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09.06.2015

10:21 Uhr

Zinswende in Sicht

Sorgenfalten an den US-Börsen

Die US-Konjunktur nimmt Fahrt auf. Der Markt sei längst überfällig für „eine solide Korrektur“, sagen Experten. Die Zinsanhebungen der US-Notenbank Fed werden dafür voraussichtlich ein Katalysator sein.

Banges Warten auf die Zinswende: In der Vergangenheit waren die Kurs-Gewinn-Verhältnisse nach einsetzenden Zinsanhebungen der US-Notenbank nicht in der Lage, noch wesentlich weiter zu steigen. Im Gegenteil: Um durchschnittlich 7,2 Prozent sind die Bewertungen im ersten Quartal nach jeder der zwölf letzten Zinsanhebungszyklen gesunken. dpa

Börsenmakler an der New Yorker Börse

Banges Warten auf die Zinswende: In der Vergangenheit waren die Kurs-Gewinn-Verhältnisse nach einsetzenden Zinsanhebungen der US-Notenbank nicht in der Lage, noch wesentlich weiter zu steigen. Im Gegenteil: Um durchschnittlich 7,2 Prozent sind die Bewertungen im ersten Quartal nach jeder der zwölf letzten Zinsanhebungszyklen gesunken.

New YorkNiemals zuvor hat eine Rally an den US-Aktienmärkten so lange ohne eine Leitzinsanhebung angedauert. Falls der Blick in die Geschichte Klarheit verspricht, müsste die Erholung zu Beginn des Zinsanhebungszyklus auslaufen.

Die Bewertungen im breiten US-Aktienindex Standard & Poor's 500 sind unterdessen weit von Rekordständen entfernt. In der Vergangenheit waren die Kurs-Gewinn-Verhältnisse nach einsetzenden Zinsanhebungen der US-Notenbank nicht in der Lage, noch wesentlich weiter zu steigen. Im Gegenteil: Um durchschnittlich 7,2 Prozent sind die Bewertungen im ersten Quartal nach jeder der zwölf letzten Zinsanhebungszyklen gesunken. Das geht aus Daten von Goldman Sachs Group Inc. und Bloomberg hervor.

Das alleine verstärkt die Sorgenfalten an den US-Börsen, aber vielleicht noch entscheidender sind die Pläne der Fed zur Straffung der Geldpolitik angesichts der Wirtschaftslage. Von einem Boom ist die US-Konjunktur derzeit weit entfernt.

Sollten die Währungshüter ihre Leitzinsen noch vor dem Jahresende anheben, so täten sie das in einem Jahr, in dem die Unternehmensgewinne laut Analystenprognosen um nicht mehr als 1,4 Prozent steigen werden. Das ist das schwächste Wachstum vor Beginn eines Zinsanhebungszyklus seit dem Jahr 1980.

Pro und Kontra für eine Zinswende der Fed

Pro: Robuste Konjunktur

Die amerikanische Wirtschaft hat sich in den letzten Jahren stark von dem Einbruch nach der Wirtschaftskrise erholt. Von Abschwung oder Krise ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Einige Fachleute argumentieren sogar, dass die Notenbank ihre Geldpolitik schon zu lange locker hält. Die Gefahr: Fließt zu viel billiges Zentralbankgeld in Vermögenswerte wie Häuser, könnte das zu ähnlichen Übertreibungen führen wie vor dem Ausbruch der Finanzkrise.

Pro: Boom am Arbeitsmarkt

Als Folge der robusten Wirtschaft hat sich die Lage am Arbeitsmarkt stark gebessert. Allein im vergangenen Jahr sind mehr als drei Millionen Jobs entstanden. Die Arbeitslosigkeit ist massiv gefallen und bewegt sich mittlerweile auf einem Niveau, ab dem die Notenbank von Vollbeschäftigung spricht. Unicredit-Experte Harm Bandholz sagt sogar, der Arbeitsmarkt sei bereits „heißgelaufen“. Rekordniedrige Zinsen hat der Jobmarkt jedenfalls nicht mehr nötig.

Kontra: Schwache Inflation

Trotz robuster Wirtschaft und fallender Arbeitslosigkeit ziehen die Preise nicht an. Was amerikanische Verbraucher freut, ängstigt die Notenbank. Denn sie hat nicht nur das Ziel, das Wachstum zu beleben, sie muss auch die Preise stabil halten. Weil in einer wachsenden Wirtschaft die Preise zwangsläufig steigen, sieht die Fed ihr Inflationsziel bei zwei Prozent. Davon ist sie zurzeit weit entfernt.

Kontra: Löhne ziehen nicht an

Der vielleicht wichtigste Grund, der die Zinswende hinauszögern könnte, sind die allenfalls moderat steigenden Löhne. Zwar rechnen viele Fachleute damit, dass die Gehälter durch den Jobboom bald steigen werden. „Bisher aber zeigen die Löhne kaum Anzeichen eines stärkeren Zuwachses“, sagt USA-Experte Bernd Weidensteiner von der Commerzbank. Ob die Fed tatsächlich mit Zinsanhebungen beginnt, ohne dass sich Lohndruck abzeichnet, ist aber fraglich.

Kontra: Der starke Dollar

Die amerikanische Währung hat in den vergangenen Monaten massiv an Wert gewonnen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Ein wichtiger Punkt ist gerade die Erwartung steigender Leitzinsen, weil höhere Zinsen Anlagen in den USA lukrativer machen. Das bringt die Fed in die Zwickmühle: Hebt sie die Zinsen tatsächlich an, könnte der Dollar weiter zulegen - und zu einer Belastung für die amerikanische Konjunktur werden.

Kontra: Fed allein auf weiter Flur

Neben der Federal Reserve denkt derzeit keine andere große Zentralbank über Zinsanhebungen nach. Im Gegenteil: Viele Notenbanken, darunter die Europäische Zentralbank, lockern ihre Geldpolitik und schwächen so ihre Währungen. Das setzt die Fed unter Druck, weil der Dollar jetzt umso stärker steigt. Als Folge verteuern sich amerikanische Produkte für ausländische Abnehmer, was die Exportwirtschaft belastet. Zudem werden Einfuhren in die USA günstiger, was die ohnehin schwache Inflation zusätzlich dämpft.

„Auf weitere Verdoppelungen würde ich jetzt nicht setzen“, sagte Fondsmanager Mark Spellman von Alpine Funds in Purchase, New York. Das heiße nicht, dass nun gleich die Totenglöckchen klingeln würden oder ein Bärenmarkt drohe. „Aber es wird die Kursgewinne sicher deckeln“, sagte er.

Seit einem Tiefpunkt im Oktober 2011 bei 11,9 hat die Bewertung im S&P 500 im letzten Dezember einen Wert von 18,3 erreicht. Seitdem war sie jedes Jahr angestiegen und hat den Index um 87 Prozent angeschoben. Mittlerweile sind 18,4 erreicht und damit liegen die Bewertungen um mehr als zwei Prozent über dem Zehnjahresdurchschnitt.

Was die Gewinne anbelangt, werden derzeit die Prognosen so schnell gesenkt wie seit sechs Jahren nicht mehr. Im Mittel waren die Unternehmensgewinne seit 2009 um 15 Prozent gestiegen. Die seit 2009 anhaltende Rally ist erst kürzlich zur zweitlängsten der letzten 60 Jahre geworden. Damit ist auch klar, dass eine Wende bevorstehen könnte.

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