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04.04.2012

16:35 Uhr

Zinsentscheid

EZB belässt Leitzins auf Rekordtief

Die Zinsen im Euroraum bleiben auf Rekordtief. Die Europäische Zentralbank belässt den Leitzins bei einem Prozent. Analysten nehmen die Entscheidung nüchtern auf. Für Deutschland bleiben indes auch Risiken.

Die Europäische Zentralbank hält die Zinsen auf Rekordtief. dapd

Die Europäische Zentralbank hält die Zinsen auf Rekordtief.

FrankfurtDie Zinsen im Euroraum bleiben auf Rekordtief. Der Zins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen, bleibe weiterhin auf seinem Rekordtief von 1,00 Prozent. Das teilte die Notenbank nach einer Sitzung des EZB-Rates am Mittwoch in Frankfurt mit. Die Entscheidung war von den meisten Beobachtern erwartet worden. Nach der jüngsten Geldflut für die Banken hatte sich die Lage an den Märkten entspannt.

Im Dezember und Februar hatten die Währungshüter den Geschäftsbanken extrem billiges Geld für bis zu drei Jahre angeboten. Die Banken liehen sich insgesamt gut eine Billion Euro. Danach hatte Notenbank-Präsident Mario Draghi bilanziert: „Das Schlimmste ist vorüber, aber es gibt auch noch Risiken. Die Lage stabilisiert sich.“

Viele Volkswirte rechnen damit, dass die EZB den Zins noch für einige Zeit bei diesem niedrigen Satz belassen dürfte. Damit wird der außerhalb Deutschlands schwächelnden Konjunktur und den Staatshaushalten der Euro-Schuldenländern geholfen, weil die Zinsen für Kredite niedrig bleiben.

Analyst Uwe Angenendt von der BHF Bank sagte in einer ersten Reaktion: „Es gab keine neuen Botschaften. Die EZB will erst die Wirkung ihrer Langfristtender abwarten, der zweite hat sich ja noch nicht wirklich in den Daten niedergeschlagen. Insofern ist zu erwarten, dass die EZB in den kommenden Wochen und Monaten seitwärts fahren wird."

Michael Schubert von der Commerzbank wagt einen Ausblick: „Der Leitzins wird noch lange Zeit auf diesem Niveau verharren. Mindestens noch in diesem Jahr. Draghis Inflationswarnung klang zunächst etwas schärfer als zuletzt. Er ist dann aber wieder zurückgerudert. Draghi hält einen Ausstieg aus den unkonventionellen Maßnahmen für verfrüht. Das ist eine recht klare Aussage."

Protokoll: EZB-Präsident sieht Inflation mittelfristig im Griff

Protokoll

Draghi sieht Inflation im Griff

Das Protokoll der EZB-Pressekonferenz vom 4. April 2012.

Draghi selbst ließ keinen Zweifel daran, dass die EZB über ausreichend Instrumente verfüge, das Geld beizeiten wieder aus dem System zu nehmen, um Inflationsgefahren zu begegnen. Einen Zeitplan für den Ausstieg aus ihrer expansiven Geldpolitik nannten die Währungshüter bislang nicht.

Hohe Energiepreise hielten die Teuerung zuletzt auf hohem Niveau. Mittelfristig erwarten Experten aber Entspannung an der Preisfront und Werte unterhalb der EZB-Warnschwelle von 2,0 Prozent. Dieser Trend spricht eher gegen Zinserhöhungen, denn höhere Zinsen sind ein Mittel gegen Inflation. Die meisten Volkswirte rechnen inzwischen erst 2013 mit Zinsanpassungen im Euroraum.

Das Problem der „Target II“-Salden in der Euro-Zone

Schuldenkrise bedroht gesamtes Geldwesen

Glaubt man Ökonomen wie Ifo-Chef Hans-Werner Sinn, rollt auf die Bundesbank wegen der Schuldenkrise ein Mega-Problem zu, das zu einem Zusammenbruch unseres gesamten Geldwesens führen könnte. Dabei geht es um die
sogenannten „Target“-Forderungen der deutschen Zentralbank gegenüber den Zentralbanken Portugals, Italiens, Irlands, Griechenlands und Spaniens - also der Länder, die im Fokus der Schuldenkrise stehen. Worin genau besteht das Problem und welche Lösungsansätze werden zurzeit diskutiert?

Was ist Target?

Target ist das Zahlungsverkehrssystem der europäischen Zentralbanken, über das die Geschäftsbanken grenzüberschreitende Zahlungen abwickeln. Am einfachsten lässt sich seine Funktion an einem Beispiel erklären: Ein griechischer Lebensmittelhersteller kauft bei einem deutschen Unternehmen eine Verpackungsmaschine. Den Kaufpreis leitet der griechische Käufer (Importeur) über seine Geschäftsbank, die griechische Notenbank, die Bundesbank und eine deutsche Bank an den Verkäufer (Exporteur) weiter.

Wo liegt das Problem?

Eigentlich ist jetzt alles gut: Der griechische Importeur hat die Verpackungsmaschine, der deutsche Exporteur sein Geld. Das Problem entsteht hinter der Kulisse: Die Bundesbank hat den Betrag an die deutsche Geschäftsbank und damit letztlich an den Exporteur ausgezahlt und nun ihrerseits eine Forderung an die griechische Zentralbank. Aber was ist diese Forderung wert? Denn was wäre, wenn Griechenland aus der Euro-Zone ausscheiden würde?

In früheren Zeiten des Goldstandards hätte die griechische Seite der Bundesbank nun Gold gutgeschrieben - der Saldo wäre ausgeglichen. Heute besteht die Forderung nur auf dem Papier. In normalen Zeiten wäre das Problem nicht so gravierend, weil die Geschäfte in beide Richtungen liefen. Wegen ihrer tiefen Krise importieren die Problem-Länder aber mehr als sie exportieren.

Die Dimension

So lange die Euro-Zone existiert, sind die Unterschiede in der Zahlungsbilanz an sich kein großes Drama. Der denkbare Euro-Austritt Griechenlands oder gar ein Zerfall des gemeinsamen Währungsraums und die schieren Summen, um die es geht, stellen aber nach Meinung vieler Experten mittlerweile ein enormes Risiko dar: Die „Target“-Forderungen der Bundesbank haben sich bis Juni 2012 auf fast 727 Milliarden Euro summiert. Bei einem Zusammenbruch des Euro-Systems bliebe die Bundesbank auf diesen Forderungen sitzen - und damit letztlich die deutschen Steuerzahler.

Welche Lösungen gibt es?

Die USA haben ein ähnliches Zahlungsverkehrssystem namens Fedwire, in dem die Differenzen zwischen den regionalen Filialen der US-Notenbank Fed ausgeglichen werden: Die Ungleichgewichte werden einmal im Jahr durch Wertpapiere korrigiert, die in den Beständen der Fed-Niederlassungen liegen. Das ließe sich auch in Europa so machen. Hier stellt sich aber die Frage nach der Güte der Wertpapiere, die in den Bilanzen der Zentralbanken stehen.

Denn mittlerweile akzeptieren die Euro-Notenbanken wegen der Schuldenkrise Papiere von fraglicher Qualität, die die Banken bei ihnen als Sicherheiten für Kredite hinterlegen. So reicht derzeit sogar aus, wenn eine Bank im Gegenzug für Zentralbank-Geld, einzelne Unternehmenskredite an die Notenbank verpfändet.

Bundesbank-Präsident Jens Weidmann fordert deshalb eine Rückkehr zu den höheren Qualitätsanforderungen der Zentralbanken an hinterlegte Papiere, die vor der Finanzkrise gegolten hatten.

In Deutschland könnte der niedrige Zins allerdings auch Schäden anrichten, weil die Arbeitslosigkeit niedrig ist und manche Banken auf hohen Einlagen ihrer Kunden sitzen. Auf mittlere Sicht könne das zu einer Immobilien-Blase führen, weil Privatleute massenhaft zu Investitionen in Eigenheime angespornt werden, sagte der Chefvolkswirt der DekaBank, Ulrich Kater. „Ich rechne mit ziemlicher Sicherheit mit Übertreibungen am deutschen Wohnungsmarkt“, sagte Kater der Nachrichtenagentur dapd.

EZB-Präsident Mario Draghi wird die Zinsentscheidung am Nachmittag in einer Pressekonferenz kommentieren. Draghi dürfte sich aus Sicht von Beobachtern zum ersten Mal vorsichtig zum Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes äußern.

Wichtige Begriffe zum Thema EZB

Bundesbank

Die Bundesbank ist die deutsche Zentralbank mit Sitz in Frankfurt am Main. Sie ist 1957 entstanden durch die Zusammenführung der Landeszentralbanken, der Berliner Zentralbank und mit der Bank der deutschen Länder. Oberstes Organ der Bundesbank ist der Zentralbankrat. Auf europäischer Ebene ist die Bundesbank seit 1999 integraler Bestandteil des Europäischen Zentralbankensystems. Sie erfüllt verschiedene Funktionen. Notenbank: Ausgabe von Banknoten; Bank der Banken in Deutschland: Guthaben für Kreditinstitute und Bankdienstleistungen; Hausbank des Staates: Verwaltung des Zahlungsverkehrs für die öffentlichen Haushalte; Verwaltung der Währungsreserven: Devisen, Sorten und Gold.

Einlagefazilität

Die Einlagefazilität ist ein geldpolitisches Instrument im Europäischen System der Zentralbanken (ESZB). Es bietet den Banken die kontinuierliche Möglichkeit, Guthaben bis zum nächsten Geschäftstag zu einem vorgegebenen Zinssatz bei der Zentralbank kurzfristig anzulegen (Übernacht-Guthaben). Der Zinssatz für diese Fazilität bildet die Untergrenze für den Tagesgeldsatz am Geldmarkt (bis 1999 der Diskontsatz). Er ist einer der Leitzinsen im Eurosystem. Siehe auch: Spitzenrefinanzierungsfazilität.

Geldmengen

Unter Geldmenge versteht man den gesamten Bestand an Geld, der in einer Volkswirtschaft zur Verfügung steht. Die Geldmenge kann durch Geldschöpfung erhöht und durch Geldvernichtung gesenkt werden. In der Volkswirtschaftslehre und von den Zentralbanken werden verschiedene Geldmengenkonzepte unterschieden, die mit einem M, gefolgt von einer Zahl bezeichnet werden. Für M1 und die folgenden Geldmengenaggregate M2 und M3 gilt stets, dass das Geldmengenaggregat mit einer höheren Zahl das mit einer niedrigeren einschließt. Eine niedrigere Zahl bedeutet mehr Nähe zur betrachteten Geldmenge und zu unmittelbaren realwirtschaftlichen Transaktionen. Die Geldbasis M0 stellt die Summe von Bargeldumlauf und Zentralbankgeldbestand der Kreditinstitute dar. Geldvolumen M-1 = Bargeldumlauf ohne Kassenbestände der Banken, aber einschließlich Sichteinlagen inländischer Nichtbanken. M-2 = Geldvolumen M-1 zuzüglich Termingelder inländischer Nichtbanken mit Laufzeiten unter vier Jahren. M-3 = Geldvolumen M-2 zuzüglich Spareinlagen inländischer Nichtbanken mit gesetzlicher Kündigungsfrist.

Kreditplafondierung

Die Kreditplafondierung ist ein geldpolitisches Instrument zur Beschränkung des Geldmengenwachstums. Es wirkt auf die Kreditvergabe der Geschäftsbanken an private Wirtschaftssubjekte und damit auf die Buchgeldschöpfung der Geschäftsbanken. Dabei werden in periodischen Zeitabständen bestimmte Kreditzuwachsraten fixiert, um die die Kredite von Banken ausgeweitet werden dürfen. Die Kreditplafondierung kann auf einer freiwilligen Vereinbarung zwischen Banken und der Zentralbank oder auf einer gesetzlichen Regelung basieren. Mögliche Probleme entstehen z.B. dadurch, dass eine Festlegung der Höchstgrenzen für das Kreditwachstum der Zentralbank sehr diskretionär ist, die Kreditplafondierung einen starken Eingriff in den freien Markt darstellt, sich strukturpolitische Probleme ergeben können und z.B. große Unternehmen auf ausländische Kreditgeber ausweichen.

Leitwährung

Eine Leitwährung ist eine nationale Währung, die im internationalen Finanz- und Währungssystem eine herausgehobene Rolle spielt. Andere Währungen orientieren sich an den Kursen der Leitwährung, weiterhin fungiert sie als Reservewährung, in der die Notenbanken ihre Währungsreserven ganz oder teilweise anlegen. Sie wird damit zum internationalen Zahlungsmittel. Vor 1914 galt das Britische Pfund als Leitwährung, danach wurde es vom US-Dollar abgelöst, mit dem heute Euro und Yen konkurrieren.

Leitzinsen

Leitzinsen geben die Bedingungen an, zu denen sich Kreditinstitute bei Noten- und Zentralbanken mit Geld versorgen. Die Noten- und Zentralbanken können daher durch die Festsetzung ihrer Zinssätze die Zinsverhältnisse am Geldmarkt und die allgemeine Zinsentwicklung entscheidend beeinflussen. Hierbei lassen sich verschiedene Zielrichtungen der Geldmarktsteuerung erkennen. Eine Anhebung des Leitzinses steht für eine restriktivere Geldpolitik mit dem Ziel die Inflation niedrig zu halten. Eine Senkung des Leitzinses hingegen entspricht einer expansiven Geldpolitik, bei der Kreditnehmer begünstigt werden. Eine Leitzinsänderung wirkt sich mit einer Verzögerung von etwa einem Jahr auf Wachstum und Inflation nieder. Das Ziel jeder Zentralbank ist es für ein stabiles Preisniveau zu sorgen und die Inflationsrate niedrig zu halten.

Spitzenrefinanzierungsfazilität

Mit diesem Instrument können sich Banken kurzfristig Zahlungsfähigkeit (Liquidität) verschaffen, indem sie Sicherheiten (Wertpapiere) für einen Tag an die Europäische Zentralbank (EZB) verpfänden. Dank eines solchen Übernachtkredits können sie ihre Liquidität vorübergehend sichern, wenn sie nicht alternativ Geld bei anderen Geschäftsbanken zu besseren Konditionen erlangen. Der von der EZB festgelegte Zinssatz für die Spitzenrefinanzierungsfazilität (bis 1999 der Lombardsatz) bildet die Obergrenze des Tagesgeldsatzes am Geldmarkt und ist daher ein Leitzins.

Kommentare (6)

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Account gelöscht!

04.04.2012, 14:31 Uhr

Drucki enteignet die Sparer fleissig weiter und unsere Regierung sieht gelassen zu, wie unsere Ersparnisse jeden Tag weniger wert werden. Dies ist die Konsequenz von Druckis Politik - Enteignung der Aufrichtigen um jene zu foerdern, welche das Geld verschleudern.

Frau Merkel, was sagen eigentlich Sie dazu, dass wir von dem so ausgenommen werden? Ist Ihnen offensichtlich voellig egal.

firlefranz77

04.04.2012, 14:41 Uhr

Nö, sie wägt aber die Alternativen ab und stellt dabei richtigerweise fest, dass diese Deutschland noch teurer kämen. Also hören Sie auf zu jammern!

Account gelöscht!

04.04.2012, 15:02 Uhr

@Anonymer Benutzer: firlefranz77

Es ist ein schlechtes Zeichen fuer eine Regierung, wenn sie "Alternativen" von aussen akzeptieren muss, die dem eigenen Volke wenig dienlich sind, nur um nicht noch schlechter dazustehen. Es ist beschaemend, dass wir so tief gesunken sind und es ist bestuerzend, dass ein italienischer Herr Draghi uns voellig ungehindert enteignen darf.

Zusammenfassend wuerde ich sagen, es ist eine Schande, dass wir so eine Regierung haben und hatten, die die heutige Situation ueberhaupt ermoeglicht(e).

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