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17.07.2012

11:31 Uhr

ZEW-Index

Ökonomen sehen Anzeichen für Stabilisierung

Das ZEW-Barometer für die Konjunkturerwartungen in Deutschland ist im Juli gefallen. ZEW-Präsident Franz konnte den Zahlen dennoch etwas positives abgewinnen. Der Rückgang fiel nicht so stark aus wie in den Vormonaten.

Zwei Personen tragen am zahlreiche Einkaufstüten durch ein Geschäft. dpa

Zwei Personen tragen am zahlreiche Einkaufstüten durch ein Geschäft.

Berlin/MannheimDie eskalierende Schuldenkrise steigert die Konjunkturskepsis der Börsenprofis in Deutschland. Das ZEW-Barometer für die Entwicklung der deutschen Wirtschaft in den kommenden sechs Monaten fiel im Juli um 2,7 Punkte und steht nun nach Angaben des Mannheimer Instituts vom Dienstag bei minus 19,6 Zählern. Dies war der dritte Rückgang in Folge. Von Reuters befragte Ökonomen hatten eine Abschwächung auf minus 20 Punkte erwartet.

Konjunkturindikatoren

ZEW-Konjunkturerwartungen

Der vom Mannheimer Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) herausgegebene Index beruht auf der Befragung von 350 Analysten und Finanzmarktexperten. Sie geben dabei ihre Einschätzung über die künftige Wirtschaftsentwicklung ab. Der Index zur mittelfristigen Konjunkturentwicklung ergibt sich aus der Differenz der positiven und negativen Erwartungen über die künftige Wirtschaftsentwicklung. Er wird zur Monatsmitte erhoben.

ifo-Index

Der international beachtete Index basiert auf einer Befragung von etwa 7000 Unternehmen aus Bau, Einzelhandel und Industrie. In einem Fragebogen beurteilen sie ihre gegenwärtige Geschäftslage sowie die Erwartungen für die Zukunft. Beide werden im Geschäftsklima zusammengefasst. Der Index ergibt sich aus dem Saldo der Antworten gut und schlecht.

Einkaufsmanagerindex

Wird von der britischen Forschergruppe Markit erhoben. Er beruht für Deutschland auf Umfragen unter Einkaufsmanagern von 500 repräsentativ ausgewählten deutschen Industrieunternehmen. Bestandteile des Index sind Auftragseingänge, Preise und Beschäftigung. Der Index hat einen relativ kurzen Vorlauf gegenüber der Produktion.

Geldmenge (M1)

Umfasst den Bargeldumlauf und die Sichteineinlagen, wie zum Beispiel Sparbücher. Da die in M1 enthaltenen Bestandteile direkt für Transaktionen zur Verfügung stehen, deutet ein Anstieg darauf hin, dass die Kaufbereitschaft der Konsumenten und Unternehmen steigt. Der Indikator hat einen Vorlauf von zwei bis drei Quartalen.

 

Baltic Dry Index (BDI)

Der BDI ist ein Preisindex für die Verschiffungskosten wichtiger Rohstoffe wie Stahl, Eisenerz, Kohle und Getreide auf Standardrouten. Er wird durch das Angebot an frei stehendem Schiffsladeraum und die Hafenkapazitäten beeinflusst. Da Rohstoffe als Vorprodukte am Anfang der Wertschöpfungskette stehen, ist der BDI ein guter Frühindikator für die Weltkonjunktur.

GfK-Konsumklimaindex

Der Index des Nürnberger Marktforschungsinstituts GfK prognostiziert die Veränderung der monatlichen privaten Konsumausgaben. Hierfür werden 2000 repräsentativ ausgewählte Personen nach ihren Einkommens- und Konjunkturerwartungen befragt.  

 

"Der Rückgang der Konjunkturerwartungen für das Jahresende 2012 flacht langsam ab. Vielleicht sind das die Vorboten einer erfreulichen Entwicklung im Jahr 2013", sagte ZEW-Präsident Wolfgang Franz. Dennoch dürften die Risiken nicht kleingeschrieben werden. Neben der schwachen Nachfrage aus der Euro-Zone nach deutschen Exportgütern belaste die heimische Konjunktur, dass die Wachstumsdynamik in weiteren wichtigen Partnerländern abnehme.

Wie Deutschland für den Abschwung gerüstet ist

Staatshaushalt

Im internationalen Vergleich steht Deutschland mit seinem Staatshaushalt gut da. Auf Pump finanzierte Konjunkturprogramme lehnt die Bundesregierung ab. Nach dem aktuellen deutschen EU-Stabilitätsprogramm kommt der Gesamtstaat aus Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen schon in zwei Jahren ohne neue Schulden am Finanzmarkt aus. Schon 2011 hatte das Defizit nur noch bei einem Prozent gelegen. Auch strukturell - also unabhängig vom Auf und Ab der Konjunktur - schließt sich die Lücke zwischen den Einnahmen und Ausgaben.
Damit einher geht, dass der in Jahrzehnten angehäufte Schuldenberg allmählich an Bedeutung verliert: Die Schuldenstandsquote soll von 82 Prozent des BIP 2012 auf 73 Prozent in 2016 zurückgehen. Fazit: Der Staat ist weit davon entfernt, wegen eines moderaten Abschwungs in die Knie zu gehen.



Sozialkassen

Die mit dem Aufschwung der vergangenen Jahre einhergegangene Rekordbeschäftigung hat die Lage der Sozialkassen erheblich entspannt. So erwartet die Bundesagentur für Arbeit (BA) dieses Jahr einen Überschuss von 1,3 Milliarden Euro. Allerdings warnen die Arbeitgeber bereits, bei einer Konjunkturabkühlung könnte die BA schnell wieder auf Zuschüsse des Bundes angewiesen sein. Rosiger schätzt das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel die Aussichten für die BA ein: Es erwartet 2012 einen Überschuss von fast drei Milliarden Euro.
Alle Sozialkassen zusammen - also Kranken-, Pflege-, Renten- und Arbeitslosenversicherung - könnten dem IfW zufolge in diesem Jahr auf einen Überschuss von 15 Milliarden Euro kommen. Damit hätten sie zumindest ein kleines Polster für den Abschwung.

Unternehmen

Noch sind die Auftragsbücher der Unternehmen gut gefüllt. Wie schnell die im Aufschwung angelegten Puffer aber schmelzen können, hat die Finanzkrise 2008/09 gezeigt. Auch ihr ging ein jahrelanger Aufschwung voraus, der in die schwerste Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit mündete. Und dennoch: Nie hatten so viele Deutsche einen Job wie jetzt. Viele Unternehmen werden selbst bei einem Konjunktureinbruch versuchen, ihre Mitarbeiter zu halten. Denn Fachkräfte sind in Deutschland rar.
Auch der Bauboom dürfte die Wirtschaft selbst bei einem plötzlichen Konjunktureinbruch noch eine Weile stützen. Im ersten Quartal zog die Bauindustrie 12,5 Prozent mehr Aufträge an Land als ein Jahr zuvor. Bis die abgearbeitet werden können, vergehen Monate und Jahre, und bis dahin kann sich die Wirtschaft schon wieder erholt haben.

Politik

Paradoxerweise ist es von Vorteil, dass der jüngste scharfe Konjunktureinbruch nur drei Jahre zurückliegt: Die Erfahrung der handelnden Politiker ist frisch, und sie können auf Konzepte wie die Kurzarbeit zurückgreifen, die sich damals bewährt haben. Allerdings hat mit dem Aufschwung 2010/11 der Reformwille in der Politik nachgelassen. Dabei gäbe es noch immer genug zu tun, um den Standort fitzumachen für den demografischen Wandel und künftige Flauten. So bemängelt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), höhere Beiträge zur Kranken- und Arbeitslosenversicherung hätten die Arbeitskosten 2011 erhöht. Unter den OECD-Ländern wird nur in Belgien der Faktor Arbeit noch stärker belastet.

Auch Heinrich Bayer von der Postbank wertete die Zahlen ebenfalls als Zeichen für eine Stabilisierung. "Nach den Abstürzen der vergangenen zwei Monate sehen wir zum ersten Mal Stabilisierungsansätze. Die Stimmung ist weiterhin gedrückt, aber das Bild hat sich nicht mehr maßgeblich verschlechtert, sagte er. Die Lage habe sich allerdings deutlich verschlechtert. " Und je schlechter die Lage ist, desto leichter ist es natürlich zu einer Stabilisierung der Erwartungen zu kommen."
Pessimistischer äußerte sich hingegen Andreas Scheuerle von der Dekabank. "Die Konjunkturaussichten haben sich weiter eingetrübt. Während die Konjunktur in der Euro-Zone unter der Schuldenkrise und den Sparanstrengungen zusehends leidet, zeigen sich die Indikatoren aus dem Rest der Welt schwach," sagte Scheuerle. "Wir erwarten ein schwaches Sommerhalbjahr mit einer Rezession in der Euro-Zone und einem nahezu stagnierenden Wachstum in Deutschland."



Von

dapd

Kommentare (4)

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bond

17.07.2012, 12:06 Uhr

Wenn es nicht alles so schlimm wäre könnte man ja glauben was die Ökonomen so sehen aber vor wirtschaftlichen Katastrophen und der Bundestagswahl 2013 muss man ja die Bevölkerung positiv stimmen.
Mit anderen Worten das böse Ende kommt noch für Deutschland !
Alles gute an die Politik...

whisky

17.07.2012, 12:16 Uhr

Zu Herrn Franz hab ich was gelesen, und zwar über die eMail von Notheis an Herrn Mappus: Die Mail zeigt, dass Franz von der Politik abhängig ist, ihr „einen Gefallen schuldet“. Die Mail stammt vom 22. November 2010. Anfang Februar 2011 wurde Franz von Mappus für dens Aufsichtsrats der EnBW nominiert. Am 27. März wurde sein Gönner Mappus abgewählt, am 19. April legte Franz seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat von EnBW nieder.
Ein Schelm der hier irgendwelche Zusammenhänge sieht!
Hätte Franz nur ein wenig „wissenschaftlichen“ Anstand müsste er als Vorsitzender des Sachverständigenrates zurücktreten.
http://www.nachdenkseiten.de/?p=13856#h11

Account gelöscht!

17.07.2012, 14:34 Uhr

„Ökonomen sehen Anzeichen für Stabilisierung.“ Das kann doch nur ein schlechter Witz sein. Seit Jahren und Monaten erleben wir die nicht mehr enden wollende Banken- und Wirtschaftskrise.

Wir spüren die Rezessionen in den verschiedenen EU-Staaten und den massiven Sozialabbau in Südeuropa.

Die Politik zeigt uns keine vernünftige Lösung der Banken- und Wirtschaftskrise auf. Sämtliche Banken dürfen weiterhin wie wild mit unserem Steuergeld zocken, und dann diese Aussage „Ökonomen sehen Anzeichen für Stabilisierung.“ Sind diese Ökonomen völlig besoffen?

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