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20.09.2011

11:46 Uhr

ZEW-Index

Konjunkturbarometer fällt auf niedrigsten Stand seit Ende 2008

Finanzexperten bewerten die Aussichten der deutschen Wirtschaft so schlecht wie lange nicht mehr. Der Index des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung fiel auf den niedrigsten Stand seit Dezember 2008.

Ein Mitarbeiter in der Produktion im BMW-Werk in Regensburg. dpa

Ein Mitarbeiter in der Produktion im BMW-Werk in Regensburg.

Mannheim/BerlinAnleger und Analysten schätzen die Aussichten für die deutsche Wirtschaft so schlecht ein wie seit fast drei Jahren nicht mehr. Die ZEW-Konjunkturerwartungen fielen im September um 5,7 Punkte auf minus 43,3 Punkte. „Ein noch niedrigerer Wert wurde zuletzt im Dezember 2008 verzeichnet“, teilte das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) am Dienstag zu seiner Umfrage und rund 300 Börsenexperten mit. Von Reuters befragte Analysten hatten sogar einen Rückgang auf minus 45,0 Punkte erwartet.

Konjunkturindikatoren

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklima

Der GfK-Konsumklimaindex soll die Konsumneigung der Privathaushalte abbilden. Hierfür befragt das Institut monatlich 2000 repräsentativ ausgewählte Personen über ihr Anschaffungs- und Sparneigung auf Sicht von 12 Monaten sowie über ihre Erwartungen zur Gesamtwirtschaftlichen Situation.

Geldmenge M1

Das Geldmengenaggregat M1 umfasst den Bargeldumlauf und Sichteinlagen (jederzeit verfügbare Einlagen, zum Beispiel auf Girokonten). Sie ist ein Indikator für die Transaktionshäufigkeit in einer Volkswirtschaft. Steigt die Geldmenge M1, so wird in der Regel auch mehr gekauft.

Handelsblatt Prognosebörse

Auf der Handelsblatt Prognosebörse handeln Teilnehmer ihre Erwartungen über die Entwicklung von sechs Konjunkturindikatoren - Bruttoinlandsprodukt, Inflationsrate, Arbeitslosenzahl, Exporte, Bruttoanlageinvestitionen und ifo-Index - über virtuelle Aktien. Der Ansatz stützt sich nicht auf das Wissen einzelner Experten, sondern auf das gesammelte Wissen aller Teilnehmer. Jeder Interessierte kann kostenlos ein Konto eröffnen und von dort Konjunkturindikatoren als Aktien handeln: Je nach seinen persönlichen Erwartungen über die Entwicklung eines Indikators, kauft oder verkauft er Aktien.

Auch die Lage wird nicht mehr so rosig eingeschätzt: Dieser Index fiel um 9,9 auf 43,6 Zähler. Die Schuldenkrise in Europa sowie die Angst vor einer weiteren Abschwächung der Weltkonjunktur hätten die Börsenprofis verunsichert, hieß es. „Die künftige Konjunkturentwicklung ist von hoher Unsicherheit geprägt, die die Stimmung von Investoren und Konsumenten nach Ansicht der Finanzmarktexperten eintrübt“, sagte
ZEW-Präsident Wolfgang Franz.

Analysten hatten eine Verschlechterung des Index bereits erwartet und reagierten gelassen. „Der ZEW-Index ist kein großer Aufreger. Wachstumsabkühlung 'is the name of the game', und hier in Deutschland stehen wir da ja noch ganz ordentlich da. Da trifft es große Volkswirtschaften wie Japan, USA oder Großbritannien deutlich stärker," sagt Eugen Keller vom Bankhaus Metzler.

Sein Kollege Ulrich Wortberg sieht im ZEW-Index auch ein schlechtes Vorzeichen für die Zahlen zum ifo-Geschäftsklimaindex, die Anfang nächster Woche veröffentlicht werden.

„Die Umfrage steht unter dem Einfluss getrübter Konjunkturaussichten und anhaltender Unsicherheiten in Bezug auf die EWU-Schuldenkrise. Zwar hat sich der Rückgang der Erwartungen aufgrund des
bereits tiefen Niveaus nicht weiter beschleunigt, die kräftige Reduzierung der Lagebeurteilung liefert aber für den ifo-Geschäftsklimaindex, eine negative Indikation,“ sagte Ulrich Wortberg von der HeLaBa.

Jörg Zeuner von der VP Bank sieht nach wie vor eine starke Diskrepanz zu den harten Konjunkturdaten. „Die harten Konjunkturdaten zeigen bisher zwar kaum Rückschläge an - die Industrieproduktion hat im Juli einen neuen Höchststand erreicht. Anleger und Wirtschaftsakteure agieren angesichts fehlender Lösungen für die Schulden- und Eurokrise aber orientierungslos - mit möglichen negativen Rückkoppelungen für Wirtschaft und Banken,“ sagte er.

Im zu Ende gehenden Sommerquartal halten die meisten Experten ein kräftiges Wachstum von einem halben Prozent und mehr für möglich, nachdem es im Frühjahr wegen sinkender Konsumausgaben nur zu einem Plus von 0,1 Prozent gereicht hatte. Nach Prognose der Industriestaaten-Organisation OECD könnte das Bruttoinlandsprodukt am Jahresende dann erstmals seit Anfang 2009 wieder schrumpfen.

Für das Gesamtjahr halten die meisten Institute noch ein Wachstum von knapp drei Prozent für möglich. Das Kieler IfW und das IWH Halle erwarten für 2012 nur noch ein Plus von 0,8 Prozent, weil die Schuldenkrise in Europa und die schlappe US-Konjunktur die Nachfrage nach deutschen Waren dämpfen dürften.

Kommentare (8)

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Neutral

20.09.2011, 11:34 Uhr

Diese Nachrichten sind fuer das HB oder die Bild relevant um eine "Schlagzeile" zu machen, doch fuer die Maerkte nicht wichtig.
Das die Stimmung schlechter wird..auch Dank an das HB !

Account gelöscht!

20.09.2011, 11:39 Uhr

Siemens hat eben 500 Millionen Euro von französischen Banken abgezogen und sicherheitshalber bei der EZB hinterlegt. Andere Firmen und Privatanleger tun ähnliches. Wenn Deutschland den verheerenden Fehler begeht, mit den Krisenländern eine Haftungsunion einzugehen - in welcher Art auch immer - dann wird schlagartig auch unser Land von Geldabflüssen betroffen sein. Die Wirtschaft wird dabei zu allererst und in stärkstem Maße Leidtragender sein. Sie profitiert schon jetzt mitnichten von der Euro-Chaoswährung, hat es - wenn man von den Großunternehmen absieht - auch noch nie. Deutsche Politiker sind dabei, immense Bürgschaften zu Lasten unseres Landes einzugehen. Sie ruinieren damit die deutsche Industrie, die Bürger und letztendlich auch unser Staatswesen. Das Konjunkturbarometer ist dabei ein Warnindikator. Wir müssen endlich zur Besinnung kommen: Der Euro ist nicht mehr zu halten. Ob das Projekt heere Ziele verfolgte ist mittlerweile schlicht irrelevant. Wir sind gerade dabei, von einem XXL-Aufschwung ind ein tiefes Loch zu stürzen, ein Fass ohne Boden und ohne zeitige Rückkehr.

Guido

20.09.2011, 11:54 Uhr

Dann wird ja alles gut.

Hat mal jemand verfolgt, wie häufig die ZEW-Prognose zutrifft? Die ZEW-Prognose ist die mit Abstand unzuverlässigste und fehlerhafteste Wirtschaftsprognose. Denn in der Befragung der Analysten und so genannten Finanzexperten kommen vor allem die Psychosen und der Herdentrieb an den Finanzmärkten zum Ausdruck. Die Finanzmärkte haben sich denkbar weit von der Realwirtschaft entfernt und an den Börsen regieren massive Übertreibungen. Nach unten wie nach oben. Als Indikator für realwirtschaftliche Entwicklungen ist der ZEW-Index unbrauchbar.

Da ist der IFO-Index interessanter. Da werden Unternehmer befragt, die für die nächsten Monate die Entwicklung im eigenen Unternehmen meistens recht gut abschätzen können.

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