche den Euro nicht. Eine echte empirische Untersuchung müsste hingegen die anderen Einflussfaktoren dieser Größen berücksichtigen.

Es wäre falsch, das mäßige Wirtschaftswachstum in Deutschland in der letzten Dekade dem Euro anzukreiden. Deutschland war der "kranke Mann Europas" wegen einer über Jahrzehnte andauernden falschen Arbeitsmarktpolitik. Nach deren Korrektur steht Deutschland wieder besser da. Umfassende empirische Analysen stellen hingegen statistisch signifikante und ökonomisch bedeutsame Effekte von Währungsunionen auf den Außenhandel der beteiligten Länder fest, wenngleich die geschätzte Größenordnung des Effekts hinter den Hoffnungen der Europäischen Kommission zurückbleibt.

Die entscheidende Frage für die Bedeutung des Euros stellt Sarrazin erst gar nicht: Was würde Deutschland der Austritt aus der Euro-Zone, das Auseinanderbrechen der Europäischen Währungsunion kosten? Die fortgeschrittene Integration seit der Entstehung der Währungsunion bringt es mit sich, dass eine Vielzahl von Verträgen in Euro denominiert und lang- oder mittelfristig abgeschlossen ist. Diese Verträge gerieten bei einem Zusammenbruch der Euro-Zone in einen Schwebezustand.

Es wäre unklar, in welcher Währung und mit welchen Wechselkursen sie abzuwickeln wären. Es entstünden erhebliche Kosten gerade für den Mittelstand, die nicht selten zu Pleiten führten. Ähnliches lässt sich zu den Aufwertungsrisiken für die deutsche Wirtschaft sagen. Ein allmählicher Aufwertungsdruck, wie ihn die Schweiz über Jahrzehnte erlebt hat, verkraftet die Exportwirtschaft, abrupte Aufwertungen mit massivem Überschießen, wie in der Schweiz im vergangenen Jahr, sind jedoch so desaströs, dass selbst die vorsichtigen Eidgenossen ihren Franken an den Euro banden.

Kommentar: Provokation statt Analyse

Kommentar

Provokation statt Analyse

Thilo Sarrazin hat es wieder geschafft: Er beherrscht die Debatte – dieses mal die über den Euro. Das gelingt ihm, indem er die Beziehung zum Holocaust herstellt. Der Skandal überlagert die überfällige Debatte. Leider.

Was die Schweiz im vergangenen Jahr erlebt hat, stünde der deutschen Exportwirtschaft ohne den Euro sogar in stärkerem Maße bevor. Es ist also nicht die Verpflichtung Deutschlands, seine internationalen Vertragsverpflichtungen einzuhalten, weswegen die Bundesregierung nicht aus der Euro-Zone austreten sollte. Es wäre schlicht zu teuer - und es wäre teurer als die bisherige Rettungspolitik.

Kommentare (12)

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Radiputz

28.05.2012, 15:58 Uhr

Schon die herabsetzende Wortwahl des Herrn Feld, "provozieren, lamentieren", zeigt dass es Herrn Feld nicht auf eine rein sachliche Erwiderung auf Herrn Sarrazin ankommt, sondern er etwas anderes im Sinn hat. Schade, ein Wissenschaftler sollte sich nicht derartiger Mittel und Methoden bedienen, sondern eine Sprache bevorzugen, die der Problmatik angemessen und dienlich ist.

Dr.NorbertLeineweber

28.05.2012, 16:00 Uhr

Sehr geehrter Herr Professor Feld, ich habe auf Basis der reinen ordnungspolitischen Lehre den Untergang des Euro in einer Schulden- und Inflationsgemeinschaft 1993 veröffentlicht. Hrsg. Prof. Norbert Walter

1) Waren Sie wissenschaftstheoretisch 1993 auf den gleichen Stand?
2) Waren Sie 1994 wissenschaftstheoretisch auf dem gleichen Stand ....
.....
Bis 2001) Waren Sie wissenschaftstheoretisch auf dem gleichen Stand? ....

Mit wieviel zeitlichem Rückstand im Vergleich zu mir und dem Chef der Schweizer Nationalbank (gleiches Jahr 1993) haben Sie das Problem Eurozone erkannt?
Welche wissenschaftlichen Ansätze und Politikmaßnahmen haben Sie vorgeschlagen und veröffentlicht, um das Zerbrechen der Eurozone zu verhindern?

"Man braucht kein großer Prophet zu sein, um vorauszusehen, dass bei all den sich abzeichnenden Programmen zur Vernichtung, Pardon: der Transformation privater Ersparnisse in öffentlich Konsumausgaben der nächste weltweite Aufschwung vergleichsweise kümmerlich ausfallen muss. Und wenn es dann nicht gelingt die Ruder herumzuwerfen, laufen wir Gefahr den in den letzten Jahrzehnten auf die Zukunft gezogenen Wechsel begeichen zu müssen, nicht nur von Form von Wachstumseinbußen."(Zerstört der Staat die Marktwirtscshaft?, in: Weniger Staat Mehr Markt - Wege aus der Krise).

Herr Prof. Feld, wo ist Ihr Beitrag?
Wo sind Ihre diesbezüglichen Veröffentlichungen, wobei ich schon 2004 meine Studenten vor Staatsbankrotten gewarnt habe.

Ein Antwort ist höflichst erbeten.

radirk

28.05.2012, 16:11 Uhr

Warum kein Vorschlag von Sarrazin? Weil auch er nicht weiß, wie es weitergehen kann.
Der Sachverständigenrat kommt nach Jahren mit eine "temporären (sic) Vergemeinschaftung" der Schulden um die Ecke. Bravo!
Wo wir doch alle wissen, dass im Eurokraten-Neusprech alle semantischen Dämme gebrochen sind:
3% bedeutet 9%
60% bedeutet 180%
Stabiliät bedeutet Wachstums-Blütenträume
Bürgschaften bedeutet verlorene Zuschüsse
Demokratie bedeutet Technokraten-Diktatur
usw.
Und nicht zuletzt bedeutet "temporär" nichts anderes als "permanent".
Denn wo gab es denn auch nur ein einzigen Beispiel, wo sich der Staat nach Jahren der Alimentierung der Wirtschaft erfolgreich zurückgezogen hat?
Ich ziehe Sarrazins Nichtvorschläge den unausgegorenen Vorschlägen einiger sog. Wirschaftsweiser (ist heutzutage auch ein Lacher) vor, die nichts mit der Realität zu tun haben und sowieso unter die Räder der europäischen Sachzwänge geraten und so wiedereinmal in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Wo wir wieder beim Euro sind: Erdacht, um Wohlstand und Frieden zu schaffen, schafft er in der Realität Zwietracht und Massenarmut in Europa.
P.S. Das völlig sachfremde Totschlagargument "typisch deutsches Wasauchimmer" ist einer Einlassung nicht würdig.

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