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20.02.2013

07:50 Uhr

Wolfgang Franz

Chef der Wirtschaftsweisen kritisiert EZB-Krisenpolitik

Einen „sehr gefährlichen Weg“: So nennt der Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, den Kurs der Europäischen Zentralbank. Er warnt, dass die Schuldenkrise nicht überstanden sei.

Der Chef der Wirtschaftsweisen nimmt die EZB ins Visier. dapd

Der Chef der Wirtschaftsweisen nimmt die EZB ins Visier.

BerlinDer Chef der Wirtschaftsweisen, Wolfgang Franz, hat den Kurs der Europäische Zentralbank (EZB) in der Euro-Schuldenkrise kritisiert. „Sie begibt sich damit auf einen sehr gefährlichen Weg und wir raten dringend, dass sie diesen Weg so schnell wie möglich wieder verlässt“, sagte der scheidende Vorsitzende des Sachverständigenrates in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

„Genau das wollten wir vom Sachverständigenrat nicht - dass die EZB quasi die Staatsverschuldung einiger Länder finanziert“, sagte Franz. Die EZB hatte im vergangenen Jahr angekündigt, notfalls in unbegrenztem Umfang Staatsanleihen von angeschlagenen Euro-Ländern aufzukaufen.

50 Jahre Sachverständigenrat

1963

Der Deutsche Bundestag verabschiedet einstimmig in einer Sitzung am 26. Juni 1963 das Gesetz über die Bildung eines Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung (SVRG), am 12. August 1963 wir es verkündet.

1964

Die ersten fünf Mitglieder des Rates, die der Bundespräsident auf Vorschlag der Bundesregierung beruft, treffen sich am 28. Februar 1964 zu ihrer ersten Ratssitzung und legen am 15. November 1964 ihre erstes Jahresgutachten mit dem Titel „Stabiles Geld- Stetiges Wachstum“ vor Herbert Giersch prägt in der Anfangsphase die Struktur der Gutachten, die fast vier Jahrzehnte Bestand haben wird.

Ender der 60erJahre/Anfang der 80er Jahre

Der Rat ist auf dem Gipfel des Ansehens, die Gutachten gelten al „Bibel“. Allein in den Jahren 1967 bis 1975 veröffentlicht das Gremium zusätzlich zu den Jahresgutachten zehn Sondergutachten. Als das Weltwährungssystem Ender der 60 er Jahre in einer schweren Krise steckt, plädieren die Wirtschaftsweisen für eine Aufwertung der DM. In dieser Phase prägt da Gremium Olaf Sievert, der 16 Jahre dem Rat angehört, davon zehn Jahre als Vorsitzender.

1990

Im Februar schreiben die Wirtschaftsweisen dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, der mit der „Deutschen Einheit“ auch wirtschaftspolitisch vor einer enormen Herausforderung steht, ein Brandbrief, in dem sie eine schnelle Preisreform fordern. Zu den Autoren zählen Otmar Issing, später der erste Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank.

2000 bis 2002

In den Rat werden mit Bert Rürup, dem späteren Bundesbank-Chef Axel Weber und Wolfgang Wiegard drei Spezialisten für bestimmte Themenfelder in den Rat berufen, der lange von Generalisten geprägt war.

2002/2003

Der Rat legt sein Jahresgutachten „Zwanzig Punkte für Beschäftigung und Wachstum“ vor, da als Blaupause für die Agenda 2010 dient. Als Initiatoren des Vorschlags gelten der damalige Chef des Rates Wolfgang Wiegard und der damalige Generalsekretär Jens Weidmann, heute Präsident der Bundesbank.

August 2004

Beatrice Weder di Mauro wird erste Frau, erste Ausländerin und mit 38 Jahren als Zweitjüngste in den Rat berufen.

2013

Der Rat besteht seit 50 Jahren – und feiert das im Beisein von Bundeskanzlerin Angela Merkel und Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler in Berlin. Wolfgang Franz, der Vorsitzende des Jubiläumsjahrs, gibt am Monatsende sein Amt an.

Nach Einschätzung des Mannheimer Ökonomen ist die Schuldenkrise im Euro-Raum nicht ausgestanden. „Man sollte sich von der Ruhe an den Finanzmärkten nicht täuschen lassen. Das ist zum großen Teil auf das Engagement der EZB zurückzuführen.“

Franz forderte die Währungshüter in Frankfurt auf, das Ziel eines stabilen Euro nicht aus dem Blick zu verlieren. „Falls eine restriktive Geldpolitik erforderlich sein sollte, muss die EZB einem möglichen entgegengesetzten politischen Druck widerstehen, darauf vertraue ich.“

Einen Abwertungswettlauf zwischen den Industrienationen fürchtet Franz nicht. Japan wird vorgeworfen, seine Währung gezielt zu verbilligen, um die eigene Exportwirtschaft zu stärken. „Ich glaube nicht, dass das zu einem wirklichen Währungskrieg führt. Da hat man gelernt aus den Erfahrungen, dass letztlich jeder bei so einem Abwertungswettlauf verliert“, sagte ZEW-Präsident Franz, der Ende des Monats aus dem Sachverständigenrat und beim Mannheimer ZEW-Institut ausscheidet.

Die Wirtschaftsweisen, feiern an diesem Mittwoch in Berlin ihr 50-jähriges Jubiläum.

Von

dpa

Kommentare (5)

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Sarina

20.02.2013, 08:27 Uhr

Nach Einschätzung des Mannheimer Ökonomen ist die Schuldenkrise im Euro-Raum nicht ausgestanden.
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Wie denn auch? Mit Gesundbeten schaffen es gerade einmal die südeuropäischen Bankrotteure, den Norden am Nasenring vorzuführen - von einer substanziellen Besserung kann absolut keine Rede sein. Und wenn am Wochende Berlusconi in Italien das Ruder übernimmt, sieht die Welt ohnehin wieder ganz anders aus. Sollen wir etwa Rettungsschirme über Rettungsschirme installieren ...... und bei jeder Wahl in Europa das Zittern kriegen, weil dort nämlich - anders als bei uns - Politiker die Macht ergreifen, die knallharte nationale Interessen verfolgen?! So kann Europa nicht funktionieren, und der Euro schon gar nicht.

r-tiroch@t-online.de

20.02.2013, 08:46 Uhr

warum warnd denn keiner davor, dass wir die Gefahr einer Währungsreform haben? ach ja, die kommt dann urplötzich und unerwartet über Nacht, wo nie jemand was wußte, gell? ihr Pfeifen.

nomenestomen

20.02.2013, 10:02 Uhr

"Abwertungserfolge" sind verzeifelte Kurzfrist-Luftblasen ohne Bestand, ersetzen nicht eine internationale gesellschaftliche Wettbewerbsfähigkeit.

Die EZB-Beteiligung am Geldfluten der Finanzmärkte ist ebenfalls eine Kurzfrist-Luftblase - die Virtualität der Zahlen bleibt dabei grundsätzlich erhalten. Alle Bad Bank-Modelle arbeiten z.B. deshalb noch immer mit unzureichenden Werte-Abschreibungen.

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